Für den Schweizer Fleischersatz-Hersteller Planted Foods geht es jetzt um die Wurst
Absolventen der St. Galler Kaderschmiede HSG sind «Getriebene». Das suggeriert jedenfalls der Schweizer Dokumentarfilm «The Driven Ones», der fünf Studenten während sieben Jahren auf deren Wegen in die Wirtschaft begleitet hat. «Ein bisschen ein Getriebener», sei er auch, räumt Pascal Bieri ein. Auch er hat die HSG durchlaufen und ein paar Jahre später genau das getan, was man dort offenbar besonders gut lernt: ein Start-up gründen.
Die Firma «Planted Foods AG» ist inzwischen knapp sieben Jahre alt, produziert in zwei Fabriken in Kemptthal bei Zürich und in Memmingen bei München Nahrungsmittel, die optisch, vor allem aber auch geschmacklich dem gleichen möchten, was die meisten Leute als Steaks, Roastbeef, Schnitzel oder Chicken zu essen pflegen. Doch die Produkte von Planted bestehen ausschliesslich aus pflanzlichen Proteinen. Umweltfreundlich produziert und ganz ohne alle Zusatzstoffe, wie Pascal Bieri im Gespräch mehrfach betont.
«Ich glaube, ich war schon immer getrieben von der Idee, etwas zu bewegen, Impact zu haben» räumt der 40-jährige Innerschweizer ein. Die Firma, die er mit seinem Cousin Lukas Böni, einem promovierten Lebensmittelingenieur, und mit drei weiteren Absolventen der ETH gegründet hat, gibt ausreichend Gelegenheit dazu. Die Lebensmittelindustrie ist eine Treibhausgasschleuder ersten Ranges, allen voran die Fleisch- und Milchproduktion.
«Jeder Tag ist Day One»
«Wir arbeiten seit Jahren wie die Verrückten, um etwas daran zu ändern, und wir haben wahnsinnig viel erreicht», sagt Bieri. «Trotzdem ist jeder Tag irgendwie Day One». Planted Foods und alle anderen auf dem Markt müssen in der Tat Berge versetzen, um den erhofften «Impact» zu erzeugen. Allein in der Schweiz konsumieren die rund neun Millionen Einwohner 135'000 Tonnen Hühnerfleisch pro Jahr. «Mit unserer Jahresproduktion von 3750 Tonnen planted Chicken stehen wir noch immer ganz am Anfang», erklärt der Betiebswirtschafter.
Das Schuften im Start-up evoziert unvermeidlich das Bild von Sisyphus. Aber im Unterschied zum antiken Tunichtgut erledigen Bieri und die inzwischen rund 220 Mitarbeitenden von Planted Foods keine endlose und sinnlose Strafarbeit. Immerhin 115 Millionen Franken hat das Unternehmen an Kapital bereits eingesammelt. Zu den Finanzierern der ersten Stunde gehören so prominente Namen wie der Milliardenerbe Stephan Schmidheiny, der Zürcher Vegi-Gastronom Rolf Hiltl oder der frühere Fussballnationalgoalie Yann Sommer. Inzwischen sind internationale Investoren aus dem Umfeld von LVMH und Ikea hinzugekommen.
«Wir arbeiten kontinuierlich daran, nachhaltig profitabel zu werden», sagt Bieri. Aber gleichzeitig muss das Unternehmen schnell weiterwachsen. «Skalierung» ist ein Wort, das häufig fällt im Gespräch. Grösser werden ist in dem Markt von Planted Foods alternativlos. Wer die Absatzmengen hochbringt, kann die Profitmarge steigern und trotzdem die Preise senken. Es ist ein anstrengender Wettlauf mit erheblichen Risiken. Die Wachstumsraten im europäischen Markt für Fleischersatzprodukte sind seit den besten Zeiten von fünf Jahren deutlich abgeflacht. Planted Foods muss sich mächtig strecken, um schneller voranzukommen. Von Anpassungen ursprünglicher Produktionsziele, die immer mal wieder auch zu Entlassungen führen, bleiben aber auch die Schweizer nicht verschont.
Ein abschreckendes Beispiel
Beyond Meat, ein amerikanischer Branchenpionier, der im selben Jahr an die Börse kam, als Planted Foods gegründet wurde, ist ein abschreckendes Beispiel. Die Firma hat es nicht geschafft, aus ihren spektakulären Anfangserfolgen Kapital zu schlagen. Die schwachen Geschäftszahlen deuten auf eine verkürzte Lebenserwartung hin. «Beyond Meat hat uns schon inspiriert», sagt Pascal Bieri. «Vor allem, weil sie so früh eine Lösung für ein globales Problem bieten konnten.» Aber das Unternehmen habe auch fatale Abkürzungen genommen, wie sie in der Lebensmittelindustrie nicht selten seien: «Mit Zucker und Salz lässt sich der Geschmack eines Produktes leicht beeinflussen, Geliermasse und Methylzellulose bringen sofort die gewünschte Konsistenz. Nur: solche Formulierungen sind nicht konsumentenfreundlich.»
Planted Foods lernt aus den Fehlern der Konkurrenz. Aber der Weg zum Ziel bleibt lang und beschwerlich. Kann ein Steak ohne Fleisch jemals so funktionieren wie ein Marlboro-Cowboy ohne Zigarette?
«Wir möchten Lösungen für traditionelle Gerichte bieten, die immer noch beliebt sind und der klassischen Vorstellung von ausgewogenem Essen entsprechen», erklärt Bieri die Strategie. Ein Drittel Kohlehydrate, ein Drittel Gemüse und Früchte und ein Drittel Proteine. «Wir bieten die pflanzlichen Proteine für Fajitas, orientalische Kebab, für eine Piccata oder für ein Züri Geschnetzelstes».
Planted Foods lädt zum Mittagessen: Zu degustieren gibt es ein Menü, das François, ein Koch der französischen Haute Cuisine und Produktentwickler beim Schweizer Start-up direkt vor unseren Augen zubereitet: Ein in kleine Würfel geschnittenes Steak, gebraten im Wok, im asiatischen Stil mit Chilischoten und Sojasprossen. Es schmeckt hervorragend. Man wüsste gern, wie gross der Beitrag von François zu diesem Ergebnis war.

