Helena ist ihm nicht blond genug – Elon Musk ist hässig auf Christopher Nolan
Elon Musk war mal wieder wütend. «Chris Nolan hat all seine Integrität verloren», twitterte der reichste Mann der Welt am vorletzten Wochenende. Er bezog sich damit auf den Regisseur Christopher Nolan («Oppenheimer»), dessen Verfilmung des griechischen Epos «Odyssee» im Sommer 2026 erscheinen soll.
Abgedreht ist Nolans «The Odyssey» bereits, doch die Besetzungen der Rollen sind noch nicht alle bekannt gegeben. So auch die Rolle der schönen Helena, die im Mythos der Grund ist, weshalb der Trojanische Krieg ausbricht. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber ist es die Schauspielerin Lupita Nyong’o, die bei Nolan als Helena auftritt – und diese Aussicht ist es, die Musk schäumen lässt.
Denn: Die US-Kenianerin Nyong’o ist Schwarz. In der vermuteten Entscheidung, sie als Helena zu casten, erkennen Musk und andere rechte Kulturkämpfer woken Wahnsinn und einen Verrat am Mythos, wenn nicht gleich ein weiteres Indiz für den Untergang des Abendlands. Schliesslich sei völlig klar, dass Helena weiss und blond gewesen sei.
Als Homer-Purist zeigt sich Musk nicht
Zunächst scheint hinter dem Argument derselbe essenzialistische Gedanke zu stecken, mit dem vor ein paar Jahren linke Kulturkämpfer für Schlagzeilen sorgten. Nur Schwule sollten Schwule spielen, hatte etwa der Drehbuchautor Russell T. Davies («Doctor Who») 2021 gefordert.
Ähnliches war damals auch für die Besetzungen von behinderten, transsexuellen und nicht-weissen Figuren zu hören. Dabei waren manche der Forderungen sinnvoll; dass es für einen Weissen wenig gute Gründe gibt, eine spezifisch Schwarze Rolle zu spielen, ist nachvollziehbar.
Bei anderen Argumentationen hingegen ging bisweilen vergessen, dass die Fähigkeit, die eigene Identität zu verwandeln, der Kern der Schauspielkunst ist. Als ob es für eine gute, heterosexuelle Schauspielerin grundsätzlich unmöglich wäre, vor der Kamera glaubhaft so zu tun, als begehrte sie Frauen.
Im Fall der Helena wiederum ist der Fall recht klar. Bei Homer, dem mutmasslichen Autor von «Ilias» und «Odyssee», ist Helenas Aussehen zwar entscheidend. Denn es ist ihre Schönheit, die ihren Raub provoziert, der dann zum Krieg und letztlich zu Odysseus’ Irrfahrten führt.
Allerdings: Abgesehen davon, dass Helena die Schönste und Anmutigste sei, verschweigen die historischen Texte weitgehend, wie sie aussieht. Zwar nennt Homer sie «weissarmig», was sich jedoch darauf bezieht, dass sie nicht in der Sonne arbeiten muss. Von ihrer Haarfarbe ist nichts zu lesen. Womit sich der Aufschrei von Musk und den Seinen nicht als Beitrag besorgter Homer-Puristen entpuppt, sondern als schlichter Rassismus.
Heftige Drohungen gegen die Casting-Verantwortliche
Scheinbar ähnliche Diskussionen umwuchern eine Buchverfilmung, die ab dieser Woche im Kino zu sehen ist: «Wuthering Heights» von Regisseurin Emerald Fennell («Saltburn»). Es handelt sich um eine Adaption des gleichnamigen Romans (auf Deutsch: «Sturmhöhe»), den die britische Autorin Emily Brontë im Jahr 1847 veröffentlichte.
Brontë erzählt darin von der Beziehung zwischen der launischen Catherine und dem cholerischen Heathcliff, die sich im ländlichen Yorkshire des späten 18. Jahrhunderts unerfüllt anschmachten.
Wie Nolan erhielt nun auch Regisseurin Fennell scharfe Kritik für ihre Casting-Entscheidung. Es gehe nicht an, dass sie die Rolle des Heathcliff mit dem Weissen Australier Jacob Elordi besetzt sei, befanden Kritiker. Auf Instagram kommentierte ein User, die Casting-Verantwortliche solle erschossen werden.
Grund dafür ist die im Buch ungeklärte Herkunft der Figur. Heathcliff ist ein Findelkind, seine Mitmenschen beschreiben ihn als «dark gipsy» (in deutschen Übersetzungen meist «dunkelhäutiger Zigeuner»). Eine Dienerin meint, er sehe aus wie der Sohn eines chinesischen Kaisers oder einer indischen Königin. Während Brontë nichts über Heathcliffs Eltern schreibt, macht sie relativ klar, dass er Rassismus erfährt und auch deswegen zum unglücklichen Eigenbrötler gerät.
Wo Ödnis in der Vorlage ist, glitscht der Film
Fennell wiederum geht insgesamt recht frei mit der Buchvorlage um, was ihr gutes Recht ist. Ihren Film hat sie barock überladen und die im Original erotisch dürre Geschichte mit allerhand glitschigen Sexszenen angereichert. Ihr von Elordi gespielter Heathcliff ist kein von Rassismus geprügelter Hund, sondern ein geheimnisvoller Gentleman mit starken Händen.
Die im Original gesellschaftskritische Geschichte wird damit zur Schmonzette, wenngleich zu einer aufregend bebilderten. Irritiert hat die Regisseurin jedoch mit ihrer Antwort auf die Kritik ihrer Besetzung.
Sie habe «Wuthering Heights» mit 14 Jahren verschlungen und das Buch jetzt so verfilmt, wie es sie damals wahrgenommen hatte, sagte Emerald Fennell. Der Schauspieler Jacob Elordi sehe mit Koteletten nun mal aus wie Heathcliff auf den Illustrationen der Ausgabe, die sie als Teenager gelesen habe.
Offen rassistisch wie Elon Musks Äusserung ist das nicht, unbeholfen aber schon. In beiden Fällen gilt: Genaue Lektüre könnte Kulturkämpfe verhindern.
Emerald Fennells «Wuthering Heights» kommt am 12. Februar ins Kino, Christopher Nolans «The Odyssey» Mitte Juli 2026. (aargauerzeitung.ch)
