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Kommentar

Die Helden der Ukraine machen uns Mut – und die Rechten mundtot

05.03.2022, 09:49

An diesem Wochenende wird es in der Schweiz zahlreiche Demonstrationen geben. Zehntausende, vielleicht gar Hunderttausende, werden auf die Strasse gehen. Freiheitstrychler eher nicht. Auch keine «Liberté»-Schreihälse, keine esoterischen Impf-Schwurbler und keine Neonazis. Nicht nur bei uns wird demonstriert werden. Weltweit werden es Millionen sein, die gegen das Monster Wladimir Putin protestieren. Was für ein Stimmungsumschlag innerhalb einer Woche.

Dabei war Putin noch bis vor kurzem der Liebling der Rechten. In einem legendären Interview mit der «Financial Times» hatte er vor ein paar Jahren den Liberalismus für tot erklärt. Er spielt sich als dessen Alternative auf, als Retter des christlichen Abendlandes, der hart gegen Homosexuelle und Transgender-Menschen vorgeht und zusammen mit Xi Jinping die liberale Weltordnung begraben wird.

Selbst in Indonesien wird gegen die russische Invasion protestiert.
Selbst in Indonesien wird gegen die russische Invasion protestiert.Bild: keystone

Daraus wird vorerst nichts. Der heldenhafte Widerstand der Ukrainer hat Putin die Maske vom Gesicht gerissen. Er wird nicht als Befreier von «Neonazis und Drogensüchtigen» gefeiert, wie uns die russische Propaganda weismachen will. Er steht da als das, was er immer schon war: ein menschliches Scheusal.

Stattdessen erhält der von Putin und Xi so verhasste Liberalismus eine Frischzellenkur. Das ist auch dringend nötig. Demokratie und Rechtsstaat haben keine gute Zeit hinter sich. Ungebremste Globalisierung und der schrankenlose Neoliberalismus haben schwere Flurschäden hinterlassen. Die Marktwirtschaft wurde zu einem Vehikel, mit dem sich eine masslos gierige Elite in bisher ungeahntem Masse bereichern konnte. Die Demokratie verkam zu einem Sumpf, in dem sich korrupte Politiker endlose und fruchtlose Schlammschlachten liefern.

Die Feinde des Liberalismus nahmen die Steilvorlage dankend an. Rechte Ethno-Nationalisten und linke Amerika-Hasser fanden zu einer unheiligen Ehe. In der Coronakrise gesellten sich noch die angeblichen Querdenker dazu. Entstanden ist daraus eine üble Mischung aus Neo-Faschisten, Alt-Stalinisten und Verschwörungstheoretikern.

Auch die Linke hat teilweise die Orientierung verloren. Die Woke-Welle hat mitunter absurde Züge angenommen. Eine überdehnte Vorstellung von Liberalismus verkehrte sich in ihr Gegenteil, in einen Meinungsterror.

Schliesslich hat die Coronakrise Xi Jinping auch eine willkommene Gelegenheit geboten, die vermeintliche Überlegenheit des chinesischen Staatskapitalismus über den liberalen Westen zu beweisen, denn China hat – verglichen mit dem Westen – nur einen Bruchteil an Covid-Toten zu beklagen.

Wladimir Putin und Xi Jinping. Für den chinesischen Präsidenten gilt: mitgegangen, mitgefangen.
Wladimir Putin und Xi Jinping. Für den chinesischen Präsidenten gilt: mitgegangen, mitgefangen.Bild: keystone

Mit seiner idiotischen Invasion macht Putin auch Xi einen Strich durch die Rechnung. Der chinesische Präsident kann und will seinen «besten Freund» nicht fallenlassen. Deshalb gilt für ihn, was schon die Kleinsten lernen: Mitgegangen ist mitgefangen.

Das heldenhafte Verhalten der Menschen in der Ukraine lässt das Lügengebäude der Rechten zusammenkrachen. In St. Gallen verlässt ein junges SVP-Vorstandsmitglied die Partei, weil er die Demagogie eines Roger Köppel nicht mehr ertragen kann. Der angebliche Friedensforscher Daniele Ganser kann nur noch bizarre Tweets absondern. In den USA fressen derweil die Putin-Bewunderer kiloweise Kreide, von Donald Trump bis Tucker Carlson. Und wer erinnert sich noch an die faschistoiden Trucker in Kanada?

Der Westen hat endlich erkannt, dass sich der Kampf für Demokratie und Rechtsstaat lohnt – und dass er etwas kostet. Neutrale Staaten wie die Schweiz und Schweden verabschieden sich von einer Pseudo-Neutralität. Deutschland lässt die schwarze Null fallen und will mit 100 Milliarden Euro die Armee aufrüsten. Die USA verhängen die schärfsten Sanktionen gegen Russland und schicken Soldaten in die östlichen Nato-Staaten.

In der Ukraine kämpfen die Menschen für ihre Freiheit und das Recht auf Souveränität. Sie haben damit auch uns aufgerüttelt und uns vor Augen geführt, was wir zu verlieren haben. Dafür können wir ihnen nicht genug dankbar sein.

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293 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Thomas Melone
05.03.2022 10:04registriert Mai 2014
Wenn es denn Freiheitsrychlern langweilig geworden ist, können sie ja mal auf den Roten Platz in Moskaus gehen und dort für Freiheit demonstrieren. Dann können sie wenigstens mal eine echte Diktatur kennenlernen.
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Liebu
05.03.2022 10:22registriert Oktober 2020
Neutrale Staaten wie die Schweiz und Schweden verabschieden sich von einer Pseudo-Neutralität.

Und wieder sind wir bei der Neutralität.
Wir verabschieden uns aber nicht davon, sondern leben sie, wie sie sein sollte.
Neutralität heisst nicht die Augen verschliessen und mit Aggressoren weiter geschäften. Hier muss aufgezeigt werden, dass das nicht toleriert wird.
Auch ein Schiedsrichter ist Neutral, sanktioniert aber Spieler und Teams, die sich nicht an Regeln halten.
Genau so wird Neutralität gelebt.
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Chancho
05.03.2022 18:11registriert Februar 2020
Die Geschichte wiederholt sich.
Kein gutes Zeugnis für die Menschheit.
33 brutal ehrliche Karikaturen, die Putin die Zornesröte ins Gesicht treiben\nMörderisches Pack!
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