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Urteil gefallen: Über 22 Jahre Haft für Derek Chauvin

Im Prozess um die Tötung des Afroamerikaners George Floyd wurde eine Haftstrafe von 22 Jahren und sechs Monaten gegen den verurteilten weissen Ex-Polizisten Derek Chauvin verhängt.
25.06.2021, 21:5325.06.2021, 22:40

Im Prozess um die Tötung des Afroamerikaners George Floyd vor gut einem Jahr hat das zuständige US-Gericht eine Haftstrafe von 22 Jahren und sechs Monaten gegen den verurteilten weissen Ex-Polizisten Derek Chauvin verhängt. Das verkündete das Gericht am Freitag in Minneapolis.

Vor der Verkündung des Strafmasses im Prozess gegen den weissen Ex-Polizisten Derek Chauvin hat der Bruder des getöteten Afroamerikaners George Floyd sich emotional geäussert. «Was hast du gedacht, was ging dir durch den Kopf, als du auf den Nacken meines Bruders gekniet hast?», sagte Terrence Floyd am Freitag in dem Gerichtssaal in Minneapolis (Minnesota) in Anwesenheit des Verurteilten. Während seiner kurzen Rede musste Floyd immer wieder mit den Tränen kämpfen. Er forderte die «maximale Strafe» für Chauvin.

«Dieser historische Schuldspruch bringt die Floyd-Familie und unsere Nation der Heilung einen Schritt näher, indem sie einen Abschluss und Rechenschaft liefert.»
Anwälte der Familie Floyd

Floyds kleine Tochter Gianna sagte per Videobotschaft an ihren Vater gerichtet: «Ich vermisse dich und liebe dich.» Nach der Verkündung der Haftstrafe hat sich die Familie von George Floyd zufrieden gezeigt. «Dieser historische Schuldspruch bringt die Floyd-Familie und unsere Nation der Heilung einen Schritt näher, indem sie einen Abschluss und Rechenschaft liefert», teilten Anwälte der Angehörigen zusammen mit der Familie Floyds am Freitag mit. Dieser «bedeutende Schritt» sei in den USA vor kurzer Zeit noch undenkbar gewesen.

Philonise Floyd, Bruder von George Floyd.
Philonise Floyd, Bruder von George Floyd.
Bild: keystone

Mutter verteidigt Sohn Derek

Vor der Verkündung des Strafmasses im Prozess gegen Derek Chauvin wegen der Tötung des Afroamerikaners George Floyd hat die Mutter des Ex-Polizisten ihren verurteilten Sohn verteidigt. «Derek ist ein ruhiger, nachdenklicher, ehrenhafter und selbstloser Mann. Er hat ein grosses Herz», sagte Carolyn Pawlenty am Freitag in dem Gerichtssaal in Minneapolis (Minnesota) in Anwesenheit des Verurteilten.

«Ich habe immer an deine Unschuld geglaubt und werde niemals davon abweichen.»
Derek Chauvin's Mutter

Die Öffentlichkeit werde niemals wissen, was für ein liebevoller Mann Chauvin sei. An ihren Sohn gewandt fügte sie hinzu: «Ich habe immer an deine Unschuld geglaubt und werde niemals davon abweichen». Sie werde für ihn da sein, wenn er aus dem Gefängnis nach Hause komme.

Chauvin möchte sein Beileid bekunden

Vor der Verkündung des Strafmasses im Prozess gegen Derek Chauvin wegen der Tötung des Afroamerikaners George Floyd hat sich der Ex-Polizist erstmals mit einer Botschaft and die Angehörigen gewandt. «Ich möchte der Familie Floyd mein Beileid aussprechen», sagte Chauvin am Freitag in dem Gerichtssaal in Minneapolis (Minnesota). Wegen eines gerichtlichen Bundesverfahrens und einer möglichen Berufung könne er zur Zeit aber keine vollständige Stellungnahme abgeben.

Ehemaliger Polizist Derek Chauvin am 25. Juni 2021.
Ehemaliger Polizist Derek Chauvin am 25. Juni 2021.
Bild: keystone

Mit «besonderer Grausamkeit» gehandelt

Der 45-Jährige war Ende April von Geschworenen unter anderem wegen Mordes zweiten Grades schuldig gesprochen worden. Nach deutschem Recht entspräche dies eher Totschlag. Die Verteidigung hatte eine Bewährungsstrafe für den 45-Jährigen gefordert, die Staatsanwaltschaft dagegen 30 Jahre Haft.

Trotz des dreiteiligen Schuldspruchs wurde das Strafmass für Chauvin nach geltendem Recht im Bundesstaat Minnesota nur für den schwerwiegendsten Anklagepunkt verhängt. Auf Mord zweiten Grades ohne Vorsatz stehen in Minnesota generell bis zu 40 Jahre Haft. Zu Gunsten des Verurteilten wurde berücksichtigt, dass dieser nicht vorbestraft war. Richter Peter Cahill hatte allerdings die besondere Schwere der Tat anerkannt: Chauvin habe als Polizeibeamter seine Machtstellung missbraucht, keine Erste Hilfe geleistet und Floyd in Anwesenheit von Kindern mit «besonderer Grausamkeit» behandelt.

Beendet ist der Fall mit der Entscheidung zum Strafmass aber nicht. Chauvin kann Berufung einlegen. Unabhängig von dem Verfahren in Minnesota ist gegen ihn ausserdem vor einem Bundesgericht Anklage erhoben worden. Das US-Justizministerium teilte zur Begründung mit, dem Beschuldigten werde vorgeworfen, Floyd vorsätzlich seiner verfassungsmässigen Rechte beraubt zu haben. Und: Neben Chauvin wurden drei weitere am Einsatz gegen Floyd beteiligte Ex-Polizisten angeklagt. Sie werden in einem Verfahren in Minneapolis ab März nächsten Jahres vor Gericht stehen. Ihnen wird Beihilfe zur Last gelegt. Auch ihnen könnten mehrjährige Haftstrafen drohen.

Schuldspruch gegen Chauvin als Wende

Der 46 Jahre alte Floyd war am 25. Mai vergangenen Jahres in Minneapolis bei einer Festnahme ums Leben gekommen. Videos dokumentierten, wie Polizisten den unbewaffneten Mann zu Boden drückten. Chauvin presste dabei sein Knie gut neun Minuten lang auf Floyds Hals, während dieser flehte, ihn atmen zu lassen. Floyd verlor das Bewusstsein und starb wenig später. Die Beamten hatten ihn wegen des Verdachts festgenommen, mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben.

Der Schuldspruch gegen Chauvin im April war von vielen als Meilenstein im Kampf gegen die Benachteiligung von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern in den USA gewertet worden, gar als eine Art Wendepunkt in der Geschichte, als Triumph über das, was Viele als jahrzehntelange Straffreiheit der Polizei für Vergehen gegen Schwarze beklagten. Floyds verzweifelte Worte «Ich kann nicht atmen», die er in seinen letzten Minuten immer und immer wieder hervorpresste, sind inzwischen zu einer Metapher für Rassismus und Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern und anderen Minderheiten in den USA geworden.

Floyd gab der Ungerechtigkeit einen Namen und ein Gesicht, doch sein Schicksal ist keineswegs ein Einzelfall. Und selbst jene, die den Schuldspruch bejubelten, räumten ein, dies sei nur ein Schritt von vielen, die folgen müssten, im Kampf gegen strukturellen Rassismus.

(sda/dpa)

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