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Ein Monat Krieg: Iraner berichten vom Alltagsleben unter Beschuss

Relatives of a man who was killed on Friday in an Israeli airstrike, mourn over his body during a funeral procession in Saksakiyeh village , south Lebanon, Saturday, March 28, 2026. (AP Photo/Hussein  ...
Zwischen einer standhaften Fassade und wachsender Verzweiflung beschreiben die von der Nachrichtenagentur AFP gesammelten Zeugenaussagen ein Alltagsleben im Umsturz und eine ungewisse Zukunft.
bild: Keystone

Ein Monat Krieg: Iraner berichten vom Alltagsleben unter Beschuss

Seit einem Monat anhaltender israelisch-amerikanischer Luftangriffe leben die Iraner im Rhythmus der Explosionen, Inflation und verschärften Sicherheitsmassnahmen. Betroffene berichten.
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28.03.2026, 19:0228.03.2026, 20:15

Einen Monat nach Beginn der anhaltenden israelisch-amerikanischen Bombenangriffe sind die kurzen Nächte und Versorgungsengpässe alltägliches Leid geworden, die zunehmende Verschärfung der Sicherheitsmassnahmen fast schon Gewohnheit. Die Nachrichtenagentur AFP hat folgende Zeugenaussagen von Iranern gesammelt.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Lähmende Inflation

«Ich habe überhaupt kein Einkommen mehr», klagt Golnar. Die 29-Jährige wohnt in Teheran und konnte früher von ihrem Online-Shop leben. Sie fügt hinzu:

«In unserer Familie arbeitet normalerweise jeder, und wir zahlen nicht einmal Miete – trotzdem können wir uns Dinge wie Restaurantbesuche oder Freizeitaktivitäten nicht leisten. Wir erlauben uns nur die nötigsten Ausgaben zur Lebenshaltung.»

Sadeq, 42, lebt auf der Insel Qeshm, einem touristischen Hotspot Irans, direkt am Eingang der Strasse von Hormus gelegen. Statt der üblichen prunkvollen Hochsaison glich das persische Neujahrsfest Nouruz diesmal einem Desaster.

«Unser Hotel und unsere Cafés sind nur halb voll», bemerkt er. Wobei:

«Viele Menschen kamen hierher, um länger zu bleiben und abzuwarten, wie sich der Krieg entwickeln wird.»

Um ein Beispiel zu nennen: «Manchmal müssen wir stundenlang warten, um Treibstoff zu bekommen.»

Der Anschein von Normalität

Viele der widerstandsfähigen Iraner, die sich seit Langem an die Folgen der Sanktionen gewöhnt haben, leben offenbar weiterhin nach ihren Gewohnheiten.

In Teheran «herrscht kein Hunger, alles ist verfügbar. Die Cafés sind geöffnet und wir gehen immer aus … Es gibt Benzin, Wasser und Strom», beschreibt Shayan, ein 40-jähriger Einwohner. Er gibt zu:

«Aber wir alle verspüren ein Gefühl der Ohnmacht.»

«Wir treffen uns mit Familie und Freunden, spielen Karten und trinken etwas. Die Geschäfte und Restaurants haben bis 21 Uhr geöffnet, aber die Stadt wirkt wie ausgestorben. Die meisten Leute sind weg.»

Eine weitere Einwohnerin Teherans teilt ihren Eindruck mit, sich «an die Situation gewöhnt» zu haben.

An injured woman talks on her cellphone as she sits next to her belongings after leaving her apartment following a strike that hit a residential building Tehran, Iran, Saturday, March 28, 2026. (AP Ph ...
Eine verletzte Frau nach der Räumung ihrer Wohnung infolge eines Angriffs auf ein Wohnhaus in Teheran, 28. März 2026.Bild: keystone

«Der Lärm, die Explosionen und Raketen gehören mittlerweile zur Tagesordnung … Ich glaube, dass es nach und nach für alle immer alltäglicher wird», sagt die 35-jährige Frau.

«Unsere einzige Sorge ist derzeit, dass unsere Öl- und Gasinfrastruktur Ziel von Raketenangriffen werden könnte. Ich glaube, das ist das Einzige, worüber sich alle Iraner im Moment einig sind.»

Absoluter Pessimismus

Ein 34-jähriger Mann, der in der Stadt Sanandaj in der iranischen Provinz Kurdistan lebt, kann seinen Pessimismus nicht verbergen.

«Die Wahrheit ist, dass wir in den letzten Tagen erkannt haben, dass das Regime der Islamischen Republik nicht so gestürzt werden wird, wie wir es uns vorgestellt haben. Zu glauben, die Islamische Republik würde wie der Schah vor 47 Jahren untergehen, der an einem einzigen Tag gestürzt wurde und aufhörte zu existieren, ist ein Irrtum. Denn anders als der Schah sind sie keine Einzelperson. Sie sind Tausende, oder genauer gesagt: Sie sind eine Ideologie.»

«Wir alle wissen, wie mächtig und skrupellos dieses Regime vor Ort ist. Und wir hören von Anhängern des Regimes, die sich tatsächlich einen ausgewachsenen Krieg zwischen der iranischen und der amerikanischen Armee wünschen. Sollte es dazu kommen, würde dieses Regime nur noch stärker werden», so seine Prognose.

Er fasst zusammen: «Wer auch immer gewinnt, das Ergebnis wird tragisch sein.» Diesen Fatalismus teilt auch Ensieh, eine Zahnärztin aus Teheran. Sie sagt, dass sie jeden Tag ein bisschen mehr Hoffnung verliert.

«Wir sind zwischen drei wahnsinnig gewordenen Mächten gefangen, und der Krieg ist furchterregend. Ich weiss, ich werde nie wieder derselbe Mensch sein. Der Krieg hat mir einen Teil von mir entrissen, der nicht zurückkehren wird.»

Die Repression verschärft sich

In Teheran «muss man an einem einzigen Tag mit hoher Wahrscheinlichkeit mehrere Kontrollpunkte passieren … Autos werden durchsucht, Handys werden überprüft», einschliesslich Fotos, versteckter Dateien, Anwendungen und sogar persönlicher Notizen, sagt Kaveh, ein 38-jähriger Künstler.

Seinen Angaben zufolge haben Gruppen mit Verbindungen zu den bewaffneten Sicherheitskräften die Strassen unter ihre Kontrolle gebracht und fahren nachts «hupend und mit Fahnen wedelnd» durch Teheran. Sollte es zu einem Abkommen zur Beendigung des Krieges mit demselben Regime kommen, «sind wir verloren. Wir werden Iran mindestens für zwei oder drei Jahre verlassen müssen, denn sie werden sich gegen uns wenden».

Die Möglichkeit der Flucht

Katayoon gelang es vor Kurzem, den Iran zu verlassen und in die Türkei einzureisen. Zwei Tage vor ihrer Abreise hatte sie die Druckwelle eines Luftangriffs aus dem Bett gerissen.

Die Yogalehrerin erklärt, dass ihre Entscheidung zur Ausreise jedoch hauptsächlich darauf zurückzuführen sei, dass sie «mindestens ein Jahrzehnt lang in Angst gelebt» habe. Angst davor, «dass mir mein Kopftuch auf der Strasse vom Kopf fallen könnte, bis hin zur Tatsache, dass ich das andere Geschlecht nicht unterrichten durfte oder grundlegende Freiheiten nicht geniessen konnte».

«Es gibt keine andere Möglichkeit. Die Menschen haben kein Geld für Essen. Das Leben ist unerträglich geworden.» (dal/afp)

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