International
Türkei

Erdogan gegen Opposition: Türkei nähert sich russischem Vorbild

Türkei nähert sich laut Expertin System nach russischem Vorbild an

23.05.2026, 14:2123.05.2026, 14:21

Mit der Absetzung des türkischen Oppositionsführers Özgür Özel per Gerichtsentscheid nähert sich die Türkei nach Einschätzung einer Expertin immer weiter einem System nach russischem Vorbild an. Ein System, «in dem der Machthaber bestimmt, wer die Opposition sein wird und sicherstellt, dass an der Wahlurne keine echten Überraschungen mehr möglich sind», sagte Gönül Tol, Direktorin des Türkei-Programms am Nahost-Institut in Washington, in einer Analyse.

Es gebe jedoch einen deutlichen Unterschied zu Russland: Die Türkei verfüge nicht über Reichtum an Öl und Gas, um etwa wirtschaftliche Schocks abzufedern, sondern sei zutiefst abhängig von ausländischen Investitionen – zum Grossteil aus Europa.

Parteitag vor drei Jahren im Fokus

Sie wertete die Gerichtsentscheidung als klar politisch motiviert und als «jüngsten Schritt einer breit angelegten Kampagne» des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zur Schwächung der Opposition. Erdogan sei sich bewusst darüber, dass er unter freien und fairen Bedingungen keine Wahlen mehr gewinnen könne, so Tol.

Ein Gericht in Ankara hatte am Donnerstag den Parteitag 2023, auf dem Özel zum Vorsitzenden gewählt worden war, wegen mutmasslicher Unregelmässigkeiten für ungültig erklärt. Es ordnete zudem die Absetzung Özels und der Parteispitze an.

Der ehemalige Parteichef Kemal Kilicdaroglu, der Erdogan bei den Wahlen vor drei Jahren unterlag, soll die Partei vorläufig führen. Kilicdaroglu war mehr als zehn Jahre lang CHP-Vorsitzender und gilt als farbloser und erfolgloser Politiker, der nur über geringe Unterstützung in seiner Partei verfügt.

Human Rights Watch: Ausschaltung einer politischen Kraft

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wertete die Absetzung Özels als «schweren Schlag gegen Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte in der Türkei.»

Nach der Inhaftierung des ehemaligen Istanbuler Bürgermeisters und Erdogan-Rivalen Ekrem Imamoglu vor einem Jahr sowie weiterer CHP-Politiker unter «falschen Vorwürfen» sei klar «dass die türkischen Behörden die derzeitige Führung der CHP als ernstzunehmende politische Kraft ausschalten wollen», sagte Benjamin Ward, stellvertretender Direktor für Europa und Zentralasien bei HRW.

Die Gerichtsentscheidung zur Annullierung des Parteitags stelle zudem einen «höchst ungewöhnlichen Eingriff» in die internen Wahlprozesse einer politischen Partei sowie in die Wahl ihrer Führung dar. (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Proteste in der Türkei: Die stärksten Bilder
1 / 14
Proteste in der Türkei: Die stärksten Bilder
Während Protesten in Istanbul wird die Polizei von Demonstranten mit Feuerwerken beworfen.
quelle: keystone / francisco seco
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Debatte in türkischem Parlament eskaliert zu ausgewachsener Schlägerei
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
18 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Texasrider
23.05.2026 15:25registriert April 2021
Was heisst hier annähern; das Land hat sich längst zur Diktatur gewandelt.
472
Melden
Zum Kommentar
avatar
Dr. Atomi
23.05.2026 14:46registriert Juli 2024
Das Volk hätte es in den Händen.
485
Melden
Zum Kommentar
avatar
Granola_Agricola
23.05.2026 14:48registriert Februar 2022
Mir solls recht sein, dann ist die Türkei immerhin für lange Zeit von der EU-Kandidatenliste gestrichen.
436
Melden
Zum Kommentar
18
Stuttgart: Frau in Einkaufszentrum niedergestochen und angezündet
In einem Einkaufszentrum in Stuttgart ist eine Frau mit einem Messer angegriffen und angezündet worden. Den Ermittlern zufolge wurde die 47-Jährige bei der Attacke lebensgefährlich verletzt.
Zur Story