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Lisa-Maria Kellermayr: Die Geschichte der verstorbenen Ärztin

In vielen Städten in Österreich wurde mit Kerzen der verstorbenen Ärztin gedacht. So auch in Linz.
In vielen Städten in Österreich wurde mit Kerzen der verstorbenen Ärztin gedacht. So auch in Linz. bild: twitter/tobiaswatzl

Warum der Tod einer Ärztin aus Oberösterreich das Land erschüttert

Österreich muss sich mit der Aufarbeitung eines tragischen Ereignisses befassen. Es ist von Behördenversagen die Rede. Von Morddrohungen, Mobbing und der Hausärztin Lisa-Maria Kellermayr, die am Freitag tot in ihrer Praxis aufgefunden wurde.
02.08.2022, 17:1702.08.2022, 21:06
Helene Obrist
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Lisa-Maria Kellermayr will eigentlich nicht Medizin studieren. Sie kann kein Blut sehen. Doch als sie den Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein absolviert, brilliert sie. Man legt ihr nahe, Rettungssanitäterin zu werden, schreibt «Der Standard». Ein Herz-Kreislauf-Stillstand einer älteren Frau und Kellermayr, die richtig reagiert. Das bringt sie endgültig zur Medizin.

Sie studiert das Fach in Graz und Wien. Nach der Uni arbeitet sie in einer Reha-Klinik in Bad Ischl. Im Frühling 2021 erfüllt sich Kellermayr den Traum einer eigenen Arztpraxis am Attersee.

Davor arbeitet sie im hausärztlichen Notdienst. Sie meldet sich kurz nach Ausbruch des Coronavirus freiwillig. 1500 Dienststunden verbringt sie bei Corona-Patientinnen und -Patienten zu Hause. «Ich lebe allein, ich bin single, wenn jemand an die vorderste Frontlinie soll, dann jemand wie ich», sagt Kellermayr im Podcast «Inside Austria».

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Kellermayr eignet sich viel Wissen über das neuartige Virus an. Teilt ihr Wissen über den Kurznachrichtendienst Twitter. Gibt der Presse mehrere Interviews. Und sie diskutiert auch mit, als sich im Herbst 2020 eine Gegnerschaft gegen die Corona-Massnahmen zu formieren beginnt.

Die Medizinerin kritisiert auf Twitter eine Demonstration vor einem örtlichen Spital. Sagt, Zufahrten für den Rettungsdienst seien blockiert gewesen. Die örtliche Polizei gibt nach der Demo Entwarnung. Es habe andere Rettungsrouten gegeben, es seien Falschnachrichten verbreitet worden, wonach alle Routen gesperrt seien.

Kellermayrs Kritik an der Demo und der darauffolgende Tweet der Polizei ziehen den Hass der Massnahmen-Gegner auf sie. «Ich habe in meinem Leben so etwas noch nie erlebt, habe keine Anknüpfungspunkte, um das irgendwie einzuordnen», erinnert sie sich im Juli im Podcast «Inside Austria».

Auf Kellermayr prasseln Nachrichten herein. Fremde Menschen beleidigen sie auf Twitter. Wünschen ihr den Tod per E-Mail. Die Drohungen und Beleidigungen kommen in einer so hohen Frequenz, dass sie «nicht genügend schnell Screenshots machen kann», wie sie sagt.

Die 36-Jährige wartet nicht lange. Sie erstattet Anzeige, kontaktiert die Ärztekammer, schreibt Lokalpolitikerinnen und Parlamentsparteien. «Alle fanden, dass mir geholfen werden sollte. Aber getan hat halt niemand etwas», so Kellermayr.

Die Zeit vergeht, der Hass nimmt nicht ab. Sieben Monate lang erhält sie in unregelmässigen Abständen Morddrohungen. Gegen sich und gegen ihre Mitarbeitenden.

Die Ärztin sieht sich gezwungen, Sicherheitsmassnahmen zu ergreifen. Engagiert einen bewaffneten Sicherheitsdienst in ihrer Arztpraxis. Lässt an verschiedenen Orten Panikknöpfe installieren. Kostenpunkt: 100'000 Euro.

Ende Juni 2022 sieht sich Kellermayr gezwungen, ihr Praxis zu schliessen. Zu gross der finanzielle Schaden, der durch die Drohungen und die daraus resultierenden Sicherheitsmassnahmen entstanden sei.

Ihre Patientinnen und Patienten möchte sie nicht anlügen. Auf der Homepage ihrer Praxis veröffentlicht Kellermayr Auszüge der Hassnachrichten. «Ich habe alles getan, um dafür Unterstützung zu bekommen, aber es hat nicht gereicht», schreibt Kellermayr.

Ihre Angst ist gross. Irgendwann geht sie nicht mehr nach Hause. Lebt nur noch in der Praxis am Attersee. Davor verliess sie nur für die Arbeit ihre Wohnung. Ging ein- bis zweimal im Monat in den Supermarkt. Immer in einen anderen, zu einer anderen Tageszeit.

Am 29. Juli wurde Kellermayr tot in ihrer Praxis aufgefunden. Die Staatsanwaltschaft bestätigte einen Suizid.

Nach ihrem Tod schreibt die Landespolizeidirektion Oberösterreich auf Anfrage der deutschen «Tagesschau», dass «alle gesetzlich möglichen Massnahmen ausgeschöpft worden seien». Kellermayr berichtete, dass die Polizei ihr angeboten habe, ab und zu einen Streifenwagen vorbeizuschicken. Finanzielle Unterstützung erhielt sie keine.

Österreich steht unter Schock. Und fragt sich, ob die Behörden, die Politiker, die Öffentlichkeit mehr hätten tun können.

Am Montagabend wurde auf dem Stephansplatz in Wien mit Kerzen an die verstorbene Ärztin erinnert. Still setzten Hunderte Menschen ein Zeichen gegen Hass.

Alexander Van der Bellen, der österreichische Bundespräsident, äusserte sich ebenfalls zu Kellermayrs Tod. Vor ihrer Praxis legte er gemeinsam mit seiner Frau Blumen nieder.

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69 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Cpt. Jeppesen
02.08.2022 20:40registriert Juni 2018
Österreich fragt sich ob die Behörden mehr hätten tun können? Ein ganz klares JA! Es geht nicht an, dass die Polizei immer noch so tut, als sei das Internet eine Spielwiese und Morddrohungen werden nur zum Spass ausgesprochen. In Österreich ist die Gesetzgebung ähnlich wie hier, alle Metadaten werden erfasst. Somit sollte man eigentlich erwarten können, dass jene Leute, die Morddrohungen aussprechen, auch hart zur Rechenschaft gezogen werden.
Wenn der Staatsapparat nicht in der Lage oder willens ist die Opfer zu schützen, für was werden dann die Daten gesammelt?
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So oder so
02.08.2022 20:34registriert Januar 2020
Die hat sich Umgebracht weil sie Massiv Bedroht wurde von denn Querdenkern und Massnahme Gegnern die nach eigenen Angaben voll Friedlich sind voll Hippie und Peace.

Die Querdenker und Massnahmen Gegner sind voller Hass auf alle die ihnen nicht Passen und viele sind jetzt Bewunderer von Putin. Was mich überhaupt nicht verwundert .
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wintergrün
02.08.2022 20:13registriert Dezember 2017
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Der Richter wertete die SMS nicht als Spontanreaktion. Dafür sei sie zu eloquent formuliert gewesen. Da der Angeklagte bereits mehrfach zu Bewährungsstrafen verurteilte worden war, sah der Richter keine positive Sozialprognose und verhängte in diesem Fall eine Haftstrafe ohne Bewährung. Hausarzt Kröner fühlt sich durch das Urteil bestätigt: Drohungen dürften kein Kavaliersdelikt sein. Er kenne einige Ärzte, die Ähnliches erleben müssten, so Kröner.
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