Eisbärenjagd, «Schweizerland»-Gebirge: 5 Schweizer Anekdoten aus Grönland
Ein Gebirge namens «Schweizerland»
Im Osten Grönlands liegt ein Gebirge mit dem Namen Schweizerland. Höchster Gipfel ist mit 3377 Metern der Mont Forel, benannt nach dem Westschweizer Naturforscher François-Alphonse Forel (1841-1921). Auch der Juragletscher oder der Henri-Dunant-Berg (Gründer des Roten Kreuzes) erinnern dort an die Schweiz.
Diese Namensgebung geht auf den Schweizer Geophysiker und Arktisforscher Alfred de Quervain (1879-1927) zurück. Auf seiner zweiten Grönland-Expedition von 1912 hatte er den Mont Forel aus einer Entfernung von rund 150 Kilometern entdeckt.
Bei dieser Expedition durchquerte de Quervain mit drei Begleitern Grönland in gut vier Wochen von der West- bis an die Ostküste. 24 Jahre zuvor hatte der Norweger Fridtjof Nansen, auf deutlich kürzerer Strecke als de Quervain, dies als erster Mensch überhaupt geschafft.
De Quervains Expedition erstellte ein Höhenprofil des Eisschildes und galt als Meilenstein der Arktisforschung. Das Budget betrug rund 30'000 Franken (heutiger Wert: ca. eine Million Franken). Die NZZ beteiligte sich im Gegenzug für exklusive Fotos und Berichterstattung mit 10'000 Franken, was einem Zehntel des damaligen jährlichen Unternehmensgewinns entsprach.
Auch Schweizer Firmen wie der Bouillonproduzent Maggi oder die Konfitürenfabrik Hero sponserten die Unternehmung – wie schon de Quervains erste Grönland-Expedition 1909. Die Arktis-Abenteurer erwähnten die Erzeugnisse ihrer Sponsoren in ihren Reiseberichten lobend. So schrieb der Geologe Arnold Heim 1909 in der «Schweizerischen illustrierten Zeitschrift»: «Es gab nur noch etwas rohen Lachs und eine Büchse Lenzburger Johannisbeer-Konfitüre, eine in diesem Fall famos erscheinende Kombination. »
Erstbesteigung mit Eisbär-Begegnung
Nach de Quervains Entdeckung des Schweizerlandes waren mehrere Expeditionen zur Erstbesteigung der dortigen Gipfel gescheitert. 1938 startete der Akademische Alpenclub Zürich einen neuen Versuch. Am 22. Juli brachen sechs Schweizer unter Führung des Ingenieurs und Alpinisten André Roch in Begleitung von acht Inuit und 55 Schlittenhunden vom 150 Kilometer entfernten Sermilik-Fjord auf.
Auf dem Weg überwanden sie zahlreiche Hindernisse: Ein Schlitten zerbrach, ein Pass erwies sich unerwartet als unpassierbar, messerscharfes Eis verletzte die Pfoten der Schlittenhunde. Dennoch gelang den drei Expeditionsteilnehmern André Roch, Guido Pidermann und Carl Baumann Anfang August die Erstbesteigung des Mont Forel.
Gleichentags begegneten die am Fusse des Bergs zurückgebliebenen Michel Peréz und sein Inuit-Begleiter Larasï einem Eisbären. Zunächst konnten sie den einzigen Revolver der Expedition nicht finden. Schliesslich tauchte die Waffe am Boden einer Kiste auf. Nach drei Stunden Jagd wurde das Tier erlegt: «Am nächsten Tag wurde der Bär zerlegt. Ein zusätzliches Kotelett auf der Speisekarte war ein schöner Glücksfall für Hunde und Menschen», schrieb André Roch in einem Reisebericht. Auf ihrem Rückweg zum Fjord gaben die Schweizer Abenteurer einem weiteren Berg einen helvetischen Namen: dem Laupersbjoerg, benannt nach Hans Lauper, dem Erstbezwinger der Eiger-Nordwand.
Zwei Helipiloten, ein Automechaniker und ein glücklich verheirateter Zimmermann
Die Aussen- und Sicherheitspolitik Grönlands fällt in die Zuständigkeit Dänemarks. Die offizielle Schweiz hat wenig Berührungspunkte mit Grönland. Eine Ausnahme bildete der einwöchige Grönland-Besuch des Schweizer Botschafters in Kopenhagen, Walter Jäggi, im Sommer 1971.
In seinem Bericht ans Aussendepartement in Bern schrieb Jäggi von den psychologischen und sozialen Nebenerscheinungen der Modernisierungsbemühungen Dänemarks. Er rapportierte die bis heute anhaltende wirtschaftliche Kluft zwischen Grönländern und Dänen: «Selbst wenn gleich oder ähnlich begabt wie die Kinder dänischer Eltern, haben grönländische Kinder geringere Chancen für ihr Fortkommen.»
Auch über die Schweizer Kolonie auf Grönland informiert Botschafter Jäggi: Diese bestehe «aus zwei Piloten der Heliswiss, einem Automechaniker, einem Monteur, einem Vorarbeiter in einem Marmorsteinbruch und einem mit einer Dänin verheirateten Zimmermann». Diesen hat Jäggi in der Hauptstadt Nuuk besucht: «Er scheint dort glücklich zu sein und viel Geld zu verdienen. Vor allem lobt er das gesunde Klima.»
Die Bundespräsidentin im Forschungscamp
Als amtierende Bundespräsidentin besuchte die damalige Umweltministerin Doris Leuthard am 9. August 2017 die meteorologische Basistation Swiss Camp im Westen Grönlands. Es sei ihr «wichtig zu erkennen und mit den Forschern zu ergründen, was uns erwartet», hatte Leuthard vor der Visite gesagt. In Grönland sehe man am schnellsten, wie sich der Klimawandel auswirke.
Die Situation vor Ort wurde Leuthard von Konrad Steffen geschildert, dem damaligen Direktor der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL. Polarforschungspionier Steffen hatte sich jahrzehntelang mit dem Schwinden von Eis und Schnee beschäftigt und das Swiss Camp 1990 initiiert. Das Camp steht für die jahrzehntelange, umfangreiche Forschungsaktivität von Schweizer Hochschulen in Grönland: Sie gewinnen aus den Entwicklungen am Polarkreis wichtige Erkenntnisse für die Veränderungen im Alpenraum.
Tod in der Gletscherspalte
Fast auf den Tag genau drei Jahre nach Leuthards Besuch stürzte der Glaziologe Konrad «Koni» Steffen am 10. August 2020 bei seinem jährlichen Forschungsaufenthalt im Swiss Camp in eine Gletscherspalte. Seine Leiche wurde nie gefunden. 2022 gab das zuständige grönländische Komitee einem bislang namenlosen Gletscher einen weiteren Schweizer Namen: Der «Sermeq Konrad Steffen» liegt 1600 Kilometer nordwestlich vom Schweizerland-Gebirge. (aargauerzeitung.ch)
