Putins Beliebtheitswerte brechen ein – aus zwei überraschenden Gründen
Die Russen sind sauer auf ihren Präsidenten. Die Zustimmungswerte für Wladimir Putin sind auf den tiefsten Stand seit dem Überfall auf die Ukraine gesunken. Das geht aus einer Studie des staatlichen Zentrums für Meinungsforschung hervor.
Derzeit liegt Putins Zustimmungsrate als Präsident bei 70,1 Prozent, während sein Vertrauensindex auf 75 Prozent gesunken ist. Solch niedrige Werte verzeichnete Putin noch nichtmal während des Einmarsches der ukrainischen Armee in die Region Kursk.
Der Rückgang des Popularitätsindexes von Wladimir Putin geschieht vor dem Hintergrund zweier recht bedeutender Ereignisse in Russland, die nicht direkt mit dem Krieg in der Ukraine zusammenhängen.
Im März kam es in mehreren Regionen Sibiriens zu den ersten Bauernprotesten in Russland seit zehn Jahren. Alles begann damit, dass regionale Beamte in der Region Nowosibirsk beschlossen, Rinder aus privaten Betrieben zu beschlagnahmen und in einigen Ortschaften Quarantäne zu verhängen. Als Grund dafür wurde angeblich ein Ausbruch einer Infektionskrankheit und von Tollwut angegeben.
Dies führte zu massiven Protesten der Landwirte, die behaupteten, die regionalen Beamten würden das Vieh ohne Überprüfung zur Schlachtung abholen. Die Landwirte wandten sich an Putin und versperrten den Weg für die Spezialfahrzeuge, doch das half nichts.
Die Bauernproteste niedergeschlagen
Bezeichnend ist die Geschichte des Landwirts Peter Polezhajew aus der Region Nowosibirsk. Er war seit über 35 Jahren in der Landwirtschaft tätig, und als Beamte zu ihm kamen, um sein Vieh zu beschlagnahmen, übergoss er sich mit Benzin und drohte, sich anzuzünden. «Wenn mein Vieh vernichtet wird, habe ich keine Lebensgrundlage mehr», sagte Polezhajew in einem emotionalen Videoaufruf. Am nächsten Tag gab die Bauernfamilie jedoch nach: Sowohl die Behörden als auch Verwandte übten Druck auf die Familie aus.
Letztendlich haben die Beamten die Proteste der Bauern niedergeschlagen und sich auf eine geringfügige Erhöhung der Entschädigungszahlungen beschränkt. «Die Leute sind niedergeschlagen. Wodka, so heisst es, sei aus den Läden verschwunden», berichtete eine Bäuerin aus dem Dorf Kozikha dem Medienunternehmen «Agentstvo». Die Leute hätten von ihrem Vieh gelebt. «Wenn man etwas zu tun hat, hat man keine Zeit zum Saufen. Wie sollen die Menschen jetzt überleben, wie?» Auf die Regierung hoffen sei keine Option. «Es gibt kein Vertrauen», sagte sie.
Sperrung der Kommunikationsmittel
Der zweite Punkt, der Putins Beliebtheitswerte nach unten treibt, hängt mit der seit März geltenden Sperrung des beliebten Messengers Telegram zusammen. Derzeit liegt die Einschränkung von Telegram in Russland laut Angaben des internationalen Forschungsprojekts OONI bei etwa 70 Prozent. Die Zeitung RBK berichtete, dass die vollständige Sperrung von Telegram am 1. April erfolgen werde.
Dabei hat man im innenpolitischen Block des Kremls noch immer keine Lösung gefunden, wie und womit man die Bevölkerung beruhigen könnte. Eine Quelle der Zeitung «Verstka» in der Präsidialverwaltung erklärte, dass die Sperrungen «die Menschen stark verunsichert» hätten, man aber nicht wisse, «was man ihnen als Ersatz bieten könnte». Dass man mit der Massnahme Betrüger und Drohnen stoppen will, überzeuge die Menschen nicht.
Besondere Empörung kam bei russischen Soldaten und Militärkreisen auf. Der Vorsitzende der Partei «Gerechtes Russland», Sergej Mironow, erklärte, Telegram sei die einzige funktionierende Kommunikationsmöglichkeit für russische Soldaten im Krieg in der Ukraine. Der Politiker bezeichnete diejenigen, die den Betrieb des Messengers in Russland verlangsamen, als «Idioten» und «Mistkerle». Infolgedessen machte der Kreml ein Zugeständnis: Telegram wird an der Front nicht blockiert.
Die Stiftung «Öffentliche Meinung» bezeichnete in einer Umfrage die Sperrung von Telegram als das drittwichtigste Ereignis für die Russen nach den Kriegen in der Ukraine und im Iran. Dabei hatten die Sperrungen bereits Anfang März mehr als die Hälfte der Befragten im Alter von 14 bis 17 Jahren betrübt oder verärgert.
Im März warf der Propaganda-Blogger Ilja Remeslo Putin vor, dass der Präsident sich überhaupt nicht um die Innenpolitik und die Probleme der Wähler kümmere. Nach diesen Äusserungen wurde er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Seit nunmehr über einer Woche gibt es keine Neuigkeiten mehr über ihn. (aargauerzeitung.ch)
