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Rassismus

Hauptverdächtiger im Mordfall Lübcke gesteht erstmals vor Gericht

Hauptverdächtiger im Mordfall Lübcke gesteht erstmals vor Gericht

05.08.2020, 12:0805.08.2020, 15:43
epa08568455 A judical officer (R) opens the handcuffs of Stephan Ernst (C), who is accused of the murder of the politician Walter Luebcke, as his lawyer Mustafa Kaplan looks on after arriving for a he ...
Stephan Ernst (Mitte) hat gestanden.Bild: keystone

Im Prozess um den Mordfall Walter Lübcke hat der Hauptangeklagte Stephan Ernst in Deutschland erstmals vor Gericht den tödlichen Schuss auf Kassels Regierungspräsidenten eingestanden.

«In dem Moment sah ich, dass er wieder aufstehen wollte - und da habe ich geschossen», sagt er in einem Geständnis, das sein Anwalt Mustafa Kaplan am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht Frankfurt verlas. Gleichzeitig belastete Ernst den Mitangeklagten Markus H., der ebenfalls am Tatort gewesen sei und eine entscheidende Rolle gespielt habe.

Der Kasseler Regierungspräsident Lübcke war im Juni 2019 auf der Terrasse seines Wohnhauses im Landkreis Kassel getötet worden. Der Deutsche Ernst muss sich wegen der Tat vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts verantworten.

Der Generalbundesanwalt wirft ihm rechtsextremistische Motive vor. Der zweite Angeklagte, Markus H., wird der Beihilfe beschuldigt. Dass H. mit am Tatort war, hatten die Ermittler Ernst in einer früheren Aussage nicht abgenommen.

Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (in einer Aufnahme vom Juni 2012).
Walter Lübcke.Bild: AP DPA

H. sei in einer schwierigen psychischen Phase von Ernst sein «Mentor» gewesen, liess der Hauptangeklagte nun erklären: «Er hat mich radikalisiert und aufgehetzt.» Demnach war H. es, der Lübcke als Ziel ins Spiel brachte. Bei Schiessübungen habe H. eine Zielscheibe mit dem Bild von Angela Merkel gehabt und erklärt, dass er auch eine Zielscheibe von Lübcke machen wolle. Im Gegensatz zur Kanzlerin «sei Lübcke jemand, an den man rankommen könnte». Zudem habe H. den Regierungspräsidenten als «Volksverräter» bezeichnet.

Nach einer Bürgerversammlung 2015, bei der sich Lübcke für die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzte, habe H. erklärt, dass man dem CDU-Politiker einen «Besuch» abstatten solle. Laut der Erklärung verabredeten sich Ernst und H. 2019 dazu. Ziel sei nicht ausdrücklich gewesen, Lübcke zu töten. Aber: «Der Einsatz der Waffe war auf jeden Fall eine Alternative, die wir in Betracht zogen.»

Als Ernst und H. Lübcke auf der Terrasse seines Wohnhauses bedrohten, habe er auf einem Stuhl gesessen. Der Politiker habe aufstehen wollen, da habe Ernst abgedrückt. «Vielleicht habe ich auch nur auf eine solche Reaktion des Herrn Lübcke gewartet, um zu schiessen», liess Ernst erklären.

Mit der Aussage, dass er selbst der Schütze war, kehrt der Hauptangeklagte zu seinem ersten, widerrufenen Geständnis zurück. Die neue Schilderung enthält aber auch Elemente aus dem zweiten Geständnis, in dem der 46-Jährige die Schussabgabe als Unfall darstellte und H. als Schützen. Als Begründung für die neue Version des Tathergangs verwies Ernst auf seine früheren Rechtsanwälte. Erst habe man ihm geraten, H. aus der Tat herauszuhalten, später dann ihn zu beschuldigen. (aeg/sda/dpa)

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