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Warum der warme Winter in Europa ein harter Schlag für Putin ist

epa10392095 Russian President Vladimir Putin attends a meeting with the CEO of Promsvyazbank in Moscow, Russia, 06 January 2023. EPA/MIKHAEL KLIMENTYEV/SPUTNIK/KREMLIN / POOL
Wladimir Putin pokerte darauf, dass der Westen Russland aufgrund seiner Abhängigkeit vom Gas nicht stark sanktionieren würde. Bild: keystone

Putin hat sich verzockt: «Der warme Winter in Europa ist ein harter Schlag»

Putin hoffte, dass Europa im Winter der Strom ausgeht. Doch er hat sich verkalkuliert. Zwei Dozenten der Universität St.Gallen erklären, wie sich Putin geirrt hat.
12.01.2023, 05:2913.01.2023, 08:22
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Die Vorstellung, dass ein kalter Winter Europa in die Knie zwingen würde, ist weitverbreitet in Russland. So machte bereits im September in den sozialen Medien ein russisches Propagandavideo die Runde.

In der ersten Sequenz des Videos sieht man einen Mann in Gazprom-Uniform, der einen Gashahn abdreht. Kalter Nebel zieht über das Land, die Landschaften sind mit Schnee bedeckt. Das Video wird von einem Lied begleitet, welches bereits 2015 von der russischen Sängerin Warwara Wizbor veröffentlicht wurde. Zu Deutsch heisst das Lied: «Der Winter wird gross sein.»

Russisches Propagandavideo

Video: youtube/Багратионовск инфо

Volle Gasspeicher dank hoher Temperaturen

Bis dato blieb der kalte Winter in Europa aus. Russland scheint ein weiteres Mal falsch zu liegen, denn kein europäisches Land erwägt aufgrund eines «grossen Winters», die Sanktionierung Russlands zu beenden.

Christian Opitz
Christian Opitz leitet das Kompetenzzentrums Energy Management (ior/cf-HSG)Bild: zVg

Denn Europa hat aktuell – entgegen den Hoffnungen Putins – genug Gas. Dies bestätigt Christian Opitz, Leiter des Kompetenzzentrums Energy Management (ior/cf-HSG) der HSG. Er sagt, dass die Versorgungssicherheit in Nordeuropa trotz der Pipeline-Transporteinschränkungen stabil sei. Als Grund nennt er die gesteigerten Importe von Flüssiggas sowie eine Erhöhung der norwegischen Produktion zugunsten der europäischen Versorgung.

Er hält zudem fest: «Aufgrund der warmen Temperaturen können seit Ende Dezember die meisten europäischen Gasspeicher sogar wieder gefüllt werden; derzeit liegt der durchschnittliche Füllstand bei rund 83 Prozent.»

Putin lag schon oft falsch

Es ist nicht das erste Mal, dass Putin falsch gepokert hat: Der Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands, Ulrich Schmid, ist überzeugt, dass Putin schon vor Kriegsbeginn falsche Annahmen getroffen habe.

ulrich schmid
Seit April 2007 ist Ulrich Schmid Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen.Bild: zVg

Bereits Ende 2021, also noch vor Kriegsausbruch, sind die Gaspreise in ganz Europa gestiegen. Dies sei auf eine Mangellage zurückzuführen gewesen, erklärt der Professor. Russland habe den Gaspreis damals nicht selbst in die Höhe getrieben. Schmid präzisiert: «Gleichzeitig hat Russland aber auch nichts unternommen, um den Preis wieder zu senken.»

Die hohen Gaspreise hätten Russland natürlich in die Karten gespielt, deshalb habe Russland bewusst nichts gemacht, um den Preisen entgegenzuwirken: «Ein Teil von Putins Kalkül war, dass die Sanktionen sicher nicht so stark ausfallen würden, weil die Situation am Gasmarkt schon angespannt war. Das war aber nicht der Fall. Das war eine von vielen Fehlkalkulationen Putins», so Schmid.

Westen nicht erpressbar mit Gas

Wladimir Putin habe nicht nur den Widerstandswillen der ukrainischen Armee unter- und die Kampfkraft seiner eigenen Truppen überschätzt, sondern er habe auch nicht damit gerechnet, dass der Westen Russland so massiv sanktionieren würde, erklärt der Russland-Experte.

«Deutschland hat extrem schnell Sanktionen ergriffen im Gasbereich. Am 21. Februar, also noch vor dem offiziellen Beginn des Krieges, hat Deutschland das Zertifizierungsverfahren für Nord Stream 2 eingestellt, das war selbst für mich eine unerwartete Entwicklung», betont Schmid.

Der Professor konkretisiert, dass schon das ein Schlüsselmoment hätte sein müssen für den Präsidenten: «Putin hätte damals bereits merken müssen, dass der Westen nicht mit Gas erpressbar sein würde, wenn es zu einem kriegerischen Überfall der Ukraine kommt.»

Explosionen bei Nord Stream

Schmid führt einen weiteren Punkt auf, bei dem Putin falsch lag: die Auswirkung der Explosionen bei den Nord Stream-Pipelines im September. Der Experte hält fest, dass die Explosionen wahrscheinlich kein Sabotageakt Russlands gewesen seien.

Es gebe für Russland keinen Grund, diese Infrastruktur nachhaltig zu zerstören, weil die Energielieferungen in den Westen schon durch das Zudrehen des Gashahns gestoppt werden könnten, sagt Schmid.

FILE - In this picture provided by Swedish Coast Guard, a leak from Nord Stream 2 is seen, Wednesday, Sept. 28, 2022. Swedish investigators found traces of explosives at the Baltic Sea site where two  ...
So sah die Freisetzung des Gases beim Nord Stream 2 aus.Bild: keystone

Im Nachgang dieser Explosionen habe der russische Präsident an einem Energieforum in Moskau gesagt, dass Russland dem Westen wieder Gas liefern würde, wenn der Westen seine Sanktionen aufheben würde. Schmid hält fest: «Das war ein weiteres Wunschdenken.»

Doch damit nicht genug, jetzt machen die milden Temperaturen dem Kremlchef erneut einen Strich durch die Rechnung: «Der warme Winter in Europa ist ein harter Schlag für Putin», so Schmid.

Situation kann sich schnell zuspitzen

Trotz der hohen Temperaturen und voller Gasspeicher sollte man sich aber nicht in falscher Sicherheit wiegen, erklärt der Energie-Experte Opitz.

«Die vollen Gasspeicher und die milden Temperaturen sind eine Momentaufnahme, die Situation kann sich schnell wieder zuspitzen», hält er fest. Der HSG-Dozent fügt an, dass der jüngste Kälteeinbruch in den USA deutlich zeigen würde, dass sich auch in Europa die Situation sehr schnell wieder ändern könne.

Opitz betont, dass es immer – auch wenn keine akute Mangellage bestünde – ratsam sei, mit Strom und Gas sparsam umzugehen: «Alle Ressourcen, die wir jetzt nicht benötigen, können wir für einen späteren Zeitpunkt aufsparen.»

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99 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pat da Rat
12.01.2023 05:56registriert Mai 2022
Mr. Potato Head hat sich seit 11 Monaten verzockt, das ihm ausgeteilte Blatt wird immer schlechter und den bluff nimmt ihm keiner mehr ab. Jeder normale Mensch hätte seine Karten hingeworfen und wäre vom Tisch aufgestanden und gegangen um die Verluste zu begrenzen. Muss an der Länge des Tisches liegen an dem er sitzt; evtl sieht und hört er die anderen Spieler am Tisch nicht weil er zuweit weg sitzt und spielt daher nur noch Solitaire um den Eindruck zu erwecken, dass er immer noch bei den Grossen am Tisch sitzen darf, während das grosse "Spiel" längst ohne ihn weiterläuft.
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Beat_
12.01.2023 07:12registriert Dezember 2018
"...Bereits Ende 2021, also noch vor Kriegsausbeuch..." ist falsch. Der russische Krieg in der Ukraine begann im Februar 2014 mit der Annexion der Krim. Direkt nach den olympischen Winterspielen in Sotschi.
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outdoorch
12.01.2023 07:00registriert Dezember 2017
Eine der faszinierendsten und gleichzeitig erschreckendsten Eigenschaften des menschlichen Gehirns ist, dass es seinen eigenen Irrsinn nicht zu erkennen vermag.

Und dann krampfhaft nach Gründen sucht, das eigene Verhalten zu legitimisieren.

Man muss sich das mal versuchen, vorzustellen: Im eigenen Kopf manifestiert sich der Gedanke: „Ich wünsche mir, dass hunderte Millionen Europäer frieren.“

Ein völlig absurder Gedankengang für jeden halbwegs normal denkenden Menschen.
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