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Italien fürchtet sich vor Dürre und Wassernotstand

Italien trocknet aus

Es ist Ende Februar – und Italiens Flüsse und Seen dürsten bereits nach Wasser. Das Land bangt um Ernte und fürchtet eine noch schlimmere Dürre als letztes Jahr.
21.02.2023, 20:2721.02.2023, 22:32
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Die Dürre trifft Italien hart – und das bereits im Winter.

Flüsse und Seen leiden unter starkem Wassermangel. Der Po – die Lebensader Italiens, die von den Alpen im Nordwesten bis zur Adria fliesst – droht zur Wüste zu werden. Der Wasserstand des längsten Flusses Italiens liegt 61 Prozent unter dem Normalstand. Einen historischen Tierpunkt hat der grösste See Italiens, der Gardasee, bereits erreicht.

Und dies noch vor dem Frühling – jener Jahreszeit, in welcher der Wasserbedarf durch die landwirtschaftliche Bewässerung deutlich zunehmen wird.

Die prekäre Lage in sieben Punkten:

Niedrigster Pegelstand am Gardasee

Es ist ein trauriger Rekord: Der Wasserstand des Gardasees war im Februar seit Messbeginn noch nie so tief wie 2023.

Seit über einem Monat hat es nicht mehr geregnet und kaum geschneit. «Wir haben einen der trockensten Sommer der Geschichte geerbt und jetzt gibt in diesem Winter seit Monaten keine richtigen Niederschläge», sagt Pierlucio Ceresa, Generalsekretär des Verbands der Gardasee-Gemeinden.

Der Wasserstand des Gardasees der letzten Jahre. Aktueller Pegelstand: 43 Zentimeter. Im Jahr davor lag der Wasserstand in diesem Zeitraum bei 106 Zentimetern.
Der Wasserstand des Gardasees der letzten Jahre. Aktueller Pegelstand: 43 Zentimeter. Im Jahr davor lag der Wasserstand in diesem Zeitraum bei 106 Zentimetern.bild: gardasee

Der Wassermangel ist mit blossem Auge zu erkennen. Vom Festland aus erreicht man die Insel Isola dei Conigli zu Fuss durch einen Gehweg, der sich aufgrund des tiefen Pegels gebildet hat.

Venedig liegt auf dem Trockenen

Ungewöhnliches spielt sich auch in Venedig ab. Die Lagune liegt auf dem Trockenen.

Normalweise wird Venedig im Winter von Hochwasser heimgesucht. Derzeit erlebt die Stadt auf dem Wasser einen ungewöhnlich tiefen Pegelstand. Einige Flüsse der Lagunenstadt sind ausgetrocknet. Viele Gondoliere können ihre Arbeit nicht verrichten.

Die Bilder sprechen für sich:

Boats are docked on a dry canal during a low tide in Venice, Italy, Monday, Feb. 20, 2023. (AP Photo/Luigi Costantini)
Die Boote stecken im Schlamm fest, 20. Februar 2023.Bild: keystone
A gondola is docked on a dry canal during a low tide in Venice, Italy, Monday, Feb. 20, 2023. (AP Photo/Luigi Costantini)
Seit Wochen hat es nicht geregnet, viele Flüsse sind deshalb ausgetrocknet. Bild: keystone

Wasserdefizit in Po-Ebene

Nicht weniger drastisch ist Situation des Po, des längsten Flusses Italiens. Der Fluss weist ein Wasserdefizit von 61 Prozent auf. Satellitenbilder zeigen die Sandbänke, welche sich aufgrund des Wassermangels gebildet haben.

Der Fluss ist das Hauptwasserreservoir des Landes. Noch. Denn: Der Po dürstet nach Regen. Im letzten Jahr hat die Lebensader ihren niedrigsten Stand seit 70 Jahren – mit einem Wasserdefizit von 72 Prozent – erreicht. Die Regierung hatte in mehreren Regionen den Notstand ausgerufen, Wasser musste rationiert werden.

epa10025508 The nearly dry bed of the Po River near the Michelotti Dam in Turin, Italy, 21 June 2022. Northern Italy has been struggling with a drought that began in winter, following spring rains ins ...
Das fast ausgetrocknete Flussbett des Po in der Nähe des Michelotti-Damms in Turin, Juni 2022.Bild: EPA ANSA

Bauern schlagen Alarm

Der Po ist vor allem die Lebensader der norditalienischen Landwirtschaft. Die Po-Ebene ist eines der fruchtbarsten Gebiete Italiens und macht rund ein Drittel der landwirtschaftlichen Produktion des Landes aus.

Die Bauern sind bereits in Alarmstimmung.

Wasserrationierung und begrenzte Feldbewässerung drohen zum Alltag zu werden, warnte der italienische Landwirtschaftsverband Coldiretti. Besonders Obstbäume, Mais- und Gemüsefelder seien bedroht. Auch bei der Reisernte sehe es düster aus. In diesem Jahr können Coldiretti zufolge rund 8000 Hektar weniger Reis angebaut werden. Um zur Normalität zurückzukehren, müsste es über einen Monat lang regen.

Die Aussage bestätigt Valter Maggi, Professor des Italienischen Glaziologischen Komitees: «Es bräuchte lange und regelmässige Regenperioden, um einen Wassermangel noch beheben zu können.»

Bedrohung für Tiere

Die Bauern sind nicht die Einzigen, die Alarm schlagen.

In den Feuchtgebieten sind Hunderte von Tieren beheimatet. Über 350 Vogelarten nisten sich im Po-Delta – dem Naturschutzgebiet in Venetien – ein, um zu überwintern. Umweltschützer warnen davor, dass die Lebensräume in den Feuchtgebieten entlang des Po in ernsthafter Gefahr sind. Besonders bedroht seien Fische, Frösche und Vögel.

A white heron looks for food on the Po river, in Linarolo, near Pavia, Italy, Monday, June 27, 2022. Italy's largest river, which is turning into a long stretch of sand due to the lack of rain, i ...
Ein weisser Reiher sucht im Fluss Po nach Nahrung, Juni 2022.Bild: AP

Dürre pausierte nur kurz

Italien erlebte im letzten Jahr einen der schlimmsten Dürre-Sommer seit Messbeginn. Fehlende Niederschläge in Kombination mit sehr hohen Temperaturen erschöpften die Wasservorräte des Landes.

Im Herbst nahmen die Niederschläge wieder zu, die Lage verbesserte sich – allerdings nur vorübergehend.

Emanuele Romano, Forscher am italienischen Institut für Wasserforschung, erklärt dies folgendermassen:

«Was im Po Anlass zu Sorge gibt, ist die Tatsache, dass die Wasserressourcen lange Wiederaufladezeiten beanspruchen. Um den Fluss zu regenerieren, reicht es nicht, wenn es drei Monate lang regen würde. Kleinere Grundwasserressourcen können so zwar regeneriert werden, aber für grössere Grundwasserressourcen können wir nicht dasselbe sagen.»

Es werde mindestens zwei Jahre dauern, bis man feststellen könne, welche Auswirkungen die letzte Dürre auf die Lebensader habe.

Wie es nun weitergeht

Die italienische Umweltschutzorganisation Legambiente spricht mittlerweile nicht mehr von Dürrewellen, sondern gar von einem Dürrenotstand, der nie wirklich enden wird. Die Organisation appelliert an die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und fordert eine nationale Wasserstrategie.

«Wir müssen damit beginnen, den Wassernotstand zu verhindern, der unser Territorium zunehmend prägen wird, indem wir aufhören, erst dann darüber nachzudenken, wenn der Schaden bereits angerichtet ist.»
Umweltorganisation Legambiente

Legambiente listet eine Reihe von Massnahmen auf, die zur Bewältigung der Krise zu ergreifen seien: Wasserverluste durch Aquädukte reduzieren, Landwirtschaft mit Pflanzen betreiben, die weniger Wasser benötigen, sowie neue Reservoirs zum Sammeln von Regenwasser schaffen.

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72 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Bert Stein
21.02.2023 21:01registriert November 2020
Aber Massnahmen zur Verringerung des globalen CO2 Ausstosses können wir uns nicht leisten… Traurig, die kurzfristige Optik der Ewiggestrigen.
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Massalia
21.02.2023 22:05registriert Juni 2021
Und täglich grüsst das Murmeltier... Es ist nicht zu erwarten, dass man aus der letztjährigen Dürre etwas gelernt hätte. Oder hat die Rechtspuoplistin Meloni tatsächlich den Punkt Umwelt- und Klimaschutz auf ihrer politischen Agenda?

Auch in der Schweiz wird es im Frühjahr kein Schmelzwasser geben, da das bisschen Schnee in den Bergen grossmehrheitlich jetzt schon weg ist.
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Steibocktschingg
21.02.2023 21:03registriert Januar 2018
Nach letztem Jahr und den spärlichen Niederschlägen dieses Winters hatte ich schon angefangen zu befürchten, die Dürre und Hitze letzten Jahres ginge einfach weiter. Es sieht aus, als wäre ich wohl nicht gross daneben gelegen...
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