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Putins Wegbereiter: Wer ist Kirill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche?

Der Kreml beeinflusst die russischen Bürger auch über die russisch-orthodoxe Kirche. Nun soll ihr Oberhaupt, Patriarch Kirill, auf die EU-Sanktionsliste kommen.
05.05.2022, 20:0106.05.2022, 08:59
Inna Hartwich, Moskau / ch media

Am Sonntag war Patriarch Kirill durch die Erzengel-Michael-Kathedrale im Moskauer Kreml geschritten. Mit dem orthodoxen Kreuz in der Hand sagte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche während seiner Liturgie: «Russland hat noch nie jemanden angegriffen und beabsichtigt auch nicht, gegen jemanden zu kämpfen.»

Kirill an einer Osterliturgie. Mit bürgerlichem Namen heisst der geistliche Führer Wladimir Gundjajew.
Kirill an einer Osterliturgie. Mit bürgerlichem Namen heisst der geistliche Führer Wladimir Gundjajew.Bild: keystone

So sieht die Verurteilung eines Krieges durch den Mund des höchsten russischen Geistlichen aus, den die EU nun sanktionieren will, wie bereits zuvor russische Politiker, Unternehmer und Propagandisten.

Papst Franziskus gibt Westen Mitschuld am Krieg und irritiert – aus Kalkül?
Vielleicht habe das «Bellen der Nato an Russlands Tür» den Zorn des Kremlchefs entfacht und ihn dazu gebracht, den Konflikt auszulösen. Mit diesen Worten im italienischen «Corriere della Sera» irritiert Papst Franziskus. Das Argument, das der Nato-Osterweiterung eine Mitschuld für den Krieg gibt, gilt in Nato-Ländern als nicht gerechtfertigt, weil Russland der Aggressor ist.
Der Papst kritisiert oft und gerne den «imperialistischen Westen». Ist Franziskus also ein Freund des Kreml? Oder sind seine Aussagen Kalkül? Im selben Interview verurteilt der Pontifex den Krieg, aber Putin selbst nicht. Mit dieser Strategie will er die Gesprächskanäle nach Moskau offenhalten und eine Vermittlerrolle des Vatikans bewahren. Entsprechend betont er, zuerst nach Moskau reisen zu wollen: «Nach Kiew fahre ich im Moment nicht.»
Solche Aussagen stossen auf Kritik. Und sie tragen dazu bei, dass sich katholische Ukrainerinnen und Ukrainer weiter vom Vatikan entfernen. Diese zeigten sich schon von einer Geste während der österlichen Kreuzweg-Prozession erbost: An einer Station hatte Franziskus eine ukrainische und eine russische Krankenschwester gemeinsam das Kreuz tragen lassen – ein Symbol für die Brüderlichkeit der Völker, das viele inmitten des Kriegs für unangemessen hielten.
Virginia Kirst

Gemeinsame Geheimdienst-Vergangenheit

Kirills Worte klingen hart, überraschend sind sie nicht. Er predigt seit Jahren Hass auf den Westen und verlangt Loyalität zum russischen Staat. Den Angriff Russlands auf die Ukraine sieht der 75-Jährige als einen metaphysischen Kampf des Guten gegen das Böse, wobei Russland nach seinem Verständnis gut ist und der Westen böse. Der Kirchenmann steht seit langem an der Seite des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Die beiden verbindet eine Vergangenheit beim sowjetischen Geheimdienst KGB und noch mehr die Vorstellung vom heutigen Russland: als Gegenpol zum, in ihren Augen, verkommenen Westen. Zusammen prägen sie das Bild eines konservativen Landes mit den ihm eigenen, ja einzigartigen – traditionellen, konservativen – Werten. Da stört es wenig, dass das Land laut Verfassung ein säkularer Staat ist.

Schützende Hand über Putin: Patriarch Kirill und der russische Präsident anlässlich einer Göttlichen Liturgie. (2017)
Schützende Hand über Putin: Patriarch Kirill und der russische Präsident anlässlich einer Göttlichen Liturgie. (2017)Bild: Keystone/EPA

Kirill heisst mit bürgerlichem Namen Wladimir Gundjajew und entstammt einer Priesterfamilie aus Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. Auch sein Vater und Grossvater predigten, zu Zeiten, als die Kommunisten Prediger erschiessen liessen und Kirchen zu Lagerhallen oder Bibliotheken machten. Kirills Vorfahren verbrachten viele Jahre im Gulag.

Offenbar noch als Archimandrit (ähnliche Position wie die des Abtes in der katholischen Kirche) liess sich Kirill in den 1970er-Jahren vom KGB zum offiziellen Mitarbeiter «Michajlow» anwerben. Lange Zeit war er als eine Art «Aussenminister» der russisch-orthodoxen Kirche aktiv und verbrachte viele Jahre im Ausland. Am 1. Februar 2009, nach dem Tod des Patriarchen Alexi, wählte ihn der Heilige Synod zum 16. Patriarchen von Moskau. 100 Millionen Gläubige hören auf sein Wort.

Opposition von innen gegen den «Tabak-Patriarchen»

Der Staat weiss das zu nutzen. Mittlerweile ist die Allianz zwischen dem Kreml und der russisch-orthodoxen Kirche so eng, wie sie zuletzt im Zarenreich war. Die Kirche hilft, das Vakuum zu füllen, das nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden war. Die Menschen suchen nach Zuwendung, suchen die Sicherheit. In der Kirche finden sie all das, was die neue Welt der vielen Möglichkeiten sie so sehr durchs Leben taumeln lässt.

Manche Priester in Russland, noch mehr aber in der Ukraine, wo die russisch-orthodoxe Kirche ebenfalls Pfarreien hat, haben sich von Kirill allerdings abgewandt. Mehr als 200 ukrainische Priester der Kirche Moskauer Patriarchats fordern eine Absetzung ihres Oberhauptes.

Den «Tabak-Patriarchen», wie Kirill verächtlich genannt wird, weil er in den 1990er-Jahren im Namen der Kirche mit Zigaretten und Öl handelte, stört das wenig. Er weiss die Politik auf seiner Seite. Das Moskauer Patriarchat ist längst zum mächtigsten Pfeiler von Putins imperialer Neurussland-Ideologie geworden, die Kirche zur Bühne für traditionsbewussten Nationalismus. (bzbasel.ch)

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Diesen russischen Oligarchen geht die EU an den Kragen

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quelle: keystone / alejandro zepeda
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41 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Skuld
05.05.2022 21:26registriert Mai 2016
Der verkommene Westen. Ja ja ... Da schicken sie ihre Kinder zur Ausbildung hin. Da haben sie ihre Villen stehen. Dort kaufen sie ihre Yachten. Dort klauen sie alle Ideen für ihre Industrie und Wirtschaft. Etc. Etc.
Der Minderwertigkeitskomplex der Kriegstreiber muss immens sein.
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Don't look up!
05.05.2022 20:14registriert Juni 2021
Das Tragische an der Masche: sie funktioniert bestens.
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Haarspalter
05.05.2022 20:45registriert Oktober 2020
Patriarch Kirill der Allerletzte
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