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Auf ausgetretenen Pfaden unterwegs: Zeit für Stefan Raab, «TV total» zu beerdigen. screenshot: watson/pro7

Ein Schatten seiner selbst: «TV total» ist nur noch ein Stück Fernsehschrott  

«TV total» ist ein lieblos produziertes Stück Fernsehschrott geworden. Unser Autor hat sich die Show eine Woche angesehen – und stellte fest, nach 2149 Folgen fehlt es an allem: Gags, Timing, Kreativität. Zeit für Stefan Raab, abzutreten.



Ein Artikel von

Spiegel Online

jonas leppin

Fangen wir mit Montagabend an: Raab trug seine Jeans-Sakko-Kombination, machte ein paar Witze über Putin und den Bachelor, führte zwei katastrophale Interviews und versenkte Sendezeit. Man hätte auch den Mittwoch nehmen können, oder Dienstag, völlig egal.

Es ist seit Jahren das Gleiche: Die Sendung beginnt mit einem Stand-up und TV-Ausschnitten, es folgt irgendein BMX-Trick-Fahrer oder Weltmeister im Würfelstapeln, schliesslich ein Promi.

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Stand-up bei Raab, das geht so: Ein «RTL Aktuell»-Ausschnitt über Touristen, die in Griechenland künftig Quittungen in Restaurants verlangen sollen. Raab: «Dann gibt's keinen Ouzo mehr.» Ein WDR-Beitrag, bei dem es um Gebühren für Polizeieinsätze geht. Raab: «45 Euro für eine Nacht in der Zelle? Das ist ja günstiger als im Hotel.»

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Als das Format noch lustig war, Teil 1: Stefan Raab singt mit und für Schauspieler Will Smith. video: youtube/MySpassde

Es ist kaum auszuhalten: Raab stammelt, blickt nach rechts auf die Pappkarten, lacht Witze an, erklärt Witze. Oft schafft er es nicht mal Namen und Orte fehlerfrei auszusprechen. Wie quälend das alles ist, hat der Comedian Max Giermann in der Satire-Sendung «Switch Reloaded» parodiert. Die Persiflage ist brutal und präzise, vor allem ist sie wahr.

Lustig wie die «Tagesschau»

Wer eine Woche «TV total» schaut, kann eine Liste mit solchen Momenten machen: Am Montag erzählt Raab Schwulen-Witze. Am Dienstag misslingt der Versuch, zum Geburtstag von Chuck Norris seine Band einzubeziehen. Am Mittwoch lässt er sich vom Publikum den eigenen Witz erläutern («Keine Ahnung warum Sie lachen, man hat es mir aufgeschrieben»). Neulich benutzte Raab für einen Sketch sogar eine Bauchredner-Puppe und liess sein Gesicht auf ein Foto von Justin Bieber montieren.

Das Problem von «TV total» ist nicht mal mehr der niveaulose Witz. Mit der dreckigen Zote hat Raab immer schon polarisiert. Aber eine Bauchredner-Puppe? Photoshop? Chuck Norris? Die Show wirkt wie von alten Männern gemacht, hergestellt mit dem Humor-Werkzeug der Neunzigerjahre. Zwar ist «TV total» im deutschen Fernsehalltag eine Instanz wie die «Tagesschau», leider aber auch genauso lustig. Raab hat die Sendung aufgegeben.

MUNICH, GERMANY - NOVEMBER 28:  Stefan Raab and participant attend the TV Total Turmpringen photocall on November 28, 2014 in Munich, Germany.  (Photo by Dominik Bindl/Getty Images)

Das kann er deutlich besser: Stefan Raab als Gastgeber beim alljährlichen «TV total Turmspringen». Bild: Getty Images Europe

Man merkt das etwa bei den Promi-Gesprächen. Vergangene Woche sassen unter anderem eine Sängerin, Miss Germany, zwei Komiker und eine Gruppe von YouTubern auf seinem Sofa. Raab stellte ihnen keine einzige gescheite Frage. Ihm gelang gerade mal die Simulation eines Interviews.

Kostprobe: Raab: «Wie fühlt man sich mit so einem tollen Krönchen?» Miss Germany: «Ganz gut.» Raab: «Die Überreichung der Krone von Harald Glööckler, war das ein besonderer Moment?» Miss Germany: «Das war ein ganz besonderer Moment.» Raab: «Die Krone oder Glööckler?» Miss Germany: «Beides.»

Keine Marotte, sondern Arbeitsverweigerung

Natürlich hat Raab sich noch nie für seine Gäste interessiert. Aber er wollte sein Publikum mal unterhalten. Inzwischen interessieren ihn Gäste nicht mal mehr als Vorlage für einen Gag. Einst kokettierte er damit, dass man ihm zehn Minuten vor der Show den Lebenslauf des Gastes vorlesen würde: «Wenn ich Glück habe, erinnere ich mich an etwas.» Falls das stimmt, ist das keine Marotte, sondern Arbeitsverweigerung.

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Als das Format noch lustig war, Teil 2: «Raab in Gefahr» bei einem Fastfood-Riesen. video: youtube/MySpassde

Stefan Raab ist jetzt 48 Jahre alt. Seit 1999 moderiert er «TV total», seit 2001 viermal die Woche. Es ist die am längsten existierende Late-Night-Show im deutschen Fernsehen. Teilweise erreichte Pro Sieben damit Marktanteile von bis zu 60 Prozent bei den 14- bis 29-Jährigen. Ein Auftritt bei Raab, das war wichtig für die Musik-, Film- und Werbebranche.

Und Raab gelang alles: Er moderierte, komponierte, produzierte. Es entstanden Spin-offs wie die «Wok-Weltmeisterschaft», «TV total Stock-Car-Crash-Challenge» oder «Das grosse TV total Turmspringen». Nebenbei etablierte er die Guerilla-Comedy: Raab ging irgendwo hin, hielt die Kamera drauf, war witzig. Er überfiel Rudi Carrell in seiner Garderobe, störte die Band Echt beim Konzert, crashte Fernsehshows. «TV total», das war mal Gesprächsstoff in Büros und auf Schulhöfen.

Wie ein müder Lehrer

Liest man Zeitungsartikel über ihn aus dieser Zeit, dann fällt auf: Raab wurde stets als akribischer Arbeiter beschrieben. Als Perfektionist, der bis nachts an neuen Gags feilte und für seine Kontrollmentalität gehasst und verehrt wurde. Nun ist er eher wie ein müder Lehrer, der sich nach vielen Jahren nicht mehr auf den Unterricht vorbereitet.

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Als das Format noch lustig war, Teil 3: Raab mit dem Raabigramm für die Klitschko-Brüder.  video: youtube/myspassde

Das wirkt sich auch auf die Quoten aus. Immer öfter sind die Marktanteile in der werberelevanten Zielgruppe einstellig, im Schnitt liegen sie bei knapp zehn Prozent. Das Stammpublikum wendet sich neuen Formaten zu. Alle ahnen: Raab ist die gesunde Balance aus Gags, Gästen, Provokation und Promotion abhanden gekommen.

Auf originelle Einfälle hofft man vergeblich. Teilweise wird sogar komplett auf dramaturgische Ideen verzichtet. Offenbar verlässt sich die Redaktion blind darauf, dass Raab auf der Bühne schon was einfällt, was immer seltener passiert. Vergangene Woche spielte Raab die letzten Minuten seiner Show Tischkicker. Keine Pointe. Im Vergleich zu Raab war Harald Schmidt bei Sky noch motiviert.

Die grösste Demütigung

Auch die Zeiten, in denen «TV total» noch satirisch die Mechanismen anderer Fernsehshows offenlegte, sind vorbei. Zwar war Raab mit seinem Spott nie zimperlich, beliess es aber nicht dabei, sondern inszenierte aus einem Wort wie «Maschendrahtzaun» einen opulenten Trash-Song und bescherte allen Beteiligten einen Nummer-eins-Hit.

Wenn Raab heute in Rubriken wie dem «Erstwählercheck» junge Menschen am Rande ihrer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit vorführt, dann ist er damit genauso menschenverachtend wie «Bauer sucht Frau». Seine eigene Sendung ist inzwischen selbst ein Fall für kuriose TV-Fehlleistungen. «TV total» ist bei «TV null» angekommen.

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Als das Format noch lustig war, Teil 4: «Raab in Gefahr» bei den Muschis. video: youtube/myspassde

Man möchte meinen, die grösste Demütigung für Raab muss es gewesen sein, als der Moderator Jan Böhmermann ihn mit seinen eigenen Guerilla-Methoden lächerlich machte: Böhmermann und sein Team stellten einen selbstproduzierten Clip ins Netz, der den Eindruck erweckte, in China hätte jemand ein Showkonzept von Raab geklaut. Nachdem der sich in seiner Sendung über das vermeintliche Plagiat aufregte, outete Böhmermann sich als Urheber.

Doch die Reaktion von Raab: keine. Später gab es für den «gelungenen Coup» eine lauwarme Gratulation von einem Pro-Sieben-Sprecher. Wenn nicht mal solch eine Provokation «TV total» aus der Routine locken kann, was dann?

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Böhmermann veräppelt Raab. Muss man gesehen haben! video: youtube/zdfneo

Mit Sendungen wie «Circus HalliGalli» oder eben «Neo Magazin Royale» haben sich inzwischen deutlich bessere Shows in Position gebracht, um das Erbe von «TV total» anzutreten. Es liegt auch daran, dass man spürt, wie sehr ihre Macher für einen gelungenen Punch brennen. Böhmermann sagte über Raab: «Es ist dieses Gaddafi-Phänomen: Man weiss einfach nicht als Diktator, wann es Zeit ist, abzutreten.»

Mit dem Aufhören hat Raab tatsächlich schon häufig kokettiert. Für Interviews legte er sich gern die Schlusspointe zurecht, dass sein Lebensplan den Rückzug aus dem TV-Geschäft vorsieht und er einmal um die Welt segeln will. Noch im Jahr 2001 sagte Raab, dass er in drei Jahren verschwinden werde. «Und wenn ich dann noch erfolgreicher bin als heute, wird der Abgang umso gigantischer.» Wenn das ein Witz war, fehlt wie so oft in den vergangenen Jahren noch die Pointe.

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