Bedenken wegen WM in Mexiko: «Aktion wurde bewusst Monate vorher ausgeführt»
Am Sonntagmorgen sass Elena Goicoechea auf dem Balkon ihrer Ferienwohnung in Puerto Vallarta, einem bekannten Touristenort im mexikanischen Bundesstaat Jalisco. Sie genoss ihren letzten Kaffee mit Meeresblick, bevor es am Abend zurück nach Mexiko City gehen sollte.
«Ich habe Wale beobachtet, als ich im Hintergrund eine graue Rauchsäule bemerkte, die schon weit in den Himmel reichte», sagt die Journalistin im Gespräch mit CH Media. Erst dachte sie, es handle sich um einen Brand, «doch dann stieg noch eine Rauchsäule auf, und noch eine, und noch eine.»
Als Reaktion auf die Tötung von Drogenboss Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, alias «El Mencho», blockierten Kämpfer des Kartells Jalisco Nueva Generacion (CJNG) in mehreren mexikanischen Städten Strassen mit brennenden Autos, Lastwagen und Bussen und legten Feuer, etwa in Supermärkten, Apotheken und kleinen Läden.
Angriffe in der Nähe eines WM-Stadions
In Puerto Vallarta riefen die Behörden die Menschen dazu auf, sich in Sicherheit zu bringen. Fluggesellschaften strichen umgehend ihre Flüge nach und von Puerto Vallarta. «Wir stecken hier also erstmal fest», sagt Goicoechea. Mit dem Auto zurück in die Hauptstadt zu fahren, ist keine Option. Etliche Strassen wurden von Kartell-Mitgliedern blockiert.
Auch in Guadalajara, Hauptstadt von Jalisco und zweitgrösste Stadt des Landes sowie Spielort der Fussball-WM im Sommer, herrschten Chaos, Angst und Gewalt. «Meine Messenger-Dienste liefen heiss mit Berichten und Fotos von Angriffen in meiner Stadt und in Orten in ganz Jalisco und den Nachbarstaaten», sagt der in Guadalajara lebende Schriftsteller Antonio Ortuño. «Autos, Lastwagen und Geschäfte stehen in Flammen, Schüsse, blockierte Strassen, Panik und so etwas wie eine Massenflucht unter den Reisenden am internationalen Flughafen.»
Mehr als ein Dutzend der 32 Bundesstaaten strich aus Sicherheitsgründen am Montag den Schulunterricht. Fast alle Bundesstaaten, darunter auch die Hauptstadt Mexiko City, beriefen ihre Sicherheitskabinette zu Dringlichkeitssitzungen ein. Vier Monate vor Beginn der Fussball-Weltmeisterschaft, die im Juni und Juli in Mexiko, den USA und Kanada ausgetragen wird, zeigt sich, wie fragil die Sicherheitslage im Land ist.
Das mächtigste Kartell Mexikos
Gegenüber «Bild» warnte Fussball-Kommentator Marcel Reif:
Elena Goicoechea, die für das Online-Magazin «Detona» schreibt, hält eine Absage der WM-Spiele in Mexiko, wie es einige Fans in den sozialen Medien fordern, für übertrieben. «Die Aktion wurde bewusst Monate vor der Weltmeisterschaft ausgeführt», sagt sie. Tatsächlich wurde die Lage im Verlaufe des Montags schon wieder deutlich ruhiger.
Das EDA schreibt auf Anfrage, dass die Schweiz die Lage aufmerksam verfolgt. Es mahnt zu höchster Vorsicht. Bisher führt das EDA aber keine organisierte Ausreise für Schweizerinnen und Schweizer durch. Ausreisewillige sollen sich bei Fluggesellschaften und Reiseveranstaltern über Ausreisemöglichkeiten informieren. Zurzeit befinden sich 6500 Schweizer Staatsangehörige in Mexiko.
Mit der Tötung von «El Mencho» gelang der mexikanischen Regierung nach langen Jahren wieder ein grosser Erfolg im Kampf gegen das Organisierte Verbrechen. «El Mencho» führte seit 2011 das mächtigste und berüchtigtste Kartell «Jalisco Nueva Generación» (CJNG). Sein Syndikat ist seit der Festnahme von Joaquin Guzmán, bekannt als «El Chapo», dem Chef des Sinaloa-Kartells im Jahr 2016, die mächtigste Gruppe des organisierten Verbrechens in Mexiko.
Bekannt für seine Brutalität
In Zusammenarbeit mit US-Geheimdiensten spürten die Streitkräfte den meistgesuchten Kartellboss in einem seiner Verstecke in den Bergen des Bundesstaates Jalisco auf und wollten ihn festnehmen. Bei Schusswechseln wurde der 59-Jährige aber schwer verletzt und starb laut offiziellen Angaben auf dem Weg ins Spital. «Das ist der Grund, warum die Reaktion der Kartelle dieses Mal so aggressiv ausgefallen ist», sagt Goicoechea.
Das CJNG ist wegen seiner Brutalität und Skrupellosigkeit berüchtigt und auch dafür bekannt, als Zeichen der Stärke ganze Städte oder Regionen lahmlegen zu können. Zudem agiert es in Mexiko in einer Weise, die bisher für das Organisierte Verbrechen im nordamerikanischen Land unbekannt war.
«Sie töten Richter, Polizisten, Politiker, legen Auto-Bomben, so wie seinerzeit Pablo Escobar», der legendäre Chef des Medellín-Kartells in Kolumbien in den 1980er-Jahren, sagt Edgardo Buscaglia, Experte für Organisierte Kriminalität in Mexiko.
Das CJNG verfügt zudem über Kriegsgerät, das dem der staatlichen Sicherheitskräfte kaum nachsteht. Bei der Operation am Sonntag wurden in Osegueras Versteck laut offiziellen Angaben «verschiedene Waffen beschlagnahmt, darunter Raketenwerfer, mit denen Flugzeuge abgeschossen und gepanzerte Fahrzeuge zerstört werden können». Die Mehrheit der seit 2017 in Mexiko sichergestellten Waffen, rund 74 Prozent, stammen aus den USA.
Die USA hatten auf den ehemaligen Polizisten Oseguera eine Belohnung von 15 Millionen Dollar ausgesetzt und das CJNG als ausländische Terrororganisation eingestuft. Neben dem Handel mit der synthetischen Droge Fentanyl und Kokain dominiert das Kartell auch bei der Schleusung von Migranten, dem Diebstahl von Rohstoffen sowie dem Waffenhandel. (aargauerzeitung.ch)
