International
Russland

Kriegswende im Winter: Darauf muss sich die Ukraine jetzt gefasst machen

Kriegswende im Winter? Worauf sich die Ukraine jetzt gefasst machen muss

Kriegsreporter Kurt Pelda hat die vergangenen Wochen in der Südukraine verbracht. Nach zahlreichen Frontbesuchen und Gesprächen mit Angehörigen der ukrainischen Streitkräfte zeigt er auf, wie die Wintervorbereitungen der Ukraine aussehen und was die Mobilmachung der russischen Armee bewirkt.
13.10.2022, 13:1613.10.2022, 13:16
Kurt Pelda / ch media
epa10224888 Russian conscripts attend a shooting training at a shooting range near Donetsk, Ukraine, Ukraine, 05 October 2022. Russian President Putin announced in a televised address to the nation on ...
Russische Rekruten beim Training nahe dem besetzten Donezk. Im Gegensatz zu den ukrainishe Einheiten haben diese Soldaten keine Kampferfahrung.Bild: keystone

Welchen Eindruck hinterlassen die ukrainischen Einheiten momentan?

Die Truppen sind gut organisiert, und die Kommandanten auf der unteren Ebene haben die Autonomie, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen. Deshalb sind die Ukrainer um so vieles flexibler als die schwerfällige russische Armee, wo man Befehlen von oben folgen muss, auch wenn diese schon längst von der Wirklichkeit überholt worden sind. Die meisten ukrainischen Soldatinnen und Soldaten sind hoch motiviert, nicht zuletzt wegen der jüngsten Siege im Osten und Süden. Sie kämpfen für ihr Heimatland.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zum Beginn des Krieges?

Die Ukrainer haben nun wesentlich mehr Kriegserfahrung als früher. Natürlich hat ein Teil der Armee schon seit 2014 gegen die Russen gekämpft, aber das war mehrheitlich ein Stellungskrieg. Nun haben die Ukrainer gelernt, einen Bewegungskrieg zu führen, und dafür setzen sie auch immer mehr digitale Hilfsmittel ein. Und besonders bei der Artillerie haben sie massive westliche Hilfe erhalten, inklusive Munition. Den Russen scheinen dagegen die Granaten auszugehen.

Video: ch media

Wo gibt es Mängel?

Die Mängel sind teilweise dieselben, wie schon zu Beginn des Kriegs: Alle Kampfpanzer und die meisten Schützenpanzer stammen noch aus der Sowjetzeit. Hier fehlt den ukrainischen Verteidigern modernes Gerät mit westlicher Technik.

Wie sehen die Wintervorbereitungen der ukrainischen Armee aus?

Dort, wo ich mich umgesehen habe, wurden fieberhaft winterfeste Stellungen, also Bunker mit Brennöfen und Lüftungen gebaut. Helfen dürfte auch Deutschlands Lieferung einer grossen Zahl von Winteruniformen. Die ukrainische Zivilgesellschaft hilft ebenfalls mit, ihre Soldaten mit winterfestem Schuhwerk und Schlafsäcken zu versorgen. Für viele Soldaten, die erst vor wenigen Monaten eingezogen wurden, ist dies der erste Winterkrieg.

Was wird dem russischen Feind in den nächsten Monaten zugetraut?

Vor allem Schläge gegen Zivilisten und zivile Infrastruktur wie Kraftwerke und Einrichtungen der Wasserversorgung. Wenige Ukrainer glauben, dass Russland in den kommenden Wochen zu einer Gegenoffensive auf breiter Front in der Lage ist. Die Versorgungslage und der geringe Organisationsgrad der russischen Truppen lässt das kaum zu. Aber am Ende weiss niemand, was die Zukunft bringt.

epa10229661 A destroyed tank not far from Izyum city of Kharkiv's area, Ukraine, 07 October 2022 amid Russia's military invasion. The Ukrainian army pushed Russian troops from occupied terri ...
Ein zerstörter russischer Kampfpanzer nahe Isjum. Die russischen Truppen sind schlecht organisiert und in den kommenden Wochen wohl nicht in der Lage, eine grössere Gegenoffensive zu starten.Bild: keystone

Wie steht es um die augenblickliche russische Kampfmoral?

Darüber kann ich nur spekulieren, weil ich mich nicht auf der russischen Seite der Front aufhalten konnte. Von dem, was man so hört, sind die Russen nach all den Niederlagen in diesem Krieg ziemlich demoralisiert.

Was ist vom russischen Kommandowechsel in der Ukraine zu erwarten?

Der wievielte Kommandowechsel ist das nun? Ein Infanterist, der bisher Chef der nicht gerade überzeugenden russischen Luftwaffe war, ist nun Oberkommandierender des ganzen russischen Expeditionskorps in der Ukraine. Er gilt als brutal, doch die Russen waren schon vorher brutal und nahmen keine Rücksicht auf zivile Opfer. Ich erwarte deshalb wenig Veränderungen. Die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte, was Ausrüstung, Training, Logistik und Führung der russischen Truppen betrifft, lassen sich nicht in kurzer Zeit und während einer gescheiterten Armeeoperation beheben.

Wie wirkt sich der Zustrom der neu eingezogenen russischen Soldaten aus?

Frisch mobilisierte Soldaten wurden bereits an die Front geworfen. Manche von ihnen wurden bereits von den Ukrainern gefangen genommen. Diese armen Männer sind Kanonenfutter, und jene, die das noch nicht erfasst haben, werden das in den nächsten Wochen und Monaten am eigenen Leib erfahren. Moskau hat bereits ganze Eliteeinheiten in der Ukraine verheizt, was will man da mit Anfängern und Grünschnäbeln erreichen?

Russia Partial Mobilisation 8292746 10.10.2022 A man conscripted for military service during partial mobilisation bids farewell to relatives and acquaintances at a temporary mobilisation station set u ...
Ein junger Russe verabschiedet sich von seiner Mutter – er wird in den Krieg eingezogen.Bild: www.imago-images.de

Welche Bedeutung hat die russische Raketenoffensive in den Augen der Ukrainer?

Angriffe auf die Infrastruktur erschweren das Leben aller Ukrainerinnen und Ukrainer, der Soldaten und der Zivilisten. In Mikolajew im Süden, einer grossen Stadt, gibt es zum Beispiel seit längerem kein fliessendes Wasser mehr. Angriffe auf die Stromversorgung wirken sich ähnlich aus. Das kürzlich von russischen Raketen und Marschflugkörpern angerichtete Blutbad in ukrainischen Städten ist allerdings kontraproduktiv: Statt die Ukrainer einzuschüchtern, schürt es den Kampf- und Überlebenswillen der Bevölkerung und der Soldaten.

Ukrainische Feuerwehrleute löschen einen Brand nach einem Raketenschlag auf die Stadt Saporischschja.
Eine russische Rakete schlägt in der ukrainischen Stadt Saporischschja ein und hinterlässt grosse Verwüstung.bild: state emergency service of ukraine

Zugleich scheint es so, als ob der Westen als Reaktion seine Waffenhilfe eher verstärkt als verringert. Moskaus Eskalation erreicht also genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich bezweckt hat. Und auf die Schlachtfelder haben die Angriffe auf die Städte keinen Einfluss. Die Wucht dieser Attacken lässt sich nicht im Geringsten mit den alliierten Bombardierungen deutscher Städte während des Zweiten Weltkriegs vergleichen. (cpf/aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Bilder des Ukraine-Kriegs, die um die Welt gehen
1 / 9
Bilder des Ukraine-Kriegs, die um die Welt gehen
Menschen versammelten sich am 24. Februar am New Yorker Times Square, um gegen die russische Invasion zu protestieren.
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Video der ukrainischen Spezialkräfte zeigt unglaubliche Präzision der neuen Waffen
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Streit geht weiter: CNN darf Trump nicht auf Reise begleiten
Donald Trump facht seinen Streit mit den US-Medien neu an: Der Sender CNN darf die Reise des Präsidenten in den Bundesstaat Tennessee nicht als Vertreter des sogenannten TV-Pools filmen.
In diesem Pool wechseln sich fünf grosse amerikanische Fernsehsender seit Jahrzehnten bei der täglichen Berichterstattung über den US-Präsidenten ab. Die Pool-Vertreter reisen meist mit dem Präsidenten und haben in der Regel direkten Zugang zu seinen Auftritten.
Zur Story