Russland rekrutiert Afrikaner für Ukraine-Krieg: Nun wehrt sich Kenia
Seit Monaten beklagt die Ukraine, dass Russland in Afrika Söldner für den Krieg im Nachbarland rekrutiert. Jetzt hat der kenianische Aussenminister Musalia Mudavadi in Moskau erstmals vereinbart, dass keine Männer aus seinem Land mehr angeworben werden sollen. Denn das Ausmass der russischen Rekrutierung hat in einigen afrikanischen Ländern Empörung ausgelöst.
Allein Kenia gibt an, dass mehr als 1000 Kenianer für den Kampf angeworben wurden – angelockt von monatlichen Gehältern von mehreren Tausend Dollar und Bonuszahlungen von mehr als 6000 Dollar. Die kenianische Regierung verurteilt den Einsatz ihrer Staatsbürger «als Kanonenfutter» in der Ukraine.
Als Mudavadi diese Woche in Moskau seine Besorgnis wegen «Kenianern, die freiwillig oder unfreiwillig in das russische Militär eingereiht wurden» äusserte, wiegelte Russlands Aussenminister Sergej Lawrow zunächst ab. «Alle Bürger Kenias wie anderer Staaten nehmen an der militärischen Spezialoperation freiwillig teil, in voller Übereinstimmung mit den russischen Gesetzen», sagte er.
Doch Kenias Aussenminister gelang nach rund vier Kriegsjahren ein Erfolg: Moskau sagte eigenen Angaben zufolge einen Anwerbestopp zu. Wer ist der Mann, der sich dem Kreml entgegenstellte und sich gegen Russlands Rekrutierungstaktiken wehrte?
In Kenia assoziiert man mit Mudavadi ein «Erdbeben»
Der 1960 geborene Mudavadi ist nicht nur Kenias Aussenminister, sondern auch Kenias ranghöchster Kabinettsminister. Er ist der Sohn von Moses Substone Budamba Mudavadi, einem kenianischen Politiker der «alten Garde». Seine eigene politische Karriere begann Ende der 1980er. Im Jahr 2002 hatte er kurzzeitig Chancen, Präsident zu werden.
Doch der damals amtierende Präsident Daniel arap Moi wählte als Präsidentschaftskandidaten der Regierungspartei KANU nicht ihn aus, sondern Uhuru Kenyatta. Dieser verlor schliesslich gegen Mwai Kibaki von der National Rainbow Coalition (NARC).
Aussenpolitisch gibt sich Mudavadi stets diplomatisch. Als regionales Schwergewicht, Vermittler und wirtschaftlichen Knotenpunkt will er Kenia in Afrika positionieren. Erst in der vergangenen Woche erklärte er zudem in London, die Aussenpolitik des Landes neu ausrichten zu wollen, um auf eine sich wandelnde Weltordnung zu reagieren. Dabei skizzierte er eine Strategie, die Kenias nationale Interessen wahren und gleichzeitig Afrikas Stimme in der Weltpolitik stärken soll.
Mudavadi betonte, dass Kenia angesichts globaler Konflikte, einschliesslich der anhaltenden Krise im Nahen Osten, weiterhin Neutralität und Diplomatie bekenne und rief zu Deeskalation, dem Schutz der Zivilbevölkerung und der strikten Einhaltung des Völkerrechts auf.
Der Kenianer warnte davor, dass anhaltende Instabilität in der Region den Welthandel und die Energieversorgung beeinträchtigen könnte, insbesondere wenn Seewege wie die Strasse von Hormus weiterhin blockiert blieben. Dies hätte erhebliche wirtschaftliche und sicherheitspolitische Folgen für viele Länder, darunter auch afrikanische. Ausserdem erklärte er, Kenia sei bereit, zum Aufbau eines stabileren internationalen Systems beizutragen.
Mudavadi bietet Lawrow die Stirn
Nun gehört offenbar auch zu Mudavadis Agenda, für kenianische Kämpfer im russischen Angriffskrieg einzustehen. Angesichts dessen, dass die Ukraine seit September 2025 auf Russlands Rekrutierung von Kenianern aufmerksam macht, kommt der Schritt zwar recht spät.
Allerdings ist das Thema für Kenia durchaus heikel. So lobte Mudavadi einerseits die Beziehungen zu Moskau, einschliesslich der sowjetischen Anerkennung der kenianischen Unabhängigkeit von Grossbritannien im Jahr 1963. Andererseits betonte er, dass man eine Vereinbarung getroffen habe, wonach sich Kenianer nicht mehr zum Kampf melden dürften.
«Es wird keine weiteren Rekrutierungen geben», sagte er. Er fügte hinzu, dass man sich zudem um diejenigen Kenianer kümmern werde, die in Russland Hilfe bräuchten.
So viele Kenianer kämpfen offenbar für Putin
Es ist unklar, wie viele Afrikaner genau in der Ukraine kämpfen. Die Regierung in Kiew spricht von mehr als 1700 Afrikanern, die auf russischer Seite kämpfen. Analysten gehen jedoch von einer noch höheren Zahl aus.
Bisher war das Thema nicht öffentlich verhandelt worden. Aber nun gibt es offene Debatten in einzelnen Ländern: «Wir stehen unter grossem Druck von einigen betroffenen Familien, die nun immer mehr Mut fassen, sich zu Wort zu melden und über das Problem zu sprechen», räumte Mudavadi ein.
Einem im Februar den Abgeordneten vorgelegten Bericht des kenianischen Geheimdienstes zufolge wurden mehr als 1'000 Kenianer rekrutiert, um an der Seite Russlands im Krieg in der Ukraine zu kämpfen – fünfmal so viele, wie die Behörden zuvor geschätzt hatten.
Russlands Rekrutierungspraktiken im Ausland
Wie verbreitet das Phänomen ausländischer Soldaten in der russischen Armee ist, behauptet man auf der anderen Seite der Front – in der Ukraine – zu wissen. Insgesamt sollen seit dem russischen Einmarsch 2022 mehr als 24'000 Ausländer Verträge mit der russischen Armee unterzeichnet haben, teilte der ukrainische Militärgeheimdienst der Deutschen Presse-Agentur auf Anfrage mit.
Mit 70 Prozent komme dabei das Gros aus asiatischen Staaten, meist aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien. Etwas mehr als sieben Prozent oder etwa 1'780 Söldner seien aus afrikanischen Staaten.
Kenianische Politiker beschrieben ein Netzwerk aus korrupten Staatsbeamten, die mit Menschenhändlerringen zusammenarbeiten. Oft sollen den Menschen über Dritte lukrative zivile Arbeitsplätze angeboten worden sein, bevor sie dann in Russland plötzlich an die Front mussten. Das löste in Ländern wie Kenia, Ghana und Südafrika Empörung aus.
Die Familien fordern ein stärkeres Engagement für die Heimkehr der Rekruten. Doch die afrikanischen Regierungen hüteten sich bisher davor, im Krieg in der Ukraine offen Partei zu ergreifen – sie wollen Moskau nicht verärgern, auch aus Dankbarkeit, dass die Sowjetunion früher viele einheimische Unabhängigkeitsbewegungen unterstützte.
Kenias Aussenminister wendet sich an «Supermacht» Russland
Mudavadi hatte vor seiner Reise nach Moskau deshalb erklärt, er wolle «pragmatisch und realistisch» vorgehen. Russland sei eine «Supermacht», mit der Nairobi seit Langem Beziehungen unterhalte.
Im Februar gab Ghana bekannt, dass mehr als 50 Ghanaer im Ukraine-Krieg getötet wurden, nachdem sie «in den Kampf gelockt» worden waren. Ghanas Aussenminister Samuel Okudzeto Ablakwa sagte Reuters, die tatsächliche Zahl könnte höher liegen. Auch er sprach davon, dass dies enden müsse.
Die meisten afrikanischen Regierungen dürften aber dem vorsichtigen Ansatz Südafrikas folgen, das ebenfalls betroffen ist. «Wir untersuchen, unter welchen Umständen die Menschen das Land verlassen haben», sagte Zane Dangor, Generaldirektor des südafrikanischen Aussenministeriums, gegenüber Reuters. «Die Untersuchung wird auch klären, ob die Wagner-Gruppe beteiligt war», sagte er mit Blick auf die russische Söldnertruppe, die in Afrika aktiv war und später vom kremlnahen Afrika-Korps abgelöst wurde.
Dangor erklärte, die bisherigen Beweise deuteten nicht auf eine Beteiligung des russischen Staates hin. Überraschend ist dies nicht: Südafrika ist ein Verbündeter Russlands etwa als Teil der Brics-Staaten und hat sich trotz Drängens auch der Bundesrepublik nie auf die Seite der überfallenen Ukraine geschlagen.
«Wir glauben, dass wir erst an der Oberfläche kratzen»
Doch das Thema zieht nun grössere Kreise. Inpact, eine in Genf ansässige Organisation, die die russischen Rekrutierungsnetzwerke untersucht hat, hat mehrere von ihr erhaltene Listen von Rekruten verifiziert, darunter eine mit detaillierten Angaben zu 1417 Bürgern aus Afrika. Kamerun, Ägypten und Ghana gehörten danach zu den Ländern mit den meisten Rekruten, hiess es in einem im Februar veröffentlichten Bericht.
Die Rekrutierung von Afrikanern sei der Kern einer gezielten Strategie, um die Zahl der Soldaten zu erhöhen, die die ukrainischen Verteidigungslinien mit Angriffswellen überrennen sollen, erklärte Inpact. Russland hatte bereits mehrere Tausend Söldner aus Nordkorea eingesetzt.
«Wir glauben, dass wir mit diesen Zahlen erst an der Oberfläche kratzen», sagte Lou Osborn, ein Mitglied von Inpact. Seit der Veröffentlichung des Berichts hätten sich mehr als 40 Familien an die Organisation gewandt und die Rekrutierungsmethoden bestätigt, sagte er. Ghanas Aussenminister Ablakwa kündigte an, das Thema mit anderen afrikanischen Ländern als kontinentales Problem anzugehen.
Pier Pigou, leitender Berater der International Crisis Group, beschreibt die Schwierigkeiten bei diesem Vorhaben. Denn das Motiv sei einfach zu verstehen: Die meisten Rekruten versuchten einfach nur, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. «Und weil ihre Länder ihnen das nicht ermöglichen, werden sie (…) die sich bietenden Chancen nutzen», sagte er.
Der Fall Edison Kamwesigye
Wie diese Rekrutierungsmethoden konkret aussehen, schildert etwa Carol, die Ehefrau von Edison Kamwesigye aus Uganda. Auch er habe den Worten eines Arbeitsvermittlers geglaubt. Dieser habe dem 47 Jahre alten Ugander von der Möglichkeit erzählt, als Fahrer oder Wachmann in Russland zu arbeiten. Der Vermittler brachte ihn laut Carol zusammen mit anderen Männern des ostafrikanischen Landes zur russischen Botschaft und half bei der Visabeschaffung.
Wenige Tage später habe sie einen beunruhigenden Anruf erhalten. «Er sagte, diese Leute schicken uns in den Krieg», erzählt sie. Er habe gesagt: «Bete für uns – wir wissen nicht, ob wir lebend zurückkommen.»
Es war das letzte Gespräch des Paares. Nur wenige Wochen nach der Ankunft Kamwesigyes in Russland berichteten andere Ugander, er sei bei Kämpfen in der Ukraine ums Leben gekommen. Carol Kamwesigye konnte nur vor einem leeren Sarg symbolisch Abschied nehmen.
Quellen
- Mit Material der Nachrichtenagenturen Reuters und dpa
- mfa.go.ke: Kenya Calls for Strategic Diplomacy as Global Order Shifts
- president.go.ke: Office of the Prime Cabinet Secretary
- the-star.co.ke: Mudavadi marks 'earthquake' declaration anniversary
- musaliamudavadi.com: Personal Life

