3 Szenarien, wie es im Iran weiter gehen könnte
Auf den Tod von Revolutionsführer Ali Chamenei reagierte die Mehrheit der Iranerinnen und Iraner mit Freude. Viele erhoffen sich nun den endgültigen Sturz des islamistischen Systems. Ein solcher Umsturz ist zwar möglich, aber alles andere als sicher.
Wie geht es nun also weiter im Iran? Drei Szenarien zeichnen sich ab – beginnend mit dem plausibelsten:
Die Mullahs machen einen Deal
Das Regime kapituliert, geht auf die Forderungen der USA und Israels ein – und bleibt an der Macht.
Ein System wie jenes im Iran lässt sich nicht allein durch Luftangriffe stürzen. Die USA haben zudem unmissverständlich erklärt, dass die Demokratisierung des Irans nicht ihr vorrangiges Ziel ist. Angesichts einer allgemeinen Kriegsmüdigkeit und Angst vor dem Zerfall des Landes bleibt ein massiver Volksaufstand aus. Der Iran entwickelt sich somit in Richtung einer faktischen Militärherrschaft.
Unabhängig davon, ob der nächste Oberste Führer – wie von der Verfassung vorgesehen – tatsächlich durch den sogenannten Expertenrat gewählt wird oder nicht, behalten die Revolutionsgarden weiterhin die Kontrolle über die entscheidenden politischen und wirtschaftlichen Schlüsselbereiche. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die Revolutionsgarden das Reformlager an der Macht beteiligen, ist sehr gering.
Der Sohn des Schahs übernimmt die Übergangsrolle
Der Unterdrückungsapparat des Regimes wird weiter aus der Luft bombardiert und schliesslich völlig zerstört. Die Spannungen innerhalb der Revolutionsgarden erhöhen sich massiv. Als Reaktion darauf erhebt sich das Volk – ähnlich wie im Januar – in einem Millionenaufstand, der schliesslich zum Sturz des Regimes führt. Die Opposition unter der Führungsrolle von Reza Pahlavi, dem Kronprinzen der Pahlavi-Dynastie, schafft den Übergang.
Unter der Führung von Pahlavi hat die iranische Opposition eine neue Dynamik gewonnen. Seinem Aufruf folgten weltweit rund eine Million Menschen der iranischen Diaspora – allein in München im Februar verzeichnete die Polizei eine Rekordbeteiligung von 250'000 Teilnehmern. Bei den landesweiten Protesten im Januar waren Slogans wie «Lang lebe der Schah» oder «Pahlavi wird zurückkehren» fester Bestandteil der Demonstrationen.
Die lautstarke Rückbesinnung auf die Pahlavi-Dynastie speist sich aus drei Quellen: einer positiven Neubewertung des historischen Erbes der Familie, dem Mangel an politischen Alternativen und dem Wunsch nach einem prowestlichen Iranismus als direktem Gegenentwurf zum antiwestlichen Islamismus.
Pahlavis politische Strategie für einen Machtwechsel ruht dabei einerseits auf dem Erhalt der territorialen Integrität des Landes. Er möchte ferner eine säkulare Demokratie im Iran errichten und verspricht ein freies Referendum über die künftige Staatsform des Landes.
Viele Iraner vergleichen das Schah-Regime mit dem heutigen System – und bewerten Ersteres als klar überlegen. Die Sorge vor einem Zerfall des Landes durch separatistische Kräfte ist gross. Die Bevölkerung wird sich wegen der integrativen Kraft von Pahlavi mit grosser Wahrscheinlichkeit für eine konstitutionelle Monarchie nach westeuropäischem Vorbild entscheiden.
Das Land versinkt im Bürgerkrieg
Es kommt zu einem Bürgerkrieg, indem Israel und die USA vor allem Separatisten als Bodentruppen instrumentalisieren. Das Regime wird darauf nicht mehr mit der Karte des Islamismus, sondern mit jener des iranischen Nationalismus antworten. Auf diese Weise wird es Teile der Bevölkerung auf seine Seite ziehen, legitimiert durch das Ziel, die territoriale Integrität zu bewahren.
Bereits vor wenigen Tagen appellierte Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf an den Patriotismus: «Wenn ihr schon nicht hinter uns steht, so liebt ihr doch zumindest den Iran.» Parallel dazu versuchte der Wissenschaftsminister eine bemerkenswerte Umdeutung: Er setzte Ali Chamenei, der die vorislamische Geschichte stets herabwürdigte, mit Kyros dem Grossen gleich.
Dieses dritte Szenario hätte für Westeuropa die gravierendste Wirkung: Bei einem Bürgerkrieg wäre mit Millionen von Flüchtlingen zu rechnen.
In allen drei Szenarien gäbe es vor allem einen Gewinner: Israel. Jerusalem kann sich im zweiten Szenario als Befreier positionieren – ähnlich wie Kyros, der einst das jüdische Volk befreite. Dadurch könnte Israel den Iran als Verbündeten gewinnen.
Dies wird verständlicher, wenn man einen Blick auf die Parolen wirft, die während der Protestbewegungen der letzten beiden Jahrzehnte im Iran zu hören waren: «Nein zum Libanon, nein zu Gaza, ich sterbe für den Iran» oder «Weder Islam noch Koran, ich sterbe für den Iran». Viele Iraner lehnen die islamistische und antinationale Aussenpolitik des Regimes ab und wünschen sich eine Normalisierung der Beziehungen zur Weltgemeinschaft, darunter auch zu Israel.
Tritt das erste Szenario ein und das Regime bleibt an der Macht, dann ist Israel die Mullahs zwar nicht losgeworden, hätte sie jedoch erheblich geschwächt.
Im Falle eines Bürgerkriegs wäre das Land – sowohl das Regime als auch die Bevölkerung – vor allem mit sich selbst beschäftigt.
Kurzum: Der Kriegsausgang wird beim iranischen Volk bleibende Spuren hinterlassen. Israel wird entweder als geachteter Akteur oder als tief verwurzeltes Feindbild in Erinnerung bleiben.
Die Weltgemeinschaft steht vor einem historischen Moment: der Wahl zwischen dem Fortbestand des Islamismus und der Unterstützung bei der Entstehung eines demokratischen, prowestlichen Iran. Wer genau hinschaut, wird unter Berücksichtigung der 47-jährigen Bilanz des Regimes kaum leugnen können, dass der Islamismus – in seiner gegenwärtigen politischen Ausprägung – nicht weniger gefährlich ist als der Kommunismus im sowjetischen Sinne. Hinzu kommt, dass ein demokratischer, prowestlicher Iran für Westeuropa auch als Energielieferant von erheblicher Bedeutung sein könnte. (aargauerzeitung.ch)
