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ICE-Einsatz in Minnesota: US-Bürger in Unterwäsche abgeführt

Video: watson/reuters

ICE-Einsatz in Minnesota: US-Bürger in Unterwäsche abgeführt

Ein US-Bürger wird von der US-Einwanderungsbehörde ICE aus seinem Haus gezerrt und in Unterwäsche auf die Strasse gebracht. Es ist ein weiterer Vorfall im US-Bundesstaat Minnesota, der Fragen zum Vorgehen der Behörde aufwirft.
20.01.2026, 10:0520.01.2026, 10:05

Beamte der US-Einwanderungsbehörde ICE haben das Haus eines US-Bürgers aufgebrochen und ihn festgenommen – anscheinend ohne Durchsuchungsbefehl und unter vorgehaltener Waffe. Anschliessend führten sie den Mann bei eisigen Temperaturen in Unterwäsche auf die Strasse, wie seine Familie berichtete und wie aus von der Nachrichtenagentur AP geprüften Videos hervorgeht.

Immigration and Customs Enforcement (ICE) agents, including one wearing a 'NOT ICE' face covering, walk near their vehicles, Thursday, Jan. 15, 2026, in Richfield, Minn. (AP Photo/Adam Gray) ...
Das ICE wird immer wieder kritisiert, bei Verhaftungen aggressive, militärische Taktiken einzusetzen und exzessive Gewalt anzuwenden.Bild: keystone

ChongLy «Scott» Thao sagte der AP, seine Schwiegertochter habe ihn am Sonntagnachmittag aus einem Nickerchen geweckt und gesagt, ICE-Beamte hämmerten an die Tür seines Hauses in St. Paul im Bundesstaat Minnesota. Er habe ihr gesagt, sie solle nicht öffnen. Maskierte Beamte hätten sich daraufhin gewaltsam Zutritt verschafft, Waffen auf die Familie gerichtet und sie angeschrien, erinnerte sich Thao. «Ich habe gezittert», sagte er. «Sie haben keinen Durchsuchungsbefehl gezeigt, sie haben einfach die Tür aufgebrochen.»

Wurde von den ICE-Beamten in Unterwäsche und in Handschellen abgeführt: US-Bürger Chongly «Scott» Thao.
Bild: Jack Brook

Vorfall auf Video festgehalten

Thao, der seit Jahrzehnten US-Staatsbürger ist, sagte, er habe während der Festnahme seine Schwiegertochter gebeten, seinen Ausweis zu holen. Die Beamten hätten jedoch erklärt, sie wollten ihn nicht sehen. Stattdessen sei Thao in Handschellen abgeführt worden – nur mit Sandalen und in Unterwäsche bekleidet, eine Decke um die Schultern gelegt. Sein vierjähriger Enkel habe zusehen müssen und geweint.

Videos zeigen die Festnahme, während der Nachbarn mit Pfeifen und Hupen Lärm machten und die mehr als ein Dutzend bewaffneten Beamten lautstark aufforderten, Thaos Familie in Ruhe zu lassen. Thao sagte, die Beamten hätten ihn schliesslich «ins Nirgendwo» gefahren und gezwungen, bei eisiger Kälte aus dem Auto zu steigen, um Fotos von ihm zu machen. Er habe Angst gehabt, geschlagen zu werden.

Schliesslich sei er nach seinem Ausweis gefragt worden – den er zuvor nicht habe holen dürfen. Nachdem die Beamten erkannt hätten, dass er ein US-Bürger ohne Vorstrafen sei, hätten sie ihn nach ein bis zwei Stunden zurück nach Hause gebracht. Dort habe er seinen Ausweis vorzeigen müssen, bevor die Beamten ohne Entschuldigung für die Festnahme oder die beschädigte Tür wieder gegangen seien.

Bürgermeisterin von St.Paul kritisiert Vorgehen der ICE

Die Einsätze von Bundesbeamten in den Twin Cities Minneapolis und St. Paul haben zu scharfer Kritik von Einwohnern und Lokalpolitikern an den US-Einwanderungsbehörden geführt. Anlass sind Festnahmen ohne richterlichen Beschluss, gewaltsame Zusammenstösse mit Demonstranten und der Tod der 37-jährigen Renee Good, die bei einem Einsatz Anfang Januar erschossen wurde.

Protesters gather during a rally for Renee Good, who was fatally shot by an ICE officer in Minneapolis, Saturday, Jan. 10, 2026, in Kansas City, Mo. (AP Photo/Charlie Riedel)
Immigration Enforcement P ...
Nach der Tötung von Renee Good durch Beamte der ICE wurde überall im Land gegen Trumps Migrationspolitik demonstriert.Bild: keystone

Die Beamten der ICE täten nicht das, was sie behaupteten zu tun, erklärte St. Pauls Bürgermeisterin Kaohly Her in einer Stellungnahme zu Thaos Festnahme. «Sie gehen nicht gezielt gegen Schwerverbrecher vor. Sie nehmen jeden ins Visier, der ihnen in den Weg kommt. Das ist inakzeptabel und unamerikanisch.»

Heimatschutzministerium verteidigt Einsatz

Das US-Heimatschutzministerium erklärte, der ICE-Einsatz in Thaos Haus sei «gezielt» gewesen. Die Beamten hätten zwei verurteilte Sexualstraftäter gesucht. Thao habe der Beschreibung einer Zielperson entsprochen und sich geweigert, sich über Fingerabdrücke und Gesichtserkennung identifizieren zu lassen.

Thaos Familie wies diese Darstellung «kategorisch zurück». Man wehre sich «entschieden gegen den Versuch des Heimatschutzministeriums, dieses Vorgehen öffentlich mit falschen und irreführenden Behauptungen zu rechtfertigen». Thao sagte der AP, in dem Mietshaus lebten ausschliesslich er selbst, sein Sohn, seine Schwiegertochter und sein Enkel. Weder sie noch der Hauseigentümer seien im Sexualstraftäterregister des Bundesstaates Minnesota verzeichnet. Der nächstgelegene registrierte Sexualstraftäter wohne mehr als zwei Häuserblocks entfernt.

Das Ministerium reagierte nicht auf eine Anfrage der AP nach der Grundlage für die Annahme, dass sich die gesuchten Sexualstraftäter in Thaos Haus aufhielten. Thao erklärte, er plane eine Bürgerrechtsklage gegen das Justizministerium. Er fühle sich nicht mehr sicher, in seinem eigenen Haus zu schlafen. «Was habe ich falsch gemacht? Ich habe nichts getan.» (dpa, aargauerzeitung.ch)

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Die beliebtesten Kommentare
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Gurgelhals
20.01.2026 10:21registriert Mai 2015
"wirft Fragen auf."

Die einzige Frage, die sich bei mir aufwirft ist die Folgende: Wann ringt man sich in den Nachrichten endlich mal dazu durch, den Wahnsinn als solchen klar und unverblümt zu benennen, statt ihn mit solchen euphemistischen Floskeln immer noch zu verharmlosen? Für Leute, die sich ohnehin ausgiebig über das Weltgeschehen informieren, ist das ja kein Problem – die können das dann schon selber einordnen. Aber was ist mit der grossen Menge von denen, die wenn's gut kommt gerade mal die Tagesschau sehen? Die kriegen doch ein völlig falsches Bild von der Lage.
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Bonbonsai
20.01.2026 10:36registriert November 2023
Nein, das "wirft keine Fragen" auf! Das Vorgehen ist geplant vom Hobby-Göbbels. So lange provozieren, bis der Einsatz der Armee "gerechtfertigt" werden kann. Und dann so lange weiter provozieren, dass die Midterms nicht durchgeführt werden können.

Dass man das nicht hat kommen sehen, ist gelogen! Die Orange hat das im Wahlkampf einige Male erwähnt. Also wie bestellt, so geliefert!
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Lordkanzler-von-Kensington
20.01.2026 10:21registriert September 2020
Ja, das ist ein Vorgehen des Staates, das man nur noch als willkürlich-faschistisch benennen kann und auch muss!

Aus meiner Sicht gilt es sich klar dagegen zu stellen, das meine ich besonders in Bezug auf die globalen Player & Politik!
Ein irgendwie Miteinander kann es nicht geben, siehe 3.Reich, Hitler & die NSDAP!
Wieviel Warnung braucht es noch? Es reicht doch schon längst.
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