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Gruppenfoto am zweiten Tag des G20-Gipfels in Rom, 31. Oktober 2021.
Gruppenfoto am zweiten Tag des G20-Gipfels in Rom, 31. Oktober 2021.Bild: keystone

Klimagipfel der verpassten Chancen: Biden gibt China und Russland die Schuld

Die grossen Wirtschaftsmächte konnten sich zu keinem starken Signal durchringen. Joe Biden gibt China und Russland Schuld für vage G20-Klimabeschlüsse
31.10.2021, 22:1231.10.2021, 22:14

Zu Beginn der Weltklimakonferenz im schottischen Glasgow haben die Hoffnungen auf wirksame Schritte gegen die gefährliche Erderhitzung einen herben Dämpfer erhalten. Die führenden Wirtschaftsmächte konnten sich am Sonntag bei ihrem G20-Gipfel im italienischen Rom nicht auf ehrgeizige gemeinsame Klimaziele einigen. Die Abschlusserklärung enthält weder für die wichtige Kohlendioxidneutralität noch für den Ausstieg aus der Kohleverstromung ein konkretes Zieldatum.

«Es gibt einen Grund für die Leute enttäuscht zu sein. Ich fand das selbst enttäuschend.»
Joe Biden

Die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel wertete die Beschlüsse nach ihrem wohl letzten G20-Gipfel trotzdem als «gutes Signal» für Glasgow. Auch der G20-Vorsitzende, Italiens Ministerpräsident Mario Draghi, sprach von einem Erfolg. Klimaschützer zeigten sich dagegen enttäuscht von der Unentschlossenheit der G20-Staaten, die 80 Prozent der klimaschädlichen Treibhausgase produzieren.

Joe Biden am G20-Gipfel.
Joe Biden am G20-Gipfel.Bild: keystone

US-Präsident Joe Biden zeigte Verständnis für die Enttäuschung und gab vor allem China und Russland die Schuld dafür. Die beiden Länder hätten keinerlei Bereitschaft zu irgendwelchen Verpflichtungen in Sachen Klimaschutz gezeigt, sagte er. «Es gibt einen Grund für die Leute enttäuscht zu sein. Ich fand das selbst enttäuschend.»

Der russische Präsident Wladimir Putin und der chinesische Präsident Xi Jinping waren nicht zu dem Gipfel nach Rom gereist, sondern nur per Video zugeschaltet. Kein Land produziert eine so grosse Menge klimaschädlicher Treibhausgase wie China.

Guterres beklagt «unerfüllte Hoffnungen»

UN-Generalsekretär António Guterres, der am Sonntag vom G20- zum Klimagipfel weiterreiste, twitterte: «Ich verlasse Rom mit unerfüllten Hoffnungen – aber wenigstens sind sie nicht beerdigt.» In den kommenden zwei Wochen ringen in Glasgow rund 200 Staaten darum, wie die Erderwärmung auf ein noch erträgliches Mass eingedämmt werden kann. Die bisherigen Pläne der Staaten reichen zur Abwendung der drohenden Klimakatastrophe bei weitem nicht aus.

UN-Generalsekretär António Guterres.
UN-Generalsekretär António Guterres.Bild: keystone

Die Erde hat sich im Vergleich zum vorindustriellen Niveau schon jetzt um etwa 1.1 Grad erwärmt; in Deutschland sind es bereits 1.6 Grad. In Paris hatte sich die Staatengemeinschaft vor sechs Jahren darauf geeinigt, die Erderwärmung möglichst auf 1.5 Grad, zu begrenzen.

Die G20 bekräftigt in der Gipfelerklärung nur, dass sie weiter den Zielen des Pariser Abkommens verpflichtet sei. Experten halten dafür aber eine deutliche Nachbesserung der Aktionspläne der einzelnen Länder für erforderlich.

Papst spricht von «Schrei der Erde»

Merkel wertete es als Erfolg, dass sich die «Gruppe der 20» überhaupt erstmals seit 2016 wieder gemeinsam zum Pariser Abkommen bekannt hätten. Danach war US-Präsident Donald Trump ausgestiegen. Sein Nachfolger Joe Biden, der in Rom erstmals an einem regulären G20-Gipfel teilnahm, machte diesen Schritt als eine seiner ersten Amtshandlungen wieder rückgängig.

Der Papst am 31. Oktober 2021.
Der Papst am 31. Oktober 2021.Bild: keystone

Der Papst ermutigte vor der Klimakonferenz alle Staaten zu mehr Klimaschutz. «Beten wir, dass der Schrei der Erde und der Schrei der Armen gehört werden», sagte Franziskus vor zahlreichen Menschen auf dem Petersplatz in Rom.

G20 will Impfkampagnen in armen Ländern stärken

Die G20 repräsentiert vier Fünftel der weltweiten Wirtschaftskraft und fast zwei Drittel der Weltbevölkerung. Zweites grosses Thema in Rom war die Pandemiebekämpfung. Die G20 stellte sich klar hinter das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), bis Jahresende 40 Prozent der Bevölkerung in allen Ländern zu impfen und bis Mitte 2022 eine Impfrate von 70 Prozent zu erreichen. Die Staatengruppe will dafür die Versorgung mit Impfstoffen ausweiten und Liefer- und Finanzierungshindernisse beseitigen, wie es in der Gipfelerklärung heisst. Auch die internationale Covax-Plattform zur Verteilung von Impfstoffen, die bisher ihre Ziele nicht erreichen konnte, soll wirksamer arbeiten können.

Die G20-Staaten wollen auch lokale Herstellungskapazitäten unterstützen, indem Drehscheiben für Technologietransfer in verschiedenen Regionen gefördert werden. Genannt werden neu gegründete regionale Zentren in Südafrika, Brasilien und Argentinien. Auf die von G20-Staaten wie Südafrika, Indien und China geforderte Aussetzung von Patenten geht das Dokument nicht ein. Während in reichen Ländern heute schon rund 70 Prozent geimpft sind, liegt die Quote in armen Ländern teils nur bei drei Prozent.

Abschliessende Einigung auf globale Mindeststeuer

Eine abschliessende Einigung erzielte die G20 bei der globalen Mindestbesteuerung von Unternehmen, die eine Verlagerung von Gewinnen in Steueroasen verhindern soll. Grosse, international tätige Firmen sollen spätestens 2023 unabhängig von ihrem Sitz mindestens 15 Prozent Steuern zahlen. Merkel (CDU) nannte den Schritt «ein klares Gerechtigkeitssignal in Zeiten der Digitalisierung».

Merkel erhält bunte Rosen zum Abschied

Die Kanzlerin wurde bei ihrem letzten G20-Gipfel mit einem Strauss bunter Rosen verabschiedet, den Draghi überreichte. «Ihre Haltung, Führungsqualität und Entschlossenheit, Einigkeit herzustellen, waren von unschätzbarem Wert für diese Gruppe», sagte der G20-Vorsitzende. «Wir werden ihr Vermächtnis für eine sehr lang Zeit in Ehre halten. Liebe Kanzlerin, liebe Angela, danke.»

Wurde bei ihrem letzten G20-Gipfel mit einem Strauss bunter Rosen verabschiedet: Angela Merkel.
Wurde bei ihrem letzten G20-Gipfel mit einem Strauss bunter Rosen verabschiedet: Angela Merkel.Bild: keystone

Die nur noch geschäftsführende Kanzlerin nahm gemeinsam mit ihrem wahrscheinlichen Nachfolger Olaf Scholz teil. Der Finanzminister versprach Kontinuität in der deutschen Aussenpolitik unter einer neuen Regierung. Alle wüssten, dass das Deutschland «mitten in der Europäischen Union mit seiner Bevölkerungszahl und seiner Wirtschaftskraft nicht am Rande stehen kann und die Welt kommentieren». Vielmehr müsse es einen tatkräftigen Beitrag leisten, «dass das auch funktioniert mit einer besseren Union in Europa».

Sicherheitskräfte mit positivem G20-Fazit:

Beim G20-Gipfel von Rom hat es bis Sonntagabend keine Ausschreitungen oder Randale von Demonstranten gegeben. Italiens Innenministerin Luciana Lamorgese sprach nach dem zweitägigen Treffen der wichtigsten Industrienationen von einem «geordneten und entspannten Ablauf». An dem Wochenende waren fast 10'000 Sicherheitskräfte im Einsatz, darunter 2000 Soldaten. «Das war eine sehr aufwendige Aufgabe», sagte Larmogese.

Unter den rund 25'000 Menschen, die in Glasgow erwartet werden, sind auch zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten, die auf den Strassen für eine ehrgeizigere Klimapolitik protestieren wollen. Die deutsche Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer kritisierte, keine der reichen Industriestaaten halte bisher seine Klima-Zusagen ein. Seit dem als historisch gefeierten Abkommen von Paris seien sechs Jahre vergangen - und die Emissionen heute höher denn je. «Diese Konferenz muss der Moment sein, in dem dieser Trend umgekehrt wird», sagte die 25-Jährige der Deutschen Presse-Agentur.

Die weltweit prominenteste Aktivistin Greta Thunberg verteidigte in einem BBC-Interview auch radikalere Protestformen. Manchmal sei es notwendig, einige Menschen zu verärgern, um auf Themen aufmerksam zu machen, sagte die 18-jährige Schwedin. «Die Schulstreik-Bewegung wäre nie so bekannt geworden, wenn es keine Reibungen gegeben hätte, wenn einige Leute nicht angepisst gewesen wären», sagte Thunberg. Wichtig sei aber, dass niemand bei den Demonstrationen verletzt werde.

Proteste dürfte es auch am Montag geben, wenn die grosse Polit-Prominenz in Glasgow eintrifft: Erwartet werden neben Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem britischen Gastgeber Boris Johnson auch US-Präsident Joe Biden sowie die Präsidenten der Türkei, Spaniens, Ägyptens, Indonesiens und die Spitzen der EU. Für Merkel dürfte es der letzte Auftritt auf der grossen Weltbühne werden. Der britische Thronfolger Prinz Charles wird die Eröffnungszeremonie des Gipfels am Montag eröffnen. (sda/dpa)

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