DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Erdogan spricht am 16. Juli in Istanbul zu seinen Anhängern.
Erdogan spricht am 16. Juli in Istanbul zu seinen Anhängern. Bild: MURAD SEZER/REUTERS

Erdogan und die Verschwörungstheorien um den Putschversuch: 6 Fragen und Antworten

16.07.2016, 20:3911.11.2020, 12:46

War der Putschversuch in der Türkei von Präsident Recep Tayyip Erdogan inszeniert? Seit der Niederschlagung des Putsches kursiert diese Verschwörungstheorie bei Erdogan-Kritikern in der Türkei, aber auch im Westen. Fragen und Antworten dazu.

War der Putsch nicht verdächtig dilettantisch?

Er wurde zwar schnell niedergeschlagen, kostete aber einen hohen Blutzoll. Der prominente türkische Autor und Journalist Ahmet Sik bringt die Möglichkeit ins Spiel, dass die Regierung von dem Plan Wind bekam und die Umstürzler sich zum Handeln gezwungen sahen, bevor ihre Vorbereitungen abgeschlossen waren. Dafür spricht, dass Sicherheitsvorkehrungen durch regierungstreue Polizeikräfte zuvor sichtbar erhöht wurden. Es ist auch nicht der erste gescheiterte Putsch in der Türkei – einen solchen gab es bereits 1963.

Von Leibwächtern umringt: Erdogan am 16. Juli in Istanbul.
Von Leibwächtern umringt: Erdogan am 16. Juli in Istanbul.Bild: MURAD SEZER/REUTERS

Hätte Erdogan den Putschversuch inszenieren können?

Angesichts von Erdogans Einfluss wäre das vermutlich nicht undenkbar, aber doch sehr schwierig. Unter den mutmasslichen Rädelsführern sollen fünf Generäle und 28 Oberste sein, die mit Erdogan unter einer Decke hätten stecken müssen. Erdogan hat öffentlich angekündigt, dass sie «einen sehr hohen Preis» bezahlen werden, vermutlich werden sie viele Jahre im Gefängnis sitzen müssen. Welchen Vorteil die Offiziere von einer solchen Verschwörung hätten, erschliesst sich nicht.

Was hätte Erdogan von einem inszenierten Putsch?

Die Aussicht auf mehr Macht. Der Putschversuch dürfte Erdogan als Argument für sein wichtigstes und umstrittenstes Ziel dienen: Die Einführung eines Präsidialsystems, das nach seinen Worten für mehr Stabilität in der Türkei sorgen soll. Allerdings: Erdogan ist bereits jetzt unangefochten der mächtigste Politiker der Türkei. Die Chancen, dass er sein Präsidialsystem bekommt, standen schon vor dem Putschversuch nicht schlecht. Es erscheint ein sehr hohes Risiko, einen Umsturzversuch zu inszenieren, um diese Chancen zu erhöhen.

Ist Erdogan nicht bekannt für seine Risikofreude?

Doch. Aber ein inszenierter Putsch wäre wohl auch für seine Verhältnisse extrem hoch gepokert. Ein westlicher Sicherheitsexperte, der an eine Inszenierung nicht glauben mag, drückt das so aus: «Das ist, als würdest Du Dein Haus anzünden und hoffen, dass es nicht abbrennt. Aber am Ende brennt es vielleicht doch ab.»

Wirkte Erdogan beim Putschversuch, als habe er alles unter Kontrolle?

Nein. Er und auch Ministerpräsident Binali Yildirim wirkten nervös. Mitarbeiter aus Erdogans Umfeld schienen verunsichert.

War es nicht verdächtig still um Erdogan in den Tagen davor?

Das stimmt. Regierungskreise liefern dafür aber eine plausible Erklärung: Erdogan habe die Bayram-Ferien nachgeholt, die er während des Festes zum Ende des Fastenmonats Ramadan nicht mit seiner Familie verbringen konnte – weil er beim NATO-Gipfel in Warschau war. (sda/dpa)

Militärputsch in der Türkei

1 / 44
Militärputsch in der Türkei
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

38 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
NikolaiZH
16.07.2016 22:57registriert November 2014
Inszeniert - wohl kaum, aber wieviel erdogan und seine leute darüber im voraus wussten und diesen für ihre eigene zwecke missbrauchten? Da bin ich sehr misstrauisch
695
Melden
Zum Kommentar
avatar
Hierundjetzt
16.07.2016 21:03registriert Mai 2015
Nicht mal 8h nach dem Putsch muss man allen erklären, dass dieser nicht von Erdogan inszeniert wurde. Auch ich hege da meine Zweifel.

Das sagt alles über die weltweite Wahrnehmung über die Türkei aus. Das schlimme ist aber, dass dies komplett selbstverschuldet ist. Das ist tragisch
478
Melden
Zum Kommentar
avatar
LeChef
16.07.2016 21:16registriert Januar 2016
Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das Ganze inszeniert war. Bin aber zu 99% sicher, dass die Regierung vorher vom Putsch wusste. Es wäre nämlich für die Putschisten ein Leichtes gewesen, einen unwissenden Erdogan in seinem Ferienresort zu verhaften. Ebenso andere Regierungsmitglieder. Das ist aber offensichtlich nicht passiert, ergo wussten sie bestimmt Bescheid. Vielleicht wiegten Erdogan-treue Militärs, Gendarmerie-Offiziere oder Geheimdienstler die Putschisten zuvor in Sicherheit und sicherten ihnen Unterstützung zu. Das würde erklären, warum sie ihre Chancen so falsch einschätzten.
385
Melden
Zum Kommentar
38
Dieser fragwürdige Gazprom-Tweet zu Nord Stream 2 lässt tief blicken
Die durch Explosionen verursachten Lecks an der Gaspipeline Nord Stream 2 sind noch nicht vollständig geschlossen, da lässt ein Tweet des russischen Konzerns Gazprom tief blicken.

Der russische Gaskonzern Gazprom wirft mit einem am Montag veröffentlichten Tweet Fragen auf.

Zur Story