Chameneis Sohn tritt die Nachfolge an – doch die eigentliche Macht liegt woanders
Der Sohn des getöteten Ayatollahs Ali Chamenei, Modschtaba Chamenei, ist Medienberichten zufolge zum neuen Obersten Führer des Irans erkoren worden. Dass Chameneis 56-jähriger Sohn die Nachfolge antritt, ist keine Überraschung. Er galt schon seit Langem als wichtige Figur im Hintergrund des Mullah-Regimes und wurde als potenzieller Nachfolger Ali Chameneis gehandelt.
Modschtaba Chamenei stand bislang kaum in der Öffentlichkeit. Er ist der zweitälteste Sohn von Ali Chamenei und soll enge Verbindungen zum iranischen Revolutionsgardenkorps haben. Genauso wie sein Vater ist der 56-Jährige weder hochrangiger Geistlicher, noch hat er je eine offizielle Funktion im Regime innegehabt.
Früher handelte es sich dabei um offizielle Kriterien für den Posten des Obersten Führers – doch mittlerweile ist der höchste geistliche Rang eines Grossayatollahs dafür keine Voraussetzung mehr. 1989 war die Verfassung geändert worden, um Ali Chamenei die Nachfolge zu ermöglichen.
Das islamische Vormundschaftssystem im Iran stellt trotzdem klare Anforderungen: Der oberste Führer muss eine hochrangige Persönlichkeit mit erheblicher politischer Autorität sein. Modschtaba erfüllt diese Voraussetzung unter anderem dadurch, dass er während des Iran-Irak-Krieges in den Streitkräften diente und sich seither beträchtlichen Einfluss hinter den Kulissen gesichert haben soll.
Modschtaba Chamenei mag zwar nun Oberster Führer im Iran sein – doch eigentlich zieht seit Ali Chameneis Tod ein anderer die Fäden: Ali Laridschani.
Der Strippenzieher: Ali Laridschani
Sechs Tage vor dem US-amerikanischen und israelischen Angriff im Iran war aus Teheran ein Notfallplan durchgesickert, falls Israel und die USA angreifen würden. Chamenei hatte unter strengster Geheimhaltung eine Nachfolge bestimmt. Seine Wahl fiel auf seinen nationalen Sicherheitsberater Ali Laridschani.
Laridschani wurde 1958 in Nadschaf in eine religiöse Familie geboren. Er ist der Sohn des Grossayatollahs Mirza Hashem Amoli. Neben einem religiösen Seminar in Ghom promovierte er in westlicher Philosophie mit Schwerpunkt auf Immanuel Kant. Zudem erwarb er Abschlüsse in Computerwissenschaften und Mathematik. Seine Familie gilt als eine der einflussreichsten in der Islamischen Republik: Ein Bruder leitete lange das oberste Gericht und den Justizrat, ein anderer war während der Atomverhandlungen als aussenpolitischer Unterhändler tätig.
Laridschani gehört zu den prägenden Figuren des iranischen Systems. In den vergangenen vier Jahrzehnten hatte er zahlreiche Schlüsselpositionen inne, unter anderem bei den Revolutionswächtern, wo er in das Führungskorps aufstieg. Später war er Kulturminister, Leiter des staatlichen Rundfunks und schliesslich Parlamentspräsident.
In den 1980er-Jahren diente er als Soldat im Iran-Irak-Krieg. Sein damaliges Engagement bei den Revolutionswächtern brachte ihm in Sicherheitskreisen den Ehrentitel «Sardar» ein, was Kommandeur oder General bedeutet, und verschafft ihm bis heute Rückhalt in der Militärelite.
2005 trat Laridschani als konservativer Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen an, blieb mit rund sechs Prozent der Stimmen jedoch chancenlos. Im selben Jahr wurde er Chefunterhändler bei den Atomgesprächen mit der EU. 2007 bestritt er, dass Iran jemals den Bau von Atomwaffen angestrebt habe. International sorgte er wiederholt für Irritationen, etwa 2009 auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit umstrittenen Aussagen zum Holocaust.
Gleichzeitig gilt Laridschani innerhalb des Systems als erfahrener Krisendiplomat. Als Parlamentssprecher vermittelte er mehrfach zwischen rivalisierenden politischen Lagern und trug dazu bei, interne Eskalationen zu verhindern. Bis heute zählt er zu den beständigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Islamischen Republik.
Drahtzieher hinter Massakern
Bei der Niederschlagung der Proteste 2025 und 2026 gilt Ali Laridschani als Schlüsselfigur. Beobachter sehen in ihm den Drahtzieher hinter der blutigen Repression, bei der Tausende, möglicherweise Zehntausende Menschen getötet worden sein sollen. Er war es, der den Schiessbefehl erteilte.
Nach den Massakern im Januar 2026 setzte die US-Regierung von Donald Trump Laridschani auf die Sanktionsliste. Ihm wurde vorgeworfen, die gewaltsamen Einsätze angeordnet oder zumindest gebilligt zu haben. Zeitzeugen berichten zudem, dass er sich in Phasen existenzieller Bedrohung stets auf die Seite der Hardliner gestellt habe.
Laridschani hat im Hintergrund übernommen
Ali Laridschani war zuletzt an den Verhandlungen mit den USA beteiligt und verfügte bereits zu Lebzeiten von Ayatollah Ali Chamenei über mehr operative Macht als Präsident Massud Peseschkian. Als Direktor des Nationalen Sicherheitsrats koordinierte er seit 2025 die Verteidigungs-, Nuklear- und Regionalstrategie des Landes, einschliesslich der Zusammenarbeit mit den Pasdaran, den Revolutionswächtern. Diese Eliteeinheit der Streitkräfte untersteht direkt dem Staatsoberhaupt.
Nach den jüngsten Angriffen hat Laridschani eine zentrale Rolle als Krisenmanager übernommen. Im politischen System gilt er als verlässlicher Organisator, der in Ausnahmesituationen unterschiedliche Machtzentren zusammenhalten kann. Sein religiöser, technischer und militärischer Hintergrund erleichtert die Zusammenarbeit mit klerikalen Institutionen, staatlichen Behörden und Sicherheitsapparaten.
Nach aussen zeigt sich Laridschani zunehmend kämpferisch. In sozialen Medien, insbesondere auf X, reagiert er auf Angriffe mit scharfen Worten und attackiert dabei offen Donald Trump.
Zukunft des Iran ungewiss
Traditionell hat der Oberste Führer im Iran die letztgültige Macht im Land inne: Er kontrolliert Militär, Geheimdienste, Justiz und die wichtigsten politischen Entscheidungen weitgehend unabhängig von Präsident oder Parlament. Modschtaba Chamenei übernimmt nun diese Rolle, auch wenn er als Nachfolger noch nicht offiziell bestätigt wurde.
Da Laridschani keinen religiösen Rang innehat, war ihm die formelle Nachfolge im Amt des Obersten Führers sowieso nicht möglich. Stattdessen übernimmt er in der Übergangsphase die zentrale operative Verantwortung: Er koordiniert die Sicherheits- und Kriegspolitik, hält die unterschiedlichen Machtzentren zusammen und agiert faktisch wie ein inoffizieller Staatschef.
In dieser akuten Kriegs- und Übergangsphase könnte das Machtzentrum des Obersten Führers neu strukturiert werden. Jedoch bleibt die Lage im Iran angesichts des Krieges unübersichtlich.
