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Sana'a, Jemen

Blick auf Sanaa, die Hauptstadt des Jemens. Bild: Wikimedia Commons

Diese Karten und Bilder zeigen, dass im Jemen gerade etwas komplett schief läuft

Im Süden der Arabischen Halbinsel ereignet sich gerade die grösste humanitäre Krise der Welt. Ein Überblick.

15.09.17, 08:51 16.09.17, 08:06


Irma, Syrien, Nordkorea: Inmitten der weltweiten Turbulenzen geht ein Konflikt momentan fast vergessen. Jener im Jemen. Seit mehr als zwei Jahren tobt im Staat auf der Arabischen Halbinsel ein Krieg. Die Situation ist derart eskaliert, dass die UNO von der weltweit «grössten humanitären Krise» spricht. 

Über 600'000 Personen haben sich seit April dieses Jahres mit Cholera infiziert. Dies meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vergangene Woche. Damit steuert der Jemen auf einen traurigen Rekord zu, den bisher Haiti innehält. Nach dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2010 steckten sich dort innerhalb eines Jahres mindestens 750'000 Personen mit Cholera an. 

Cholera kann mit Medikamenten behandelt werden, ist in entwickelten Ländern nicht lebensbedrohlich. Doch im Jemen fehlen an vielen Orten die Mittel. Seit April 2017 starben 2048 Personen an der Durchfallkrankheit. 

Diese Zahlen sind jedoch nicht die einzigen, die aufschrecken lassen: Insgesamt forderte der Krieg bereits über 10'000 zivile Opfer, wobei jene Personen, welche durch indirekte Folgen gestorben sind, nicht eingerechnet sind. Über 17 Millionen Menschen wissen nicht genau, wo sie ihre nächste Mahlzeit herholen sollen. 14,5 Millionen Menschen müssen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser leben, was die Verbreitung von Cholera deutlich beschleunigt. 

grafik: watson

Doch wie ist es überhaupt zum Krieg gekommen? Und wer kämpft gegen wen? 

Im September 2014 wurde der damalige Präsident von Jemen, Abd Rabbo Mansur Hadi, von schiitischen Huthi-Rebellen gestürzt. Unterstützt wurden die Rebellen von Teilen des Militärs, welche dem früheren Präsidenten Ali Abdullah Saleh die Treue halten. Als Antwort auf den Vormarsch der schiitischen Rebellen formte das sunnitische Saudi-Arabien eine Koalition, die seit März 2015 Angriffe auf die Huthi-Rebellen fliegt.

Folgende Karte gibt einen Überblick, welche Staaten Saudi-Arabien unterstützen: 

Diese Staaten unterstützen Saudi-Arabien beim Krieg gegen die Huthi-Rebellen.

Wie auf der Karte zu sehen ist, werden die Saudis unter anderem von den USA unterstützt. Seit dem 11. September 2001 fliegen die USA zudem Drohnen-Angriffe auf mutmassliche Terroristen. Hier kommt es immer wieder zu zivilen Opfern. 

Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien erlebten erst kürzlich einen neuen Höhepunkt, als Donald Trump im Wüstenstaat einen Waffenexport-Deal über hundert Milliarden Dollar abschloss. 

Schweizer Rüstungsfirmen lieferten im Jahr 2016 ebenfalls Kriegsmaterial im Umfang von 12 Millionen Franken nach Saudi-Arabien. Zuvor hob der Bundesrat den geltenden Ausfuhrstopp auf. Allerdings heisst es beim Seco, dass es sich lediglich um Ersatzteile handle, welche nicht im Jemen-Krieg zum Einsatz kämen. 

Nebst den Drohnen-Angriffen, die von den USA geflogen werden, ist die Saudi-Koalition die einzige Kriegspartei, die Luftangriffe durchführt. Bombardements auf zivile Ziele wie Spitäler, Märkte, Schulen, Begräbnisse und Wohngebiete seien weit verbreitet, schreibt die UNO.

Trotz der Angriffe der Saudi-Koalition ist es den Huthi-Rebellen gelungen, die Hauptstadt Sanaa zu halten. Auch auf Seiten der Huthi-Rebellen wird das Kriegsvölkerrecht nicht respektiert. So wurden etwa schon über 1000 Kinder als Soldaten rekrutiert. Kritische Stimmen werden eingesperrt. Folgender Schieber zeigt, wie sich die Frontlinien entwickelt haben:

So haben sich die Frontlinien seit 2017 verändert. Das braune Gebiet wird von den Huthi-Rebellen kontrolliert. karte: watson

Ganz allein stehen die Huthi-Rebellen jedoch nicht da. Saudi-Arabiens Erzrivale Iran unterstützt die schiitischen Streitkräfte mit Waffen, militärischen Beratern und finanziellen Mitteln.

Die Huthi-Rebellen werden durch den schiitischen Iran unterstützt. karte: watson

Dass der Konflikt im Jemen kein Kräftemessen zwischen den Weltmächten USA und Russland ist, mag der Grund dafür sein, weshalb öfters über Syrien berichtet wird. Doch das indirekte Kräftemessen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien zeigt, dass der Krieg im Jemen politischen Sprengstoff birgt, der weit über die Landesgrenzen hinausgeht. 

Doch es gibt auch noch andere Gründe, weshalb der Krieg im Jemen oft als «vergessen» bezeichnet wird. Die von Saudi-Arabien geführte Koalition verhindert, dass Journalisten in die Hauptstadt Sanaa fliegen können. Lediglich eine beschränkte Anzahl Flieger mit Hilfsgütern darf den Hauptstadt-Flughafen anfliegen. Saudi-Arabien blockierte letztes Jahr im UNO-Menschenrechtsrat zudem den Aufruf zu einer unabhängigen Untersuchung.

Bei den humanitären Institutionen der UNO scheint die Geduld mit Saudi-Arabien langsam, aber sicher auszugehen. «Saudi-Arabien soll für 100 Prozent der Finanzierung der humanitären Bedürfnisse aufkommen», forderte David Beasly, der Direktor des Welternährungsprogramms WFP, vergangene Woche. Er richtete deutliche Worte an die Saudis: «Entweder sie stoppen den Krieg, oder finanzieren die Hilfe. Option drei ist, beides zu tun.»

5 Fakten über den Jemen, die zu denken geben 

epa06131961 A Yemeni boy walks past the grave with a portrait of a late child allegedly killed in the ongoing conflict, at a cemetery in Sana’a, Yemen, 08 August 2017. According to UNICEF recent reports, a total of 201 Yemeni children, including 152 boys and 49 girls, have been killed in the ongoing conflict in war-affected Arab country since the beginning of 2017.  EPA/YAHYA ARHAB

Friedhof in Sanaa: Gemäss eines Berichts von UNICEF wurden im Jemen im Jahr 2017 bereits 201 Kinder getötet. Bild: EPA/EPA

epa04161922 A Yemeni boy looks at graffiti sprayed on a wall depicting a child soldier walking with evil during a campaign to end the recruitment and use of children in conflicts, in Sana’a, Yemen, 10 April 2014. Yemeni artists launched a campaign to end the recruitment of child soldiers by tribal militias and rebel groups in the country's violent conflicts.  EPA/YAHYA ARHAB

Gemäss Erkenntnissen der UNO wurden im Jemen über 1700 Kinder-Soldaten gezählt. Zwei Drittel davon auf Seiten der Huthi-Rebellen. Bild: EPA/EPA

Schon mehrfach kam es in der Hauptstadt Sanaa zu Massendemonstrationen mit hunderttausenden Personen: Sie protestieren gegen die Luftangriffe der Saudi-Koalition. Video: YouTube/Ruptly TV

epa04158496 A Yemeni man looks at a graffiti protesting against US drone operations, in Sana’a, Yemen, 07 April 2014. Reports state Yemen has issued a temporary ban on US military drone strikes in the country following a drone strike that hit a wedding convey in December 2013, killing 13 Yemeni civilians and wounding 21 others. The US launched at least 92 drone strikes on suspected al-Qaeda militants in Yemen between 2002 and mid-2013, killing hundreds of suspected al-Qaeda militants and dozens of civilians.  EPA/YAHYA ARHAB

Die USA fliegen seit 2002 Drohnenangriffe gegen mutmassliche Terroristen. Je nach Quelle wurden bisher zwischen 113 und 144 Angriffe geflogen. Dabei gab es zwischen 65 und 105 zivile Opfer, auch hier gibt es verschiedene Angaben. Barack Obamas Justizdepartement setzte sich jahrelang dafür ein, dass die Angriffe im Geheimen durchgeführt werden. Offizielle Listen gibt es deshalb nicht.  Bild: EPA/EPA

epa05164593 Yemeni mourners carry the coffin of a member of a five-member family killed in a Saudi-led airstrike, during the funeral in Sana'a, Yemen, 16 February 2016. According to reports, Human Rights Watch has slammed the Saudi-led coalition over using cluster bombs against civilians in Yemen. Thousands of Yemenis have been killed and injured in airstrikes carried out by the coalition since March 2015, with the vast majority of them are civilians.  EPA/YAHYA ARHAB

Gemäss Human Rights Watch kamen 2016 im Jemen 38 Personen durch Streubomben um. 102 Staaten unterzeichneten 2010 ein Verbot dieser Waffen. Die USA, China, Russland und auch Saudi-Arabien gehören nicht dazu. Bild: EPA/EPA

UNO-Bericht: Alle zehn Minuten stirbt in Jemen ein Kleinkind

Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • URSS 15.09.2017 21:56
    Highlight Gottseidank... Phuuu...
    Das Seco sagt das es sich nur um Ersatzteile handelt die im Jemen nicht zum Einsatz kommen.
    Da sind wir aber froh.
    Ich bin sicher es handelt sich nur um Velo Ersatzteile, Sxhläuche und Rosen Giesskannen.
    Die Saudis gaben der Schweiz sicher ihr Ehrenwort das die " Ersatzteile " nicht im Jemen eingesetzt werden.
    Fall erledigt, Ausfuhr genehmigt.
    26 0 Melden
  • Phrosch 15.09.2017 19:17
    Highlight Wer oder was oder wo ist Irma???
    0 5 Melden
  • Gipfeligeist 15.09.2017 14:07
    Highlight Was für ein Glück, dass unsere Grossbanken CS und UBS auf keinen Fall aus so etwas Profit schlagen würden. Ne ne.
    25 6 Melden
  • Makatitom 15.09.2017 13:48
    Highlight Aber natürlich muss man den Saudis noch Waffen verkaufen. Und natürlich ist es egal, dass sie über Staatsfonds grosse Anteile an unseren Grossbanken haben
    31 2 Melden
  • Posersalami 15.09.2017 12:37
    Highlight "Saudi-Arabiens Erzrivale Iran unterstützt die schiitischen Streitkräfte mit Waffen, militärischen Beratern und finanziellen Mitteln."

    Der Artikel ist tatsächlich voller sachlicher Fehler, hier ist einer der ärgsten zu finden: Die Huthis sind faktisch keine Schiiten. Es sind Zaiditen, auf dem Papier zwar eine Strömung der Schiiten. Aber was Glaubensfragen und islamische Sittenregeln betrifft (=Praxis), so stimmt ihre Lehre weitgehend mit der schafiitischen Rechtsschule des sunnitischen Islams überein. Sie stehen darum den Sunniten näher als dem schiitischen Iran. Ja, die Welt ist kompliziert.
    20 2 Melden
  • Posersalami 15.09.2017 12:17
    Highlight Hier gibts einen guten Bericht über die Entstehung des Krieges.

    "Nadia Al-Sakkaf, Chefredakteurin von Yemen Times, über den Bürgerkrieg in Jemen und die Gefahr, dass das Land zu einem zweiten Somalia werden könnte"
    https://www.heise.de/tp/features/Wir-sind-bewaffnet-Analphabeten-hungrig-und-zornig-3383047.html

    Da gibts tatsächlich Informationen, was genau schief läuft im Jemen.
    13 0 Melden
  • The Dark Knight 15.09.2017 10:21
    Highlight Unter "Logistischer Unterstützung" versteht man also Drohnenangriffe... Sehr interessant...
    51 5 Melden
    • Posersalami 15.09.2017 10:37
      Highlight Irgendwer muss Saudi Barbarien ja die Munition liefern, die sie über dem Jemen abwerfen wollen. Und wer weiss, vielleicht gibts für die Koalition der Barbaren ja auch Aufklärungsdaten.
      19 4 Melden
  • Hierundjetzt 15.09.2017 09:52
    Highlight Zum korrekt einordnen: in Haiti gab es darum soviele Choleraopfer weil die indischen UN-Soldaten ihre ungeklärten Fäkalien aus dem
    Camp in den Fluss kippten, ausdem blöderweise die gesamte Bevölkerung das Trinkwasser bezog...
    33 8 Melden
    • meine senf 15.09.2017 10:29
      Highlight Quelle?
      19 5 Melden
    • Tobiwankenobi [ZH] 15.09.2017 10:30
      Highlight Interessante Info.
      Da würde ich gerne mehr darüber erfahren. Hast du Quellen?
      21 2 Melden
    • Hierundjetzt 15.09.2017 10:53
      Highlight Gerne, hier. Eine Quelle von vielen. Ich denke mir, dass die NY Times die richtige dazu ist (es gibt sicher auch noch Deutsche Quellen). War damals eine Riesgengeschichte

      https://www.nytimes.com/2016/12/01/world/americas/united-nations-apology-haiti-cholera.html?mcubz=3
      19 0 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Posersalami 15.09.2017 09:26
    Highlight "Saudi-Arabiens Erzrivale Iran unterstützt die schiitischen Streitkräfte mit Waffen, militärischen Beratern und finanziellen Mitteln."

    Gibts für diese steile These irgendwo den Ansatz eines Beleges? Wie kommen die Waffen, das Geld und Berater eigentlich in den Jemen, wo Saudi Barbarien doch Luft, Land und Seewege blockiert und zwar so wirkungsvoll, dass die Menschen im Jemen reihenweise krepieren?

    Also, gibts dazu vernünftige Quellen?
    54 12 Melden
    • Wehrli 15.09.2017 09:45
      Highlight http://www.express.co.uk/news/world/782374/Iran-Yemen-weapons-Houthi-rebels-Saudi-government
      7 8 Melden
    • Scaros_2 15.09.2017 10:15
      Highlight Google doch einfach:
      https://www.google.ch/search?rls=com.microsoft:de-CH:IE-Address&dcr=0&q=How+Iran+supports+Jemen&spell=1&sa=X&ved=0ahUKEwjf58zL36bWAhVBK1AKHQtnCe8QBQgkKAA&biw=1392&bih=926

      http://www.reuters.com/article/us-yemen-iran-houthis/exclusive-iran-steps-up-support-for-houthis-in-yemens-war-sources-idUSKBN16S22R

      Es reicht aber auch logisches denken.

      Dein Erzrivale greift ein Land/Rebellen an die deiner Gesinnung nicht abgeneigt sind? Was tust du? Helfen.

      Andersrum. Wer sonst sollte den Huti Rebellen Waffen liefern? Die hätten nie die Möglichkeiten sonst.
      15 8 Melden
    • Posersalami 15.09.2017 10:32
      Highlight Die ganzen Links enthalten 0 Beweise, immer behauptet einer irgendetwas. Wenn es diese Unterstützung tatsächlich in nennenswertem Umfang gäbe, wären schon längst Fakten aufgetaucht. ZB. Munition oder Waffen, die im Iran hergestellt worden sind.

      Wer die Huthis in die Nähe der iranischen Schiiten rückt zeigt halt einfach, dass er überhaupt keine Ahnung hat. Die Zaiditen stehen tatsächlich näher an den Sunniten als bei den Schiiten. Da werden Sie geholfen: https://www.nzz.ch/international/naher-osten-und-nordafrika/die-huthi-und-iran--eine-jemenitische-geschichte-1.18519913
      13 7 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Albi Gabriel 15.09.2017 09:11
    Highlight Eigentlich ein sehr guter Bericht, der aber in den "5 Fakten" und in der Erläuterung der Entstehung des Konflikts leider sehr einseitig ist.
    36 8 Melden

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