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«Baby-Gangs» in Italien: Wenn Kinder terrorisieren

Eine Baby-Gang aus Italien postete dieses Bild im Jahr 2018 auf Facebook. In den Händen halten die Kinder Waffen. Sie sind nicht älter als rund neuen Jahre.
Eine «Baby-Gang» postete dieses Bild im Jahr 2018 auf Facebook, es ging viral. Später entpuppte sich dieses Bild als gefälscht. bild: facebook

Kinder, die killen: Wie «Baby-Gangs» Italien terrorisieren

Seit Jahren werden italienische Städte von sogenannten «Baby-Gangs» terrorisiert. Wer dahintersteckt und wo sie jüngst zugeschlagen haben.
01.06.2023, 11:0201.06.2023, 15:26
Lea Oetiker
Lea Oetiker
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Vor fünf Jahren wollte Gaetano einen schönen Nachmittag mit seinem Cousin verbringen. Als der 15-Jährige aus Neapel an einer U-Bahn-Haltestelle stand, umzingelte ihn plötzlich eine Gruppe. Die Jungs waren alle etwa im gleichen Alter wie Gaetano – und sie waren eindeutig in der Überzahl: Zwölf Kinder begannen auf Gaetano einzuschlagen. Ohne Grund. Durch die rohe Gewalt wurde er so schwer verletzt, dass ihm in einer Notoperation die Milz entfernt werden musste.

Mehrere Medien berichteten über das Schicksal von Gaetano. Er wurde ein weiteres Opfer einer Serie, die auf das Konto der «Baby-Gangs» geht. «Baby-Gangs» sind unberechenbar, verbreiten Angst und Schrecken in den Strassen von Italien.

Die Entstehung

Sozialer Verfall, wirtschaftliche Probleme und mangelnde Aufsicht durch die Eltern: Dies sind nur einige der Gründe, die zur Entstehung von kriminellen Jugendbanden beitragen. Ihre Mitglieder sind oft nicht älter als elf oder zwölf Jahre.

«Baby-Gangs» – so werden die kriminellen Jugendbanden gerne von den Medien und der Polizei genannt.

Viele der minderjährigen Mitglieder dieser Gangs wachsen in prekären Verhältnissen auf, erleben Gewalt in ihrem familiären Umfeld und haben keinen Zugang zu angemessener Bildung oder sozialen Unterstützungssystemen. Infolgedessen suchen sie nach Gemeinschaft und Anerkennung in den Reihen von «Baby-Gangs».

Ein weiterer weitverbreiteter Grund sind die Camorra. Als Camorra werden organisierte kriminelle italienische Familienclans in Neapel und der Region Kampanien bezeichnet. Da viele Camorra-Bosse in den vergangenen Jahren ermordet oder verhaftet wurden, rücken die jüngeren immer weiter nach. Oft sind es Kinder der Clan-Bosse, die das «Revier» der Eltern beschützen wollen, schreibt die NZZ damals.

Macht, Drogen und Rache

Die Minderjährigen kämpfen um Macht, Drogen und Kontrolle – sie tragen die alten Kämpfe der Camorra weiter aus.

Die Kinder und Jugendlichen kämpfen um die Kontrolle von Stadtvierteln oder Gebieten, welche von wirtschaftlicher Bedeutung für sie sein könnten, da sie etwa den Handel mit illegalen Drogen ermöglichen.

Oft sind die Banden auch rivalisierende Gruppen, die um Anerkennung und Respekt in der lokalen kriminellen Hierarchie konkurrieren. Häufig werden die Mitglieder der «Baby-Gangs» bei entsprechenden Auseinandersetzungen selbst angegriffen, verletzt oder getötet. Dann geht es um Rache und Vergeltung.

Jede Gewalttat kann zu einer Eskalation führen und den Konflikt zwischen den Gangs weiter anheizen.

Mehrere italienische Städte betroffen

Vor allem die Stadt Neapel leidet stark unter den «Baby-Gangs». Immer wieder berichten Medien über Kinder auf Mofas, die mit einer Kalaschnikow in der Hand umherfahren und in Neapel um sich schiessen. Meistens nehmen die Banden dabei andere Clans ins Visier. Doch da der Konflikt auf offener Strasse ausgetragen wird, kommen regelmässig auch unbeteiligte Zivilisten ums Leben.

Neapel ist längst nicht mehr die einzige Stadt, welche von den Banden betroffen ist. Mailand, Rom, Turin und weitere Städte haben ebenfalls mit ihnen zu kämpfen. Inzwischen geht es auch nicht nur um Drogen und Clan-Rivalitäten. Manchmal geht es den Kindern und Jugendlichen einfach nur um Spass oder sie handeln aus Langweile heraus.

Aus Langweile terrorisieren die Mitglieder der «Baby-Gangs» Unbeteiligte, urinieren über Obdachlose, prügeln auf Passanten ein. Sie stehlen oder stechen wahllos auf Menschen ein, berichten damals unter anderem der Spiegel und weitere Medien. Auch Videos auf YouTube zeigen, wie brutal sie vorgehen.

Verprügelt und ausgeraubt

Zwischen 2015 und 2018 dominierten die «Baby-Gangs» die Schlagzeilen der internationalen Medien. Heute liest man kaum noch was über sie. Aber die Gangs sind nicht weg. Im Gegenteil. So wurde zum Beispiel in Rom vor drei Tagen ein Busfahrer von einer «Baby-Gang» verprügelt, wie die italienische Zeitung La Repubblica schreibt. Die Gründe für den Angriff sind noch unbekannt – wahrscheinlich ein Streit aus trivialen Gründen. Die Bande konnte bisher nicht gefasst werden.

Mitte April wurde ein 20-Jähriger in Pavia von fünf Minderjährigen ausgeraubt, wie La Repubblica schreibt. Als er versuchte, sich zu wehren, zückte einer der Angreifer ein Messer und verletzte das Opfer am Arm und am Rücken. Auch hier wurde die Bande noch nicht gefasst.

Ebenfalls im April wurde ein 17-Jähriger mit einer Behinderung von einer Gang in eine Falle gelockt und krankenhausreif geschlagen. Mädchen wurden vergewaltigt und wieder andere wurden niedergestochen oder erpresst.

Die Liste der Verbrechen durch die «Baby-Gangs» im vergangenen Jahr ist lang. Sehr lang. Und die italienische Polizei scheint machtlos gegen sie zu sein.

Bekämpfungsmassnahmen und Herausforderungen

Die Behörden haben schon längst erkannt, dass die Gangs dringend bekämpft werden müssen. Unternommen wurde bisher so einiges, wie unter anderem «Weltspiegel» und «Vice» in ihren Beiträgen berichteten:

  • Prävention und Aufklärung: Kampagnen sollen junge Menschen über die Gefahren und Konsequenzen aufklären, sollten sie sich an kriminellen Aktivitäten beteiligen. Schulen, Gemeinden und Eltern werden in die Aufklärung eingebunden, um frühzeitig auf Anzeichen bei gefährdeten Jugendlichen zu reagieren.
  • Polizeiliche Massnahmen: Die Strafverfolgungsbehörden in Italien haben spezielle Einheiten zur Bekämpfung von Jugendkriminalität und «Baby-Gangs» eingerichtet. Diese Einheiten arbeiten eng mit den örtlichen Behörden zusammen, um die Aktivitäten der Gangs zu überwachen und strafrechtlich zu verfolgen.
  • Soziale Intervention: Um Jugendliche aus den Fängen der «Baby-Gangs» zu befreien, wurden Programme zur sozialen Intervention entwickelt. Diese Programme bieten Unterstützung, Mentoring und Alternativen zur kriminellen Betätigung, um den Jugendlichen eine positive Perspektive und eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
  • Stärkung der Zusammenarbeit: Italien hat die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Ländern verstärkt, um Informationen auszutauschen und bewährte Praktiken im Umgang mit «Baby-Gangs» auszutauschen.

Und trotzdem: «Baby-Gangs» zu bekämpfen, ist eine schwierige Herausforderung. Denn die Jugendlichen aus den Gangs zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Da es sich bei den Mitgliedern um Minderjährige handelt, gibt es spezielle rechtliche und soziale Herausforderungen bei der Strafverfolgung und bei der Intervention. Das Jugendstrafrecht sieht in der Regel mildere Strafen und alternative Massnahmen wie Betreuung vor.

Wie sich die Situation weiterentwickeln wird, werden wir wohl abwarten müssen. Und auch, ob die italienischen Behörden stärker eingreifen werden.

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77 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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cabli
01.06.2023 12:46registriert März 2018
Keine Perspektive, niedrige Schulbildung, falsche Vorbilder. Dieses Problem existiert nicht nur in Italien. Es ist das Spiegelbild jedes Land in welchem die Politik über Jahre hinweg versagt hat.
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Alex747
01.06.2023 13:03registriert Oktober 2019
Das gleiche beobachtet man jetzt in Schweden. Jungendliche die übernehmen die Aufträge von Drogenkartellen . Das ist weil die minderjährige Jugendliche in Schweden nicht bestraft werden. Dann ist es klar dass man sie für dreckige Arbeit nimmt.
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malu 64
01.06.2023 15:04registriert September 2014
Perspektivlos, langweilig, den Drang etwas zu erleben, Alkohol und Drogen! Dann kommt die Gruppendynamik dazu, jeder will extremer sein. Ich spreche aus Erfahrung, habe viele extreme Sachen gemacht, Einbrüche, Diebstahl, Sachbeschädigungen, Schlägereien Urkundenfälschung, war mehrmals bei der Polizei und mit 16 zum ersten Mal in U-Haft. Meine Eltern waren gestorben als ich 12 war. Somit fehlte etwas. Diesen Jungen fehlt auch etwas, nämlich Liebe und Eltern die sich Zeit nehmen und eine Politik, die ihnen eine Chance gibt.
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