Ein Sarg und erbeutete Kloschüsseln: Propagandaschlacht vor der Moskauer Maiparade
Es ist reinste ukrainische Propaganda, aber teilweise urkomisch: Vor der Moskauer Siegesparade am 9. Mai werden die sozialen Medien mit KI-generierten Videos geflutet, welche Kreml-Chef Wladimir Putin ins Lächerliche ziehen.
Dominierten vor einem Jahr noch Szenen, in denen abgehalfterte russische Soldaten erbeutete Kloschüsseln und Waschmaschinen auf dem Roten Platz vorführten, sind mit der Entwicklung der künstlichen Intelligenz auch die Filmsequenzen raffinierter geworden. Ein besonders ausgefeiltes Machwerk zeigt einen Bodyguard, der den von einem Drohnenangriff überraschten Putin zum Eingang eines Schutzbunkers führt.
Absolut cooles Video 🤣🤣🤣 pic.twitter.com/eEQkqLMM4T
— Konstanze Hoffmann (@KonstanzeHoffm1) May 5, 2026
In Wirklichkeit aber ist es der Einstieg in einen Holzsarg. Und als der Personenschützer den Sarg vernagelt und im Stil von Tom Cruises «Mission Impossible» seine Gesichtsmaske abnimmt, entpuppt sich dieser als der fies lächelnde ukrainische Ex-Geheimdienstchef Budanow.
Die Absicht hinter dieser Propagandaschlacht ist eindeutig: Die Ukraine versucht aktuell mit allen Mitteln, das Narrativ von Putins unbesiegbaren Russland zu durchbrechen. Als Zielscheibe eignen sich die dieses Jahr aus Sicherheitsgründen abgespeckten Mai-Feierlichkeiten besonders. Gleichzeitig soll die russische Angst vor Störungen der Siegesparade durch ukrainische Drohnenangriffe gesteigert werden.
Paranoia und Putschängste rund um Putin
Dazu passt auch ein angeblicher Geheimdienstbericht ins Bild, der seit einigen Tagen Schlagzeilen macht. Die an ausgewählte Medien wie CNN und Important Stories durchgestochene Analyse beschreibt ein zunehmend paranoides russisches Sicherheitssystem, das von Putschängsten und internen Machtkämpfen getrieben sei.
An der Spitze steht ein Wladimir Putin, der sich aus Angst vor Attentaten und intrigierenden Untergebenen nur noch einbunkere und die Sicherheitsvorkehrungen ins Masslose verschärfen lasse.
Die Russland-Expertin und Buchautorin Sabine Adler findet zwar die Quellenlage rund um diesen Geheimdienstbericht «ziemlich dünn», wie sie im aktuellen Podcast des Journalisten Paul Ronzheimer feststellt. So sei nicht einmal klar, aus welchem europäischen Land die angeblichen Informationen stammten.
Unbestritten ist aber, dass sich die russische Bevölkerung des immer kritischer werdenden Kriegsverlaufs bewusst ist und gegen die zunehmenden Alltagsbeschränkungen – insbesondere im digitalen Raum – aufbegehrt. Nachdem in Moskau und St. Petersburg aus Angst vor Drohnenangriffen nun auch das mobile Internet blockiert worden ist, ist von einem «digitalen eisernen Vorhang» die Rede. Gemäss der Nachrichtenagentur Reuters sind von der jüngsten Abschaltung auch der elektronische Auszahlungsverkehr sowie örtliche Navigationsdienste betroffen.
Zwei aktuelle Analysen zeichnen ein Bild wachsender Spannungen im Innern Russlands. Die Politologin Tatiana Stanovaya sieht das System zunehmend unter Druck: Entscheidend sei, dass immer mehr Akteure der russischen Elite den Status quo als Bedrohung für ihr eigenes Überleben wahrnehmen.
Zudem wachse der Zweifel, ob Präsident Wladimir Putin im Ukraine-Krieg überhaupt noch eine klare Strategie verfolge. Die bisherige Stabilität beginne zu erodieren, während Putin offenbar nicht bereit oder fähig sei, seinen Kurs anzupassen.
Something Is Shifting Inside Russia
— Tatiana Stanovaya (@Stanovaya) May 5, 2026
Recent developments inside Russia suggest the system is struggling to cope with mounting pressures. These include growing domestic strains, behind-the-scenes manoeuvring among elites, rumours of a coup d’état, a tighter and more reactive grip…
Ähnlich alarmierend beurteilt der Investigativjournalist Roman Anin die Lage. Er sieht Russland an einem Wendepunkt mit zwei möglichen Entwicklungen: Entweder etabliert sich ein noch repressiverer Staat nach iranischem Vorbild, gestützt auf loyale Sicherheitskräfte – oder das Land steuert auf eine Phase innerer Unruhen bis hin zum Machtkampf und möglichem Bürgerkrieg zu.
Mehrheit der Ukrainer gegen Luftangriff auf Maiparade
Ob angesichts dieser Lage Wladimir Putin seine seit jeher als Machtdemonstration angelegte Militärparade am 9. Mai ungestört durchziehen kann, bleibt abzuwarten. Nach den verheerenden Luftangriffen auf ukrainische Städte mit Dutzenden Toten und Verletzten zu Wochenbeginn beschimpfte ein wütender ukrainischer Präsident Wolodimir Selenski den Kreml als zynisches und terroristisches Regime.
Die Ukraine benötige dauerhaften Schutz vor solchen Attacken und nicht bloss während weniger Tage, in denen Putin zur Abschirmung seiner Mai-Feierlichkeiten eine Feuerpause verkündet hat. Aus Kiews Sicht wäre darum die Versuchung gross, erstmals seit Kriegsbeginn die Moskauer Siegesparade am 9. Mai mit einem Drohnenangriff aufzumischen.
Doch dies käme selbst in der Ukraine einem Tabubruch gleich. Sabine Adler erwähnt im Ronzheimer-Podcast eine aktuelle, nicht repräsentative Umfrage in Kiew. In dieser habe sich eine klare Mehrheit der befragten Ukrainerinnen und Ukrainer gegen einen solchen als infam empfundenen Luftschlag ausgesprochen. (aargauerzeitung.ch)

