Sollst du an die WM 2030 in Marokko reisen?
Mein Sohn liebt Eisenbahnzüge. In Marokko fährt mit dem Al Boraq (der Blitz) der schnellste Zug Afrikas. Ich möchte ihm ein Andenken davon mitbringen. Aber klassischen «Merch» finde ich nicht. So suche ich an meinem letzten Morgen in Rabat einen Textilbedrucker, um zwei Shirts zu bedrucken. Mitarbeiter Hamza designt im 1. Stock eines gesichtslosen Hochhauses der Hauptstadt die Shirts innert 15 Minuten. Er treibe die Shirts auf und ich könne sie am Abend abholen. Ja, die 30 Franken soll ich jetzt bezahlen.
Das Problem: Mein Zug nach Casablanca fährt kurz nach 19 Uhr. Vor der Abfahrt schreibt mir Hamza: Es klappt doch nicht heute mit dem Druck. Er fragt, ob ich (oder jemand) morgen vorbeikommen könne. Ich frage, ob er die Shirts auch per Post in die Schweiz schicken könne? Natürlich würde ich die Versandkosten vorher überweisen.
Zurück in der Schweiz erkläre ich meinem Sohn, dass er schon noch was erhalte, aber es sei noch unterwegs. Erzähle ich die Geschichte meiner Familie, Freunden oder Bekannten, werde ich für meine Naivität belächelt. Das Geld sei weg, die T-Shirts werde ich nie erhalten.
Ich vertraue Hamza weiterhin. Aber bisschen komisch ist es schon, dass er mich nicht zum Tee einlud. Denn wenn ich etwas in Marokko gemacht habe, dann ist es: Tee trinken. Egal wo und egal mit wem: Im Restaurant, im Stadion, in der Unterkunft, auf dem Markt. Überall wird Tee offeriert. Ich liebe Tee, aber so viel habe ich in meinem Leben noch nie getrunken.
Ja, ich weiss: Afrika ist kein Land und von Marokko kann man nicht auf den ganzen Kontinenten schliessen. Die Erfahrungen in Marokko decken sich in einigen Bereichen mit solchen bei anderen Afrika-Cups oder privaten Reisen auf dem Kontinent, welchen ich seit 25 Jahren mehr oder weniger regelmässig besuche.
Das Teeritual
Wichtig dabei auch: Es gibt nicht einfach eine Tasse Tee. Tee trinken ist hier ein Ritual. Eine Einladung abzulehnen, gilt als unhöflich. Normalerweise steht eine metallene Teekanne (Berrad) und ein kleines Teeglas auf einem Silbertablett (Siniya). Wichtig ist dann das Einschenken: Dies geschieht aus einer Höhe von 30 bis 50 Zentimetern. Es dient der Schaumbildung, Belüftung und Abkühlung. Denn der Tee wird brandheiss serviert.
Ich liebe das Ritual, auch wenn ich da und dort eigentlich gar keine Zeit hätte. Aber zu meinem ersten Afrika-Cup, bei dem nicht die Klimaanlage für den leichten «Pfnüsel» sorgt, sondern das regnerische Wetter, passt es perfekt.
Das ganze Teetrinken trägt seinen Teil bei, dass ich mich schnell in das Land verliebe. Okay, zugegeben: Ich weiss, ich verliebe mich schneller in ein Land als andere. Eigentlich habe ich mich bisher in jedes meiner über 80 Länder bisschen verliebt, die ich bereiste. Bis auf eines.
Ich bin grundsätzlich auch nicht sehr wählerisch: Überrasche mich, sei nicht perfekt und gib mir Dinge, welche die Schweiz nicht geben kann. Vermutlich existiert kein Land, welches diese Kriterien nicht erfüllt. Und das oben erwähnte Ausnahmeland hatte wohl einfach einen schlechten Tag und würde eine zweite Chance verdienen.
Drei Tage nach meinem Besuch bei Hamza frage ich nach, ob das mit der Postsendung klappe? Leider nein, schreibt er. Das gehe doch nicht. Ob ich nicht jemanden vorbeischicken könne? Ich frage einen Journalisten, den ich kurz zuvor kennenlernte und der noch in Rabat ist. Er sagt sofort zu: Morgen könne er da vorbeischauen. Ich schreibe dies Hamza, der mir die Öffnungszeiten schickt. Am nächsten Tag meldet sich der Journalist bei mir: Das Büro sei geschlossen gewesen, niemand da. Ich frage bei Hamza nach. Er lässt sich Zeit mit seiner Antwort, einen Tag später schreibt er: «Gestern war ein Feiertag.»
Ägypten – Nigeria 0:0, 2:4 n.P.
Final:
Senegal – Marokko 1:0 n.V.
Grösstes Fussball-Stadion der Welt geplant
Zu Feiern hatte Marokko während des Afrika-Cups auf jeden Fall einiges. Die Fussballbegeisterung ist riesig, auch wenn allgemein nicht so ausgelassen, wie bei Afrika-Cups südlich der Sahara. Ich werde die Stimmung beim Achtelfinal gegen Tansania im 70'000 Zuschauer fassenden Stadion nicht mehr vergessen. Einige Journalistenkollegen verfolgten das Spiel mit Ohrstöpseln. Mein Gott, war das laut! Glaub mir, als Vater von drei kleinen Jungs weiss ich sehr gut, was laut ist. Aber so einen permanenten Krach habe ich noch nie erlebt.
An der WM 2030 dürfte dieser Lautpegel noch übertroffen werden. Denn östlich von Casablanca wird gerade das grösste Fussballstadion der Welt gebaut. 115'000 Zuschauern soll es Platz bieten und Marokko hofft dadurch, das WM-Finalspiel zu erhalten.
Zwei Kollegen vom «Kicker» wollten die Baustelle während des Afrika-Cups besuchen (das Video lohnt sich). Allerdings ist das Prestigeprojekt des marokkanischen Königshauses weiträumig abgesperrt und mit Sichtschutz versehen. 2028 soll der Komplex, der an marokkanische Zelte erinnert, fertiggestellt werden. Geplante Kosten: knapp 500 Millionen Franken.
Die Sonderbanknote für den Afrika-Cup
Ja, der König lässt sich die WM – und jetzt auch schon den Afrika-Cup – einiges kosten. Während des Afrika-Cups wurden Rufe der Schiedsrichter-Bevorteilung Marokkos laut. «Sportwashing» ist auch ein Begriff, den man immer wieder hört. Klar ist auf jeden Fall: Es wird viel investiert.
Das kommt bei der jungen Bevölkerung nicht nur gut an. Im Herbst gab es massive Jugendproteste. Davon ist jetzt nichts mehr zu sehen. Befrage ich Einheimische zur WM, sagt niemand etwas Negatives. Immer schwierig, das richtig einzuordnen. Die Repression in Marokko ist gross, das Polizeiaufgebot rund um den Afrika-Cup enorm.
Das i-Pünktli der (übertriebenen) Investitionen für mich ist eine Sonderbanknote im Wert von 100 Dirham. Sie ist seit dem Start des Afrika-Cups im Umlauf. Ob es für die WM auch eine solche Serie geben wird?
Als ich am Flughafen mit der neuen Note bezahlen möchte, sagt die Verkäuferin, sie akzeptiere nur Euro. Ich sage, ich habe nur Dirham. Da ruft sie per Videocall eine Kollegin an und fragt, ob es sich bei meiner Note um ein offizielles Zahlungsmittel handelt.
Und wie wird die WM 2030?
Es ist jeweils eine der unangenehmsten Situationen während meiner Reise, wenn ich der lokalen Bevölkerung erklären muss, dass diese Noten offiziell sind. Das überrascht mich. Ich wurde im Vorfeld von vielen Seiten gewarnt, wie mühsam reisen in Marokko sein könne, insbesondere in den touristischen Zentren und Altstädten mit sehr hartnäckigen «Guides».
Ich habe das nicht erlebt. Wurde ich von diesen «Guides» gefragt, liessen sie mich spätestens beim zweiten «la, shukran» (nein, danke) in Ruhe. Lief ich abends durch die Strassen zu meiner jeweiligen Unterkunft in der Altstadt, fühlte ich mich nie unsicher, nie wirkte es bedrohlich. In Schweizer Städten werde ich teilweise schräger beäugt. Ich wurde überall freundlich empfangen und respektvoll behandelt (Stichwort Tee).
Klar, ich war im Januar und nicht während der Hauptreisezeit unterwegs und kann nur die Sicht eines grossgewachsenen Mannes wiedergeben. Und ich war nicht in Marrakesch. Dort sei es wirklich hektisch. Insgesamt lieferte mir Marokko ein entspanntes Reiseerlebnis mit grossartigen Zugverbindungen zwischen den grossen Städten. Das wird für die WM 2030 wohl noch eine Stufe besser. Ob ich einen Marokko-Besuch der WM-Endrunde in vier Jahren empfehlen kann? Fraglos.
Bleibt noch die Frage nach den Al-Boraq-Shirts. Mein Kollege versuchte es gestern noch einmal bei Hamza. Es könne aber knapp werden, dass er es während der Öffnungszeit (bis 13 Uhr) schaffe. Ich frage Hamza, ob er die Shirts allenfalls vor die Türe legen könne, wenn mein Kollege verspätet sei? «Ok, sûr», schreibt er mir. Kurz nach 13 Uhr schickt mir mein Kollege ein Bild der Shirts: «Erledigt.» Jetzt stellt sich bloss noch die Frage, ob sie die Reise nach Deutschland und von dort per Post in die Schweiz auch noch schaffen.
