Der Franken ist ein Jahrhundert-Phänomen – doch er hat eine Achillesferse
Der Franken ist «extrem überbewertet» und «niemand in der Politik oder in den Medien scheint sich darüber gross aufzuregen». Ausser sich war Swatch-Group-Chef Nick Hayek, als der Dollar/Franken-Kurs Ende Januar mit nur noch gut 76 Rappen ein neues Allzeittief erreichte. Mit seinem Interview bei CH Media sorgte er im Februar höchstpersönlich dafür, dass der Frankenkurs doch noch zum nationalen Ärgernis wurde.
Doch für mehr als den kurzen medialen Aufschrei reichen die wiederkehrenden Aufwertungsschübe der Schweizer Valuta nur selten aus. Der Franken ist eine der letzten veritablen Hartwährungen der Welt. Bisweilen schlägt der Kurs schnell, heftig und schmerzvoll nach oben aus, wie unlängst beim Dollar, dem allerdings eine mehrjährige Phase deutlicher Überbewertung vorausgegangen war.
Es kommt öfter vor, dass der Franken längere Zeit überbewertet bleibt. Das war zum Beispiel im Vorlauf zur Euro-Schuldenkrise der Fall, als sich die Schweizerische Nationalbank im Herbst 2011 gezwungen sah, einen Euro-Mindestkurs einzuführen und diesen während gut drei Jahren mit grossem Aufwand zu verteidigen.
Aber meistens, auch jetzt gerade, geht die Aufwertung des Frankens kontinuierlich vor sich. Die Exporteure haben Zeit, sich anzupassen, und nutzen diese auch. Die Notenbank kann sich mit einem wachsamen Beobachten des Geschehens begnügen.
Unantastbar
Allen zeitweiligen Widrigkeiten zum Trotz wünschen sich in der Schweiz weder die Wirtschaft noch die Bevölkerung etwas grundsätzlich anderes als eine solide Hartwährung. Oder präziser: Der Franken und der schweizerische Bundesstaat gehören in der Überzeugung einer grossen Mehrheit im Land seit 176 Jahren untrennbar zusammen.
Wer diese Behauptung verifizieren möchte, braucht sich nur die Abstimmungsergebnisse der diversen Volksinitiativen vor Augen zu führen, die einen markanten Eingriff in das Prinzip der geldpolitischen Unabhängigkeit der Nationalbank zum Inhalt hatten: «Rettet unser Schweizer Gold» scheiterte 2014 an der Urne mit 77 Prozent Nein-Stimmen. Die Vollgeld-Initiative wurde mit einem Nein-Anteil von 76 Prozent abgelehnt.
Der äussere Grund für diese Unantastbarkeit des Frankens und seiner Wächterin ist die geringe Inflation. In der Schweiz sind die Preise in den vergangenen 25 Jahren um gut 16 Prozent gestiegen, im Euroraum waren es 76 Prozent, in Deutschland 72 Prozent, in den USA 94 Prozent und in Grossbritannien sogar 96 Prozent.
Der starke Franken ist das Ergebnis dieser herausragenden geld- und wirtschaftspolitischen Performance. Denn in einer Welt mit flexiblen Wechselkursen sind die Inflationsunterschiede zwischen den Ländern bestimmend für die langfristige Entwicklung des Wechselkurses (siehe Box zur Kaufkraftparität).
Ein Jahrhundert-Phänomen
Und die im internationalen Vergleich niedrige Teuerung in der Schweiz ist ein Jahrhundert-Phänomen. Das UBS Global Investments Yearbook 2026 zeigt: Seit dem Jahr 1900 ist die Inflation in der Schweiz um durchschnittlich 2,1 Prozent pro Jahr gestiegen, was in etwa dem entspricht, was die meisten Notenbanken heutzutage als Preisstabilität bezeichnen. Kein anderes altes Industrieland hat über diesen langen Zeitraum eine niedrigere Teuerung erreicht. In den USA stiegen die Preise über die vergangenen 125 Jahre um durchschnittlich 2,9 Prozent, in Grossbritannien um 3,5 Prozent und in Deutschland sogar um 4,5 Prozent.
Gewiss, die Kosten der verheerenden Weltkriege, in denen die Schweiz kaum Schäden zu beklagen hatte, verzerren die Statistik. Aber die Neutralitätspolitik allein vermag mit Sicherheit nicht zu erklären, weshalb der Schweizer Staat einen Haushalt führt, der seit Jahrzehnten die Grundlage für die relative Werthaltigkeit der eigenen Währung darstellt.
Der eminente Schweizer Geldtheoretiker Ernst Baltensperger hatte es in seinem 2012 erschienenen Buch «Schweizerfranken, eine Erfolgsgeschichte» so formuliert:
Ursächlich für dieses Ordnungsbewusstsein ist nach Auffassung von Franz Jäger, emeritierter Wirtschaftsprofessor der Universität St. Gallen, der internationale Wettbewerbsdruck, der in vielen Kleinstaaten eine «überdurchschnittliche Disziplin, Zuverlässigkeit und Rechtsstaatlichkeit» vorab von der politisch und ökonomisch aktiven Bevölkerung verlange.
Ordnungsbewusstsein
Jäger beschreibt im Vorwort des 2017 von ihm und dem früheren Bankier Konrad Hummler herausgegebenen Buches «Kleinstaat Schweiz, Auslauf- oder Erfolgsmodell?» eine Konkordanzdemokratie, die in Verbindung mit der direktdemokratischen Staatsordnung den gesellschaftlichen Interessenausgleich, den Dialog, die Kompromissfindung und letztlich die Stabilität fördere.
Die gegenteilige Meinung vertritt Silja Häusermann, Professorin für Schweizer Politik und Vergleichende politische Ökonomie an der Universität Zürich. Sie sieht die direktdemokratischen Instrumente als ein destabilisierendes Element der Schweizer Konkordanzdemokratie. Schon 2016 stellte sie in einem Aufsatz eine «dramatisch angestiegene Parteipolarisierung» fest, die unter anderem zu einer eklatanten Zunahme von überaus kontroversen Volksinitiativen nicht zuletzt zum Zweck der eigenen politischen Profilierung geführt habe.
Der Anteil an Volksinitiativen, zu denen alle Regierungsparteien die gleiche Abstimmungsempfehlung abgeben, ist seit den 1970er-Jahren von 80 Prozent auf heute null Prozent gesunken, schrieb die Wissenschaftlerin in ihrem Aufsatz. Der Graben ist seither nicht schmaler geworden, wie die hochumstrittenen Initiativen zur 10-Millionen-Schweiz, zur 13. AHV-Rente, zur Konzernverantwortung oder zur Masseneinwanderung weiterhin zeigen.
Die politische Polarisierung und das damit einhergehende Risiko einer wirtschaftspolitisch zunehmend inkonsistenten oder gar erratischen Entscheidungsfindung sind denn auch die Achillesferse des Frankens. Denn die starke Währung ist nicht zuletzt der Ausdruck des Glaubens ungezählter Devisenmarktteilnehmer, dass die wirtschaftspolitischen Entscheidungen der Schweiz in einem Politiksystem entstehen, das berechenbare und ökonomisch entsprechend rationale Ergebnisse hervorbringt. Doch solcher Glaube ist nicht in Stein gemeisselt. (schweizheute.ch)

