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International
Sport

Das Ohrfeigen wird in den USA zu einer legitimen Sportart – Ärzte warnen

Diese Sportart trifft einen Nerv – wortwörtlich

Die USA haben dank UFC-Präsident Dana White zum ersten Mal eine eigene Liga für das Slap-Fighting – das sich gegenseitige Ohrfeigen. Was harmlos klingt, birgt massive gesundheitliche Risiken. Im Netz muss White deswegen Kritik einstecken.
20.01.2023, 18:1521.01.2023, 09:54

«Power Slap: Road to the Title»

Am Mittwoch feierte sie Premiere: die erste «Power Slap»-Show im amerikanischen Fernsehen. Ein Sport, bei dem sich zwei «Slap-Fighter» gegenüber stehen und sich abwechslungsweise mit der offenen Handfläche ins Gesicht schlagen. Vor allem im osteuropäischen Raum erfreut sich diese Sportart bereits grosser Popularität und generiert auch auf Youtube immer wieder viele Klicks. Dass sie nun aber als grosse Show im Fernsehen gezeigt wird und als eigene Liga eingeführt wurde, ist neu. Auch wenn viele Menschen für die Show den Fernseher einschalteten, hagelte es vor allem Kritik.

Auf Twitter verbreiteten sich Ausschnitte aus der Show, die zeigen, wie Slap-Fighters nach heftigen Ohrfeigen bewusstlos zusammensackten.

Ansehen auf eigene Gefahr:

Video: twitter/vidsthatgohard

Die Empörung auf Twitter ist gross:

«Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals so angewidert war wie von der Idee des Power Slap. Was ist aus dieser Welt geworden, dass wir es feiern, eine wehrlose Person vor der Kamera niederzuschlagen. Es wurden bereits dystopische Filme darüber gemacht. Running Man war einer davon. Menschen tun so etwas nicht. Es ist albern.»
«Ich bin ja für kontrollierte Kampfsportarten, aber Dana's Slap Liga ist absolut lächerlich.»
Die Regeln
Die Regeln sind relativ simpel: Die Hand muss offen auf die erlaubte Zielfläche auftreffen, welche aus der einen Gesichtsseite der verteidigenden Person besteht. Wobei «verteidigend» in diesem Kontext irreführend ist: Die passive Person darf nämlich weder ausweichen noch irgendwie zusammenzucken. Gesichtsöffnungen dürfen nicht getroffen werden. Dennoch müssen alle Teilnehmenden einen Mundschutz tragen, sowie den Ohrkanal zum Schutz des Trommelfells mit Baumwolle verschliessen.

Die angreifende Person hat 30 Sekunden Zeit,
ihren Schlag auszuführen. Dabei muss sie kommunizieren, bei welcher Zahl der Schlag landen wird. Die Zahl «1» bedeutet, dass die Person direkt nach Einnahme der Schlagposition zuschlagen wird. «2» bedeutet, dass erst noch eine Übungsbewegung ausgeführt wird und der Schlag auf der «2» landet. Und bei «3», werden zwei Übungsbewegungen ausgeführt, bevor der Schlag auf der «3» ausgeführt wird.

Die verteidigende Person hat 30 Sekunden Zeit, sich vom Schlag zu erholen. Dann ist sie an der Reihe.

Gewinnen tut am Ende diejenige Person, die 10 Punkte erhält. Die Kriterien für die Punktevergabe werden auf zwei Grundlagen vergeben: Schaden und Effektivität des Angreifers, sowie Reaktion und Erholung des Verteidigers.
https://combatsportslaw.com/2022/11/16/nevada-approves-official-slap-fighting-ruleset-asks-promoter-to-make-sure-no-one-dies/

Wer steckt dahinter?

Hinter der ganzen Show steckt der US-amerikanische Unternehmer und Präsident der Ultimate Fighting Championship (UFC) in den USA Dana White. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, tauchte ja erst an Neujahr ein Video auf, das zeigt, wie White und seine Ehefrau sich gegenseitig ohrfeigten.

Dies war auch der Grund, weshalb die Erstausstrahlung von «Power Slap», die eigentlich am 11. Januar hätte stattfinden sollen, um eine Woche nach hinten verschoben wurde.

FILE - Dana White, president of UFC, speaks at a news conference after the UFC 229 mixed martial arts event in Las Vegas, on Oct. 6, 2018. White was caught on video released by TMZ slapping his wife w ...
UFC-Präsident Dana White.Bild: keystone

An Ohrfeig-Wettbewerben ist Dana White schon lange interessiert: Nach eigenen Angaben habe er schon seit 2017 an der Idee für einen Slap-Wettbewerb getüftelt und im letzten Jahr viele Test-Duelle durchgeführt.

Im Oktober 2022 gelang ihm und seinem Team dann ein wichtiger Schritt: Die Sportkommission des US-Bundesstaats Nevada hat dafür gestimmt, die Liga der umstrittenen Sportart zu beaufsichtigen und zu regulieren. Zuvor argumentierte UFC-Geschäftsführer Hunter Campbell, der sich für die Einführung der Liga einsetzte, in einer Präsentation, dass es wegen der Sicherheit der Athleten nötig sei, bestimmte Regeln einzuführen. So müsste etwa sichergestellt werden, dass sich nur Slap-Fighters von derselben Gewichtsklasse gegenüberstünden. Er betont:

«Bei jeder Art von Kampf, bei dem man Schläge an den Kopf bekommt, ist es ohne medizinische Verfahren und Vorschriften keine sichere Umgebung.»

Dass die Sportart mit dieser Regulierung nun sicher sein soll, wagen Expertinnen und Experten zu bezweifeln. Auch prominente Personen aus der Kampfsportwelt äussern harsche Kritik sowohl an White als auch an der Sportkommission Nevadas.

So schreibt etwa der amerikanische Kampfsportanalyst:

«Wenn es beim Boxen darum geht, zu schlagen und nicht getroffen zu werden, dann ist das Slap-Fighting sozusagen das Gegenteil, da man gezielt und ungehindert getroffen wird. Nevadas Kommission ist ziemlich schamlos.»

Dana White verteidigt in einem Interview seine eingeführte Liga aber unter anderem genau damit, dass beim Slap-Fighting ja nur etwa drei bis fünf Schläge pro Veranstaltung eingesteckt werden müssten. Beim Boxen hingegen seien es 300 bis 400 Schläge. Dann teilt er an seine Kritiker aus:

«Wenn du es nicht magst, dann schau es dir nicht an! Niemand verlangt von dir, dass du dir das ansiehst. Oh, es widert dich an? Dann schau dir ‹The Voice› an.»
Video: twitter/JustTheFights

Dass die Sportart aber alles andere als ein Zuckerschlecken ist, beweisen auch die Fragen, welche die Nevada Sportkommission laut «the Insider» an Whites Team stellte:

«Werdet ihr sicherstellen, dass niemand stirbt? Und dass niemand schwere Hirnverletzungen davonträgt? »

UFC-Geschäftsführer Campbell versicherte es ihnen. Aber eine Garantie ist das noch lange nicht, wie medizinische Experten und Expertinnen andeuten.

Wie gefährlich ist es tatsächlich?

Der ehemalige WWE Wrestler und Neurowissenschaftler Chris Nowinski ist in den USA einer der führenden Experten, was Hirnerschütterungen betrifft. Auch er teilte das virale Video der «Power Slap» Show und verweist auf die sogenannte Fechtreaktion des bewusstlos geschlagenen Chris Kennedy. Sie bezeichnet die unnatürliche Position der Armee, welche auf eine ernste Hirnverletzung hindeutet. «Power Slap» teilte denselben Clip, verwies dabei aber begeistert auf den Angreifer Chris Thomas:

«The power of Chris Thomas is 𝐍𝐄𝐗𝐓 𝐋𝐄𝐕𝐄𝐋.»

Brian Sutterer, ein auf Youtube aktiver Sportarzt, kann für diese Sportart kein Verständnis aufbringen. In einem Video nennt er das Slap-Fighting «eine der sinnlosesten, unnötig riskanten und gefährlichsten Sportarten». Sie sei zwar schon seit längerem populär und generiere auf Youtube viele Klicks, dies hiesse aber noch lange nicht, dass es eine gute oder sichere Sache sei.

Problematisch beim Slap-Fighting seien die Handgelenkknochen, welche direkt unter der Handfläche sitzen, erklärt er. Träfe diese mit hoher Geschwindigkeit auf jemandes Gesicht, habe dies nichts mehr mit einer Ohrfeige zu tun. Stattdessen gliche es eher einem Fausthieb mit offener Handfläche.

Slap fighting
Dieser Schlag habe nichts mehr mit einer Ohrfeige zu tun, sagt Sutterer. Bild: youtube/brian sutterer MD

Dies könne nicht nur zu Hirnerschütterungen, sondern auch zu Knochenbrüchen im Gesicht führen. Zudem bestehe auch die Gefahr eines Trommelfellrisses, da bei einer Ohrfeige extrem viel Energie in den Ohrkanal gelange. Dies kann im schlimmsten Fall zu Hörverlust führen. Ob das obligatorische Baumwollstück im Ohr dies verhindern könne, weiss Sutterer nicht.

Dass die Nevada State Commission dem Sport grünes Licht gegeben hat, sorgt bei vielen Ärzteschaften, die im Kampfsport arbeiten, für Verständnislosigkeit.

So sagt etwa Michael Schwartz, ein Mitbegründer für die «Vereinigung der Ringärzte»:

«Jede Gehirnerschütterung ist ein Hirnschaden. Die erste Gehirnerschütterung ist schädlich. Und beim Second-Impact-Syndrom kann die zweite Gehirnerschütterung lebensbedrohlich sein. Das ist Wahnsinn.»

Natürlich müssten Athletinnen und Athleten auch in anderen Kampfsportarten Schläge einstecken, dort hätten sie allerdings immer die Möglichkeit sich zu verteidigen, räumt Sutterer ein. Beim Slap-Fighting hingegen würden die Teilnehmenden gezwungenermassen jede Runde Schaden nehmen, da der Aspekt der Verteidigung komplett wegfalle.

Wie übel man bei einem Slap-Fighting-Wettbewerb zugerichtet werden kann, zeigt auch ein Video aus Rumänien. Dieses ging am selben Tag der «Power Slap» Premiere viral.

Es zeigt einen Teilnehmer mit einem völlig deformierten, geschwollenen und blutenden Gesicht, der schlussendlich als Sieger aus dem Final hervorging. Die nach unten hängende Lippe des Siegers Comșa Simion deute auf einen beeinträchtigten Gesichtsnerv hin, erklärt Dr. Sutterer in einem anderen Video. Auch wenn sich dieser Nerv wieder erholen könne, sei es nicht auszuschliessen, dass Simion auch permanente Nervenschäden davon tragen könnte.

Dana White steht noch immer voll hinter seiner neu gegründeten Liga. Die nächste Episode wird am kommenden Mittwoch wie geplant auf dem privaten Sender «TBS» ausgestrahlt.

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123 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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_stefan
20.01.2023 18:43registriert September 2015
Warum erfinden sie nicht die Sportart „Eier-Kicken“. Das wäre ähnlich amüsant zum zuschauen und würde die natürliche Selektion fördern 🤦🏻‍♂️
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T13
20.01.2023 18:55registriert April 2018
Ich seh schon die Pausenplätze dieser Welt auf der sich die "coolen" kids gegenseitig die Backen klatschen bis einer umfällt.
😑
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Emil Eugster
20.01.2023 19:08registriert Juni 2020
Das ist keine Sportart.
All die Hirnschäden die 100% von denen die mitmachen haben kosten deren Familien unendliches Leid und die Gesellschaft Milliarden.
Bestimmt machen das schon viele Kinder auf dem Pausenplatz nach.
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