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Die 5 wichtigsten Fragen zum Bootsunglück mit Migranten in Italien

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Schiffstrümmer am Badestrand: Dutzende Menschen starben bei einem Bootsunglück in Italien.Bild: EPA ANSA

Dutzende tote Migranten nach Bootsunglück in Süditalien – das Wichtigste in 5 Punkten

An der süditalienischen Küste kam es zu einem Schiffbruch kurz vor einem Badestrand. Dutzende Migranten sind bei dem dramatischen Bootsunglück ertrunken. Die 5 wichtigsten Fragen dazu.
26.02.2023, 19:0722.08.2023, 14:30
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Schiffstrümmer in der Brandung, Retter, die am Strand eine Leiche wegtragen, Überlebende, die am Ufer in Decken gehüllt ausharren: Das Ausmass des Bootsunglücks im Süden Italiens ist erschreckend.

Wie es dazu kam, wer die Betroffenen sind und was nun gefordert wird – in fünf Punkten.

Was ist passiert?

Am Sonntag ereignete sich ein tragisches Bootsunglück an der süditalienischen Küste. An einem Seebad in der Gemeinde Cutro, am Zeh des italienischen Stiefels, strandete ein gekentertes Boot mit Migranten. Das Unglücksboot muss bei stürmischer See an einer Klippe zerschellt sein – nur wenige Meter vor dem Ufer.

Das Unglücksboot: Es kenterte kurz vor der Küste.
Das Unglücksboot: Es kenterte kurz vor der Küste.screenshot twitter/crocerossa

Wo die Menschen in See gestochen waren, war zunächst noch nicht bekannt. Laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa handelte es sich bei dem Unglücksboot um einen Fischkutter, dagegen sprach die italienische Finanzpolizei von einem Holzboot vom Typ Gulet. Darunter versteht man einen meist zweimastigen Motor-Segler.

Wie viele Personen sind betroffen?

Wie Ansa meldete, stieg die Zahl der Todesopfer bis zum Nachmittag auf 59. Die italienische Küstenwache bestätigte am Sonntag mindestens 43 gefundene Leichen und 80 Menschen, die lebend geborgen wurden. Einige von ihnen hätten das Ufer nach dem Schiffbruch aus eigener Kraft erreicht, hiess es.

Die Opferzahl könnte Berichten zufolge weiter steigen, weil womöglich noch mehr Menschen an Bord waren. Die Ansa berichtete, dass einige der Überlebenden die Gesamtzahl der Menschen an Bord mit mindestens 250 angaben, andere mit 180. Dagegen schrieb die Küstenwache, es seien «ungefähr 120 Migranten» an Bord gewesen.

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Erste Hilfe: Überlebende des Unglücks in Süditalien werden mit warmen Decken betreut.Bild: EPA ANSA

Wer sind die Verunglückten?

Laut Ansa waren viele Frauen und Kinder unter den Opfern, darunter ein wenige Monate alter Säugling und wenige Jahre alte Zwillinge.

Laut der Zeitung «La Repubblica» kamen die Migranten vor allem aus dem Iran, Pakistan und Afghanistan. Ansa meldete die Festnahme eines Schleppers, bei dem es sich um einen Türken handeln soll.

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Für viele Bootsinsassen konnten die Rettungskräfte nichts mehr ausrichten: Die Unglücksstelle in Süditalien. Bild: EPA ANSA

Was sagen Hilfsorganisationen?

Hilfsorganisationen zeigten sich entsetzt. «Es ist menschlich inakzeptabel und unverständlich, warum wir immer wieder solche vermeidbaren Tragödien erleben müssen. Es ist ein Faustschlag in den Magen», schrieb Sergio Di Dato, Projektleiter bei Ärzte ohne Grenzen auf Twitter.

«Dies ist ein böses Erwachen, das die Gemeinschaft aufwecken muss, damit ähnliche Tragödien nicht passieren», schrieb der Präsident des italienischen Roten Kreuzes, Rosario Valastro, auf Twitter.Papst Franziskus sagte nach dem Angelusgebet auf dem Petersplatz in Rom, er bete für die Opfer, die Vermissten und die Überlebenden.

Was sagen Politiker dazu?

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zeigte sich am Sonntag entsetzt über das Unglück. «Es ist kriminell, ein kaum 20 Meter langes Boot mit gut und gern 200 Personen an Bord bei schlechten Wettervorhersagen aufs Meer zu schicken», schrieb sie. Ihre Regierung bemühe sich zu verhindern, dass solche Boote überhaupt ablegten. Sie fordere dabei ein Maximum an Kooperationsbereitschaft der Ausgangs- und Herkunftsländer.

Ein Dekret der Regierung Meloni, das mit der Verabschiedung durch den Senat vergangene Woche Gesetz wurde, erschwert die Arbeit ziviler Seenotretter erheblich. So müssen sie nun schon nach der ersten Rettungsaktion einen italienischen Hafen ansteuern, anstatt womöglich mehrere Rettungen durchzuführen. Zudem werden ihnen oft Häfen zugewiesen, die weit vom Einsatzgebiet im zentralen Mittelmeer entfernt liegen, womit sie tagelang unterwegs sind. Allerdings kommt nur ein kleiner Teil der Migranten mit Rettungsschiffen wie der «Ocean Viking» oder der «Geo Barents» nach Italien. Der Grossteil erreicht das italienische Festland und die Inseln ohne fremde Hilfe.

epa10480420 Italian Prime Minister Giorgia Meloni addresses a joint press conference with her Polish counterpart Morawiecki after their meeting in Warsaw, Poland, 20 February 2023. EPA/Rafal Guz POLAN ...
Versucht Boote mit Migranten daran zu hindern, überhaupt erst abzulegen: Ministerpräsidentin Giorgia Meloni.Bild: keystone

Zum Unglück äusserte sich auch Italiens Innenminister Matteo Piantedosi. «Dies ungeheure Tragödie zeigt, wie es absolut notwendig ist, mit Härte gegen die Netze der irregulären Einwanderung vorzugehen, in denen skrupellose Schlepper operieren», schrieb er.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zeigte sich auf Twitter zutiefst betrübt über das Bootsunglück und sprach von einer Tragödie, bei der unschuldige Migranten gestorben seien. Sie forderte alle Beteiligten dazu auf, sich noch mehr um Fortschritte in der EU-Migrationspolitik zu bemühen.

Wie ist die Situation generell in Italien?

Jedes Jahr versuchen Tausende Migranten auf oft wenig seetauglichen Booten über das Mittelmeer nach Italien und damit nach Europa zu gelangen. Sie brechen vor allem aus Libyen oder Tunesien auf, aber auch aus Griechenland oder der Türkei. Nach einem Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) starben seit Beginn der Erfassungen im Jahr 2014 mehr als 25 000 Menschen beim Versuch, auf der Mittelmeerroute nach Europa zu kommen.

Nach Angaben des italienischen Innenministeriums sind in diesem Jahr bis einschliesslich Donnerstag schon 13 067 Migranten auf dem Seeweg ins Land gekommen, weit mehr als doppelt so viele wie im gleichen Vorjahreszeitraum (5273). (sda/dpa)

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36 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fairness
26.02.2023 14:33registriert Dezember 2018
Traurige Schlepperbande und ihre Helfer …
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Touché
26.02.2023 18:37registriert Februar 2019
Es ist traurig! Aber all diese Migranten haben diesen Weg gewählt.
Abgesehen von den ganzen Warnungen und Hinweisen "Nicht über Libyen" und nicht über das Meer!
Libyen ist ein grosses Migrationsgefängnis mit Folter und Missbrauch! Aber nachhinein klagen sie alle!
"Wir wurden dort wie Sklaven behandelt!"
Ich dachte bis ins tiefste Afrika sei man unterdessen mit den Smartphones gut vernetzt? Sonst hätten sie es gar nicht an diesem Bestimmungsort geschafft ... zum Schlepper!
Jaa!!! Ist wohl diesmal was schiefgelaufen bei den Taxifahrten.
Wie lange muss man das hier noch lesen?
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Doplagus
26.02.2023 10:26registriert Dezember 2019
Aber das europäische utopia dass diese wirtschaftsmigranten im kopf haben, will vor ort niemand erklären.

Lieber taxiservice vor der küste spielen
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