Qutaiba Idlbi hat die Grausamkeit des Assad-Regimes am eigenen Leib erfahren. Seit seiner Jugend setzt sich der heute 35-Jährige für die Demokratiebewegung in Syrien ein. Wie schon sein Vater vor ihm organisierte er Demonstrationen gegen den Diktator und ging auch regelmässig selber auf die Strasse.
Im Jahr 2011, als die Aufstände gegen Baschar al-Assad richtig losgingen, wurde er verhaftet. Der offizielle Grund: Zerstörung öffentlichen Eigentums.
Fünf Stunden lang schlugen sieben Soldaten mit Schusswaffen und Peitschen auf ihn ein. Sie verpassten ihm Stromschläge. Darauf folgte der «fliegende Teppich», eine Foltermethode, bei der das Opfer auf dem Rücken liegt und die Beine zwischen zwei Holzplatten gepresst werden.
Zwei Tage später wurde Idlbi einem Brigadegeneral des Geheimdienstes vorgeführt. Der verhörte ihn kurz – Idlbi sollte Namen von Personen nennen, die ebenfalls an der Demokratie-Bewegung beteiligt sind – und begann dann, auf seinen Kopf zu stampfen. «Ich war zu 100 Prozent sicher, dass ich sterben werde», sagt Idlbi im Gespräch mit CH Media.
Die Folter habe auf ihn aber fast die gegenteilige Wirkung gehabt, als von den Behörden gewünscht. Der Gedanke daran, jemandem diesen Schmerz zu ersparen, habe ihn stärker gemacht. Er habe jeweils versucht, immer so viel zu erzählen, dass die Folter nicht schlimmer wird, aber nicht genug, um Leute zu belasten. «Ich glaube, ich war nicht schlecht, im Geschichtenerzählen», sagt Idlbi und lacht.
Eine Woche danach wurde er wieder verhaftet. Kurz vor seiner letzten Prüfung an der Universität. Er verbrachte 20 Tage in einem dunklen Zimmer in Einzelhaft. Und: «Es gab noch einen dritten Haftbefehl gegen mich», so Idlbi. Der sei von der berüchtigtsten Behörde ausgestellt gewesen. «Ich glaube, hätten die mich erwischt, wäre ich nie mehr da rausgekommen.» Nach seiner zweiten Freilassung verliess er deshalb mit seinem damals 16-jährigen Bruder das Land.
Er floh über den Libanon und Ägypten in die USA. Dort studierte er Politikwissenschaften an der renommierten Columbia Universität. Heute leitet Idlbi das Syrien-Programm des Atlantic Council, eines Thinktanks in Washington D. C.
Dass sich sein Land am 8. Dezember von der Assad-Diktatur befreit hat, kann er bis heute kaum fassen. «Ich war überzeugt, es wird noch zehn bis zwanzig Jahre dauern, bevor wir so weit sind», sagt er und schüttelt den Kopf.
Doch der Wandel kam schneller. Die Machtübernahme der Rebellengruppe HTS und die Flucht Bashar al-Assads markiert das Ende der über sechzigjährigen Herrschaft der Assad-Familie. Trotz Freude in grossen Teilen der Bevölkerung sind viele Fragen noch ungeklärt. «Wir dürfen nicht vergessen: Was am 8. Dezember passiert ist, war ein kompletter Zusammenbruch der Regierung», sagt Qutaiba Idlbi. Die Stabilität des Landes sei nun eine grosse Sorge. «Die Gewährleistung von Dienstleistungen und der Sicherheit des Landes muss jetzt oberste Priorität haben», sagt er.
Damit ist die Arbeit aber nicht getan, sagt Idlbi. «Assad ist am 8. Dezember geflohen, aber seine Leute sind noch hier.» Viele würden sich zurzeit verstecken. «Es ist wichtig, kriminelle Mitglieder des Assad-Regimes vor Gericht zu bringen», findet er. Gleichzeitig dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass alle, die mit dem gestürzten Regime zu tun hatten, verfolgt werden. «Das würde nur zusätzliche Instabilität herbeiführen.» Das Problem aufzuarbeiten, werde wohl noch lange dauern.
Welches Leid das Gewaltregime der Assad-Familie über die syrische Bevölkerung gebracht hat, wird erst nach und nach deutlich. Seit Beginn der regierungskritischen Proteste im Jahr 2011 haben Geheimdienst und Milizen Kritiker willkürlich gefangen genommen. Viele – darunter Qutaiba Idlbi – kamen wieder frei. Zehntausende verschwanden jedoch spurlos. Seit dem Sturz des Regimes suchen unzählige Familien nach Angehörigen.
Sie suchen in Gefängnissen, Leichenhäusern – und Massengräbern. Jahrelang versuchten Aktivisten und Menschenrechtsgruppen auf die Existenz Letzterer aufmerksam zu machen. Diktator Baschar al-Assad stritt sie stets ab. Nach seinem Sturz können sich Forscher, Rebellen und Angehörige nun erstmals selber ein Bild der Massengräber machen. In Qutaifa, ausserhalb von Damaskus, werden inzwischen rund 100'000 Leichen vermutet. Das ist aber nur eines von vielen solcher Gräber.
«Neben denen, die im letzten Jahrzehnt verschwunden sind, suchen wir auch solche, die seit den 1970er-Jahren vermisst werden. Wir wissen nicht, wo diese Menschen sind», sagt Idlbi. Die Suche, Bergung und Identifikation der Vermissten müsse nun dringend vorangetrieben werden, so Idlbi. Sonst besteht seiner Meinung nach die Gefahr, dass frustrierte Angehörige selber für Gerechtigkeit sorgen wollen.
«Für all diese Aufgaben braucht es neue Anführer», so der Nahost-Experte. Zurzeit ist die islamistische HTS an der Macht. Sie wird von den USA als Terrororganisation kategorisiert. In den letzten Jahren hat sich der Abspalter von Al Kaida von ihren ehemaligen Verbündeten distanziert und einen gemässigteren Ton angeschlagen.
Trotzdem bleiben Sorgen um Frauenrechte und Rechte von Minderheiten bestehen. «Bisher scheint es, als sei die gemässigtere Haltung nicht nur Propaganda. Sie haben sich tatsächlich weiterentwickelt», sagt Idlbi. Ihnen die alleinige Macht zu belassen, hält er aber für keine gute Idee. Hilfe erhofft er sich nun vom Westen. Die Sanktionen gegen Syrien sollen aufgehoben werden und das Flüchtlingshilfswerk der UNO soll eine grössere Rolle im Wiederaufbau spielen.
«Die Arbeit fängt erst an», sagt Idlbi und schnauft laut aus. Mithelfen will er vorerst aus seiner neuen Heimat. «Hier in Washington DC werden die wichtigsten Unterhaltungen zur Zukunft meines Landes stattfinden», sagt er. In ein paar Jahren will Qutaiba Idlbi nach Syrien zurückkehren – «dann als Lehrer oder Professor». (aargauerzeitung.ch)
Nach dem 2. WK hat man noch bis in unsere Tage immer wieder untergetauchte Kollaborateure aufgespürt und teilweise auch vor Gericht gestellt.