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Diese drei Dinge nehme ich vom Afrika-Cup in Marokko fürs Leben mit

Afrika Cup 2025 Marokko
Erst dachte ich, ich fliege bald aus dem Land, dann komme ich doch noch irgendwie ins Stadion.Bild: Reto Fehr
Kommentar

Drei Dinge, die auch du von Afrika lernen kannst

Wie perfekt alles in der Schweiz läuft, das merkst du meist erst, wenn du im Ausland bist. Bei meinem Besuch des Afrika-Cups in Marokko habe ich erneut drei Dinge bemerkt, die uns hier im Alltag auch gut tun würden.
14.01.2026, 09:5314.01.2026, 13:15

Die Fan-ID. Die. Ist. Wichtig. Ohne sie bist du am Afrika-Cup verloren. Du wirst sie überall brauchen. Um das Stadion zu betreten natürlich. Aber auch, damit die Medien-Akkreditierung überhaupt gültig ist. Die Botschaft des Afrikanischen Fussballverbandes CAF ist vor dem Turnier klar. Also lade ich mir die App runter, registriere mich mit Pass und Bild. Alles klappt.

Nicht so bei einem deutschen Kollegen. Er könne machen, was er wolle, er könne sich einfach nicht registrieren, schreibt er mir vor dem Turnier.

watson am Afrika-Cup
Der Afrika-Cup ist das Pendant zur Fussball-Europameisterschaft. Der König Afrikas wurde bisher (normalerweise) alle zwei Jahre gekrönt. Oft fand das Turnier im Januar statt. Wegen immer komplizierterer Spielplankonstellationen findet es dieses Mal erstmals vom 21. Dezember bis 18. Januar statt. Für mich ist der Anlass eines der letzten grossen Turniere für Fussball-Romantiker (auch wenn dies auch immer mehr bröckelt). Marokko ist mein sechstes Turnier, das ich live miterlebe. Hier berichte ich weniger vom Sportlichen als vielmehr vom Erlebnis.

Und ja, ich weiss: Afrika ist kein Land und von Marokko kann man nicht auf den ganzen Kontinenten schliessen. Die Erfahrungen in Marokko decken sich in einigen Bereichen mit solchen bei anderen Afrika-Cups oder privaten Reisen auf dem Kontinent, welchen ich seit 25 Jahren mehr oder weniger regelmässig besuche.​

Mein Start an meinem sechsten Afrika-Cup läuft dann – ehrlich gesagt – fast zu gut. Akkreditierung abholen, Geld abheben, lokale SIM-Karte besorgen – dafür habe ich in anderen Jahren schon ganze Tage vergeudet. In Marokko schalte ich die eSIM bei der Landung frei, Geld wechsle ich am Flughafen und die Akkreditierung abholen dauert fünf Minuten.

Afrika Cup 2025 Marokko
Die Akkreditierung. Bisschen ein Durcheinander mit den Namen, aber grundsätzlich das Eintrittsticket zu (fast) allem am Afrika-Cup.Bild: Reto Fehr

Auch in den folgenden Tagen zeigt sich: In Marokko funktioniert vieles problemlos. Ja, manchmal, da fühlt es sich gar nicht wirklich nach meinem sonst so geliebten Afrika-Cup-Abenteuer an, bei dem man nie recht weiss, was gleich passieren wird. Und was nicht. Und was dann irgendwie doch.

Immerhin: Ich erlebe sie natürlich doch. Die Momente, die sich niemand ausdenken kann. Die so viele Wendungen nehmen, dass man selbst in Hollywood das Drehbuch ablehnen würde: Weil es einfach realitätsfern sei.

Reisen am Afrika-Cup:

Dieses Mal handelt es sich meist um Medien-Services. Beispielsweise um den Transport zum Stadion. In Tanger erhalte ich am Vorabend eine E-Mail: Vom Bahnhof gibt es für Medienschaffende Gratis-Busse ins Stadion. Als ich da dann nach dem erwähnten Transportmittel frage, wissen selbst die CAF-Mitarbeiter vor Ort nichts davon. Ich solle den Fan-Bus nehmen. Der fahre da drüben.

Afrika Cup 2025 Marokko
Was für ein beeindruckender Kessel: Hier finden an der WM 2030 auch Spiele statt.Bild: Reto Fehr

Auch in Rabat das gleiche Bild. Zu dritt wollen wir von einem Stadion zum anderen. Wieder hiess es, es gäbe da Transportbusse. Man muss dazu vielleicht wissen: Beim Afrika-Cup werden die Stadien grossräumig abgesperrt. Du kommst da nicht so problemlos hin. Darum fragen wir vor Ort: «Medienbusse? Ja, vor dem Gebäude zweimal links, die Strasse hoch, da stehen sie», sagt der freundliche Mitarbeiter. Zweimal links die Strasse hoch stehen aber keine Busse.

Afrika Cup 2025 Marokko
Alles abgesperrt: Das nächste Taxi ist vom Stadion hunderte Meter entfernt.Bild: Reto Fehr

Dafür eine Gruppe kamerunischer TV-Journalisten, die gerade ins eigentlich noch geschlossene Stadion wollen. Wir schliessen uns ihnen an. Vielleicht hat ja drinnen jemand Informationen betreffend der Busse. Dem ist nicht so. Aber wir treffen einen Mitarbeiter, der sich als Medienbetreuer vorstellt. Er helfe uns.

Erst telefoniert er. Nichts. Dann fragt er im Büro, aus dem wir schon kamen. Nichts. «Ich habe ein Auto», sagt er dann, wir sollen mitkommen. Doch da, wo sein Auto stand, steht nichts mehr. Die Security-Leute erklären, dass der Fahrer vor Kurzem wegfuhr. Er telefoniert nochmals. Dann gibt er auf: Aber er gebe uns seine Nummer, falls wir Hilfe brauchen, sollen wir uns melden.

Afrika Cup 2025 Marokko
Ob die Security-Patrouille Zeit hat, uns zum Stadion zu fahren?Bild: Reto Fehr

Die Zeit drängt langsam. Wir wollen ein Taxi heranwinken. Aber das ist aussichtslos. Wir fragen einen Fahrer eines Volunteer-Busses, ob wir mitkönnen, ohne Erfolg. Da hält ein Fahrzeug einer TV-Anstalt, lädt Journalisten aus und bevor er wieder wegdüst, können wir ihn aufhalten.

Afrika Cup 2025 Marokko
Mit diesem Minivan düsen wir durch die Strassen von Rabat.Bild: Reto Fehr

Er habe jetzt frei, klar fahre er uns zum Stadion. Im Wagen dreht er ElGrandeToto auf volle Lautstärke und singt mit. Er sei der berühmteste marokkanische Rapper. Es ist wie so oft: Irgendwo geht immer irgendeine Türe auf. Einmal mehr meine wichtigste Erkenntnis aus einer Reise nach Afrika.

LeGrandToto im Taxi:

Auf der Fahrt zum Stadion mit dem singenden Taxifahrer.Video: watson

Damit zusammen hängt meine zweite Lehre. Denn wenn du glaubst, dass immer irgendwo eine Türe aufgeht, dann gibst du auch nicht gleich auf. So bei meinem geplanten Besuch des Spiels Algerien – DR Kongo. Meine Ticketanfrage für die Tribüne wird abgelehnt. Aber, das schreiben sie wörtlich: «Sie sind sehr willkommen im Mediencenter des Stadions.»

Als ich vor den Toren des Medieneingangs stehe, hat sich da schon eine Traube von rund 20 Journalisten gebildet. Alle kamen mit dem gleichen Versprechen wie ich. Aber jetzt heisst es: Du kommst hier nicht rein. Auch mir erklären die Mitarbeiter, dass dies leider doch nicht möglich sei. Immerhin lassen sie mich hinter die Abschrankung. Ich behaupte, ich müsse da in meinen Unterlagen nochmals suchen, ich hätte noch ein anderes Ticket.

Afrika-Cup 2025, Halbfinals
14. Januar:
Senegal – Ägypten 18 Uhr
Nigeria – Marokko 21 Uhr

18. Januar:
Final, 20 Uhr

So stehe ich rund 20 Minuten da. Immer mal wieder fragt mich jemand, was ich mache. Ich sage, ich werde gleich abgeholt. Das ist ja das Gute bei so Anlässen. Es gibt so viele Mitarbeiter, die wissen meist gar nicht, was der andere macht. Und irgendwann schlüpfst du durch.

Afrika Cup 2025 Marokko
Taxifahren im Regen durch den Stadtverkehr in Tanger: Natürlich kann man da auch noch TV schauen.Bild: Reto Fehr

Doch als selbst die Stadionmanagerin ziemlich deutlich erklärt, dass es heute nicht gehe, schwindet meine Hoffnung. Ich bleibe aber noch da und warte mal ab. Die Security werden langsam nervöser. Mittlerweile werde ich zum Nebenausgang geführt und ich bin nicht mehr ganz sicher, ob ich einfach nur das Stadiongelände verlassen solle oder doch direkt aus dem Land geschmissen werde.

Ich gebe auf.

Beim Rausgehen geschieht es. Die Stadionmanagerin taucht nochmals aus dem Nichts auf, nimmt mich und einen anderen Journalisten an der Hand und sagt: «Kommt mit.» Die Security-Mitarbeiter wollen uns erst nicht passieren lassen. Aber sie insistiert: «Die beiden sind meine Gäste. Alles gut.» Vom abgeschobenen Journalisten zum persönlichen Gast der Chefin, so schnell kann es gehen. Und es ist die zweite wichtige Erkenntnis: Bevor es nicht wirklich geschehen ist, ist alles möglich.

Afrika Cup 2025 Marokko
Was für eine Odyssee. Aber am Ende habe ich fast die besten Plätze im Stadion.Bild: Reto Fehr

Womit wir zum letzten Learning kommen. Ich werde vor Reisen nach Afrika stets von allen Seiten gewarnt. Gefährlich sei es, mühsam auch. Man werde belästigt und verfolgt. Alle wollen dich betrügen, du darfst niemandem trauen.

Ich kann das alles einmal mehr nicht bestätigen. Logisch, es gibt wichtige Regeln, an die du dich halten musst. Naivität ist gefährlich. Klar, wurde ich auch schon über den Tisch gezogen. Manchmal liess ich mich auch über selbigen ziehen. Aber insgesamt sind die Menschen einfach nett und wollen dir helfen.

Afrika Cup 2025 Marokko
Der Friedhof in Rabat bietet wunderbare Ausblicke auf das Meer.Bild: Reto Fehr

Wenn du offen auf die Menschen zugehst, wirst du in 100 Fällen 99-mal belohnt. Aufgrund einer schlechten Erfahrung auf die 99 guten verzichten: Das will ich nicht.

Ich glaube, in der Schweiz wäre das alles nicht möglich. Oder vielleicht ja doch. Denn eigentlich habe ich es einfach noch nie versucht. Vielleicht müsste ich das mal. Übrigens: Nach der Fan-ID wurde ich nicht einmal gefragt.

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35 Kommentare
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mob barley
14.01.2026 10:11registriert Juni 2017
"Wenn du offen auf die Menschen zugehst, wirst du in 100 Fällen 99-mal belohnt. Aufgrund einer schlechten Erfahrung auf die 99 guten verzichten: Das will ich nicht."

Der Satz des Tages. Und er gilt nicht nur in Afrika, sondern auf der ganzen Welt.

Danke für deine Berichte vom Afrika-Cup! Sie machen immer wieder Lust, selber wieder mal diesen tollen Kontinent zu bereisen.
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goschi
14.01.2026 11:07registriert Januar 2014
Ich war aus verschiedensten Gründen leider in meinem leben schon mehrfach in der Situation, in der ich einfach Hilfe brauchte und lernte, einfach fragen lohnt sich.
ja, auf den ersten Blick sind wir Schweizer:innen immer abwesend und gerne formalistisch, aber schon auf den Zweiten sieht das ganz anders aus.Da hilft einem die Kioskfrau, weil man ein Nötli für einen Automaten braucht und wechselt einem 8.65 in Münz (und einem €-Stück) zu einem zehnernötli, da hilft einem der Schalterangestellte völlig fern seiner Aufgabe, in dem er für mich schnell telefoniert.

Menschen sind nett! und ja 99/100
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ursus3000
14.01.2026 10:19registriert Juni 2015
"Ich glaube, in der Schweiz wäre das alles nicht möglich. Oder vielleicht ja doch. Denn eigentlich habe ich es einfach noch nie versucht"
Das ist doch die grösste Lehre, die man machen kann. Eigentlich steht man sich immer selbst im Weg
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