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Islamistische FSA-Kämpfer ziehen an der Seite der Türkei gegen die Kurden in den Krieg.
Islamistische FSA-Kämpfer ziehen an der Seite der Türkei gegen die Kurden in den Krieg.
Bild: AP

Erdogans blutige Söldnertruppe

Die türkische Armee setzt ihre Offensive gegen die Kurden fort. An vorderster Front kämpft eine umstrittene syrische Söldnertruppe für Erdogan, die dem IS in Sachen Brutalität in nichts nachsteht.
13.10.2019, 17:1413.10.2019, 18:08

Sie präsentieren sich als die offiziellen Streitkräfte der syrischen Exilregierung, doch für Kritiker sind sie nichts anderes als islamistische Milizen im Sold der Türkei: An den syrischen Kämpfern, die unter dem Namen Syrische Nationalarmee die türkischen Truppen bei der Offensive in Nordsyrien unterstützen, scheiden sich die Geister.

Erste Berichte über Gräueltaten an der kurdischen Zivilbevölkerung scheinen nun den schlechten Ruf der türkischen Hilfstruppen zu bestätigen. Wenige Tage nach Beginn der türkischen Offensive ist eine bekannte kurdische Politikerin und Frauenrechtlerin – angeblich in einem Hinterhalt – getötet worden. Ein Video soll zudem zeigen, wie mit der Türkei verbündete Milizen mindestens einen kurdischen Gefangenen hinrichten.

Protürkische FSA-Söldner sollen in Nordsyrien Zivilisten hingerichtet haben.
Protürkische FSA-Söldner sollen in Nordsyrien Zivilisten hingerichtet haben.
Bild: AP

Hervorgegangen ist die Syrische Nationalarmee Anfang Oktober aus dem Rebellenbündnis Freie Syrische Armee (FSA). Letztere war wenige Monate nach Beginn des Aufstands gegen Machthaber Baschar al-Assad im März 2011 von abtrünnigen Soldaten gegründet worden. War die FSA in den ersten Kriegsjahren noch die grösste und wichtigste Rebellengruppe, verlor sie mit der Zeit mangels ausländischer Unterstützung zunehmend an Boden.

Geschwächt durch jahrelange Kämpfe, interne Spaltungen und die Rivalität mit anderen Rebellen- und Dschihadistengruppen, verschwand die FSA zwischenzeitlich fast von der Bildfläche. Doch im August 2016 tauchte sie wieder auf, als sie an der Seite der türkischen Armee in den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) im Norden der Provinz Aleppo zog.

Ruf als undisziplinierte Söldnertruppe

Auch als die Türkei im Januar 2018 die syrische Kurdenmiliz in der Region Afrin angriff, war die FSA wieder dabei. Kritiker warfen den bärtigen Milizionären damals vor, radikale Islamisten zu sein, die sich nur graduell von den IS-Kämpfern unterschieden.

Die Plünderungen bei der Einnahme von Afrin und Aufnahmen von FSA-Kämpfern, die mit toten kurdischen Kämpfern posierten, taten wenig, um ihren Ruf als undisziplinierte Söldnertruppe zu verbessern.

Anfang Oktober schlossen sich die FSA-Milizen dann mit der Nationalen Befreiungsfront zusammen, einem vorwiegend islamistischen Rebellenbündnis, das Teile der Provinz Idlib kontrolliert und von der Türkei bezahlt, ausgerüstet und trainiert wird. Seitdem firmieren die Gruppen unter dem klangvollen Namen Syrische Nationalarmee und präsentieren sich als bewaffneter Arm der syrischen Exilregierung in der Türkei.

Ein Sprecher der Formation sagte, für die jüngste Offensive in Nordsyrien seien nun 14'000 Kämpfer mobilisiert worden. Eine «grosse Zahl» der vorwiegend arabischen Milizionäre stamme aus der Region um Tal Abjad und Ras al-Ain und sei von dort vertrieben worden, als die YPG-Miliz die Kontrolle über das Gebiet übernommen habe, sagte der Sprecher Jussef Hammud. Überprüfen lässt sich dies ebenso wenig wie die Angaben zu ihrer Kampfstärke.

An vorderster Front eingesetzt

Am Sonntag hat die türkische Armee <a target="_blank" href="https://www.watson.ch/international/liveticker/169116372-erdogan-kuendigt-offensive-in-syrien-an">die Einnahme der syrische Grenzstadt Tall Abjad verkündet</a> – rund 1000 syrische FSA-Kämpfer sollen an vorderster Front mitgekämpft haben.
Am Sonntag hat die türkische Armee die Einnahme der syrische Grenzstadt Tall Abjad verkündet – rund 1000 syrische FSA-Kämpfer sollen an vorderster Front mitgekämpft haben.
Bild: AP

Der Experte Charles Lister vom Middle East Institute geht davon aus, dass sich bisher rund tausend syrische Milizionäre an der Offensive beteiligen. Sie würden an vorderster Front eingesetzt und spielten daher eine «entscheidende Rolle» bei dem Einsatz.

Laut Lister operieren sie «unter der strengen Aufsicht der türkischen Armee», doch konnte dies offenbar nicht verhindern, dass sie erneut Übergriffe auf die örtliche Zivilbevölkerung begingen.

Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, wurden am Samstag während der Kämpfe in der Grenzstadt Tall Abjad neun Zivilisten von protürkischen Milizionären «hingerichtet», darunter auch eine kurdische Politikerin.

Der «Generalstab» der Syrischen Nationalarmee warnte daraufhin seine Kämpfer, dass ihnen bei Vergehen «schärfste Strafen» und ein Prozess wegen «militärischen Ungehorsams» drohe.

Kurdische Politikerin und Frauenrechtlerin in Syrien getötet
Wenige Tage nach Beginn der türkischen Offensive in Nordsyrien ist dort eine bekannte kurdische Politikerin und Frauenrechtlerin getötet worden. Havrin Khalaf, Generalsekretärin der Partei Zukunft Syriens (FSP), sei am Samstag auf einer Landstrasse in einen Hinterhalt geraten, teilten die von Kurdenmilizen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mit.

Die SDF machte die Türkei und deren Verbündete für Khalafs Tod verantwortlich. «Dies zeigt, dass der türkische Einmarsch nicht zwischen einem Soldaten, einem Zivilisten oder einem Politiker unterscheidet», hiess es in einer Mitteilung der SDF.

Von türkischer Seite gab es zunächst keine offizielle Bestätigung. Die regierungsnahe Zeitung «Yeni Safak» meldete am Samstagabend unter Berufung auf Quellen vor Ort, Khalaf sei bei einer Operation «ausser Gefecht gesetzt worden». Sie sei bei einem Luftschlag auf dem Weg von Rakka nach Kamischli getötet worden, der auf Basis von Geheimdienstinformationen durchgeführt worden sei.

Die Türkei betrachtet die Kurdenmiliz YPG wie auch ihren politischen Arm, die PYD, als Terrororganisation. Die Partei Zukunft Syriens ist ein Ableger der PYD und wurde im März 2018 in Rakka gegründet. Khalaf hatte sich im kurdisch-autonomen Teil Syriens vor allem für die Rechte von Frauen stark gemacht.

Im Internet kursierten Fotos eines schwer beschädigten Autos, mit dem Khalaf in den Hinterhalt geraten sein soll. Zudem tauchte ein Video auf, das zeigen soll, wie mit der Türkei verbündete Milizen mindestens einen kurdischen Gefangenen hinrichten. Unabhängig bestätigen liess sich die Echtheit dieses Videos nicht. (sda/dpa)

(oli/sda/afp)

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