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Ukraine

Putin muss Wutrede von verbündetem Staatschef ertragen

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Der russische Präsident Wladimir Putin und die Staatsmänner Zentralasiens blicken nicht mehr ausschliesslich in dieselbe Richtung.Bild: keystone

«Wie Aussenseiter behandelt»: Putin muss Wutrede von verbündetem Staatschef ertragen

Die zentralasiatischen Länder sind historisch und geografisch eng mit Russland verbunden. Dennoch nimmt Wladimir Putins Einfluss in der Region ab. Die Gründe sind der Ukraine-Krieg, eigene Nachlässigkeit und China.
20.10.2022, 05:1920.10.2022, 12:35
Anne-Kathrin Hamilton / watson.de
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Russland ist isoliert, wie noch nie zuvor. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine hat das Land ins Abseits geschossen. Russland ist geschwächt und das spüren auch seine Verbündeten – vor allem die postsowjetischen Staaten Zentralasiens.

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Putin mit der Führungsriege der zentralasiatischen Länder.Bild: keystone

«Putin hat diese Region nie als einen Ort angesehen, den er in absehbarer Zeit verlieren könnte», sagt Zentralasien-Experte Temur Umarov im Gespräch mit watson. Der Politikwissenschaftler forscht an der Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden. Russland verliere zunehmend an Einfluss, Vertrauen und Respekt unter den zentralasiatischen Staatschefs.

Zentralasien-Experte Temur Umarov.
Zentralasien-Experte Temur Umarov.temur umarov/twitter

Einer von ihnen lehnt sich weit aus dem Fenster und traut sich, Putin öffentlich zu tadeln. Der Präsident von Tadschikistan, Emomalij Rahmon, erteilt Putin mit einer aufbrausenden und emotionalen Rede eine Lektion auf dem Gipfeltreffen in Astana.

Doch wie konnte es so weit kommen?

Der Krieg in der Ukraine hat die Dynamik verändert

Laut dem Experten Umarov hat sich die Stimmung seit dem Krieg in der Ukraine verändert. Dies bekam man ihm zufolge auch auf dem Gipfeltreffen zu spüren. Die zentralasiatischen Staatsmänner wirkten auf den Experten so, als distanzierten sie sich von Putin. Umarov nimmt an, dass sie nicht ausgelassen und freundlich neben Putin posieren wollten – schliesslich könnte das ihren Ruf in der internationalen Gemeinschaft ins Wanken bringen. Auf der anderen Seite geniessen sie die grosse Aufmerksamkeit, die sie nun von Putin erhalten.

Der Experte sagt dazu:

«Putins Interesse an Zentralasien war noch nie zuvor so gross gewesen. In den vergangenen sechs Monaten hat er die Region bereits dreimal bereist, dabei alle Länder bis auf Kirgisistan besucht.»

Die Länder Zentralasiens nehmen die Isolation und Schwäche Russlands als Chance wahr, um Ziele zu erreichen, die vor dem Krieg in der Ukraine unvorstellbar gewesen wären, meint Umarov. «Einige nutzen die Situation aus, um langsam von Russland abzudriften und es durch andere Verbündete zu ersetzen», sagt der Politikwissenschaftler. Andere wiederum stellen mutig höhere Forderungen an Russland – wie etwa der tadschikische Präsident Rahmon.

Rahmons Wutrede gegen den russischen Präsidenten

Rahmon gilt noch als der engste Verbündete Putins in der Region, umso überraschender waren seine Worte gegen den russischen Präsidenten. «Wir erwarten, dass ihr uns achtet», sagt er im strengen Ton und führt fort:

«Ich bitte Sie, die zentralasiatischen Länder nicht so zu behandeln, als wären sie die ehemalige Sowjetunion. Jedes Land hat seine eigenen Probleme, Traditionen.»
Russian President Vladimir Putin, left, and Tajikistan's President Emomali Rahmon arrive to attend the Shanghai Cooperation Organization (SCO) summit in Samarkand, Uzbekistan, Friday, Sept. 16, 2 ...
Putin mit dem tadschikischen Präsidenten Emomalij Rahmon: Dieser wählt in einer Rede ungewohnt fordernde Worte.Bild: keystone

Rahmon wendet sich direkt an Putin und sagt, Tadschikistan und andere Länder in der riesigen Region seien wie Aussenseiter behandelt worden. Er deutet an, dass die Region mehr Investitionen aus Moskau verdiene.

Putin wirkt sichtlich angespannt, während Rahmon ihm vor den Staatsmännern von Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan und Usbekistan eine Lektion erteilt.

Umarov zufolge darf diese Rede aber nicht falsch interpretiert werden. Er sehe sie nicht als Zeichen dafür, dass Putin Tadschikistan als engsten Verbündeten verliere. Rahmon verfolge ein anderes Kalkül.

Umarov sagt dazu:

«Es ist ein pragmatischer Versuch Rahmons, die Schwäche Russlands auszunutzen, um mehr Profit für sich herauszuschlagen. Sprich, mehr von Putin zu verlangen.»

Rahmon fühlt sich frei, Russlands Politik in Zentralasien öffentlich zu kritisieren. Laut Umarov hat er ein gutes Verhältnis zu Putin. Dazu ist Rahmon der letzte Staatsmann, der sein Land seit der Sowjetzeit führt. Deshalb fühlt er sich Umarov zufolge privilegiert, diese harschen Worte gegenüber Putin auszusprechen.

Tadschikistan will für seine Treue belohnt werden

Es geht um Geld und um Sicherheit. Umarov zufolge verlangt Rahmon mehr russische Investitionen in sein Land. «Ausserdem will er, dass sich Russland stärker für die Stabilisierung und Sicherheit Tadschikistans einsetzt», sagt der Experte. Dabei gehe es auch um die Absicherung der Grenze mit Afghanistan und Rahmons Sorge vor den Taliban.

«Zentralasien sieht Russland nicht als stabilen Partner an.»

Die russische «Militärbasis 201» in Tadschikistan ist laut Umarov nicht mehr so ausgestattet wie früher. Die Zahl der russischen Soldaten nehme drastisch ab. «Vor dem Krieg in der Ukraine seien dort 6000 Russen stationiert gewesen. Medienberichten zufolge hat sich die Anzahl halbiert», sagt er. Russlands Aufmerksamkeit liegt voll und ganz auf dem Krieg in der Ukraine.

Umarov sagt weiter:

«Rahmon versteht, dass das Ansehen der russischen Armee gesunken ist und damit das Sicherheitsversprechen Putins. Er fragt sich, ist Russland noch in der Lage, Tadschikistan im Notfall zu schützen?»

Russland habe Zentralasien nie in seiner Aussenpolitik priorisiert, gleichzeitig sei Putin nicht davon ausgegangen, dass diese Region eines Tages rebellieren würde. Putin war sich Umarov zufolge sicher, dass die Region Russland braucht. Aber das Blatt hat sich gewendet. «Zentralasien sieht Russland nicht als stabilen Partner an», meint Umarov. Rahmons Worten zufolge wünschen sie sich das gleiche Engagement, das Putin etwa in afrikanische Länder steckt.

Das russische Engagement in Afrika sei im Vergleich zu Zentralasien höher, sagt Umarov. Seiner Meinung nach besteht dort eine gute Gelegenheit für Russland, mit anderen Ländern um Einfluss und Ressourcen zu ringen. In Zentralasien habe Putin angenommen, dass Russland eine «alleinstehende Position» innehalte. Doch dann kam China.

China als neuer Partner Zentralasiens

China erkennt das Potenzial Zentralasiens und nutzt es. So soll etwa das chinesische «Gürtel-und-Strassen-Projekt» die zentralasiatischen Länder mit der Weltwirtschaft verbinden. Eine moderne «Seidenstrasse», um die ganze Welt wirtschaftlich zu verflechten, davon träumt der chinesische Präsident Xi Jinping.

Zentralasien profitiert – durch chinesische Investitionen. Dies stellt Umarov zufolge Russland in den Schatten. Das wiederum erfährt laut Umarov vor allem Kasachstan.

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Xi Jinping sieht Potenzial in Zentralasien und vergrössert seinen Einfluss mit Investitionen.Bild: keystone

Kasachstan ist das verloren gegangene Kind Russlands

Kasachstan versucht sich gemäss dem Experten von Russland zu lösen, wo immer es möglich ist. Dabei verlässt es sich auf die Unterstützung anderer Länder wie China. Der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew verkündete, dass er Russlands Krieg nicht unterstützt. «Das zeigt auch, dass er sich seiner Position als Präsident sicher sein muss. Sprich, dass er keine Aufstände wie im Januar erwarte», meint Umarov. Damals war Tokajew noch auf die Unterstützung Putins angewiesen, um die Lage zu stabilisieren. Doch jetzt ist alles anders.

Russland muss mehr in Zentralasien tun

Russland hat laut Umarov jahrzehntelang verpasst, Möglichkeiten zu nutzen, die Zentralasien bietet. Putin verstehe nun, dass er der Region mehr Aufmerksamkeit widmen muss, bevor sich diese postsowjetischen Länder zu proaktiven Partnern verwandeln. Die Rebellion Zentralasiens bedeute für Russland, dass es mehr Zeit, Energie und Ressourcen aufwenden muss, um seine Position in der Region zu sichern.

Russian President Vladimir Putin, right, and Kazakhstan's President Kassym-Jomart Tokayev shake hands prior to their talks on the sidelines of the St. Petersburg International Economic Forum in S ...
Trotz Händedruck: Kasachstan um Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterstützt Russlands Krieg in der Ukraine nicht.Bild: keystone

Umarov fasst zusammen:

«Putin wird versuchen, sein Image in Zentralasien zu verbessern. Dass Russland ein Land ist, das nicht nur Druck ausübt, sondern auch etwas zurückgibt.»
Zur Person
Temur Umarov ist Experte für die Innen- und Aussenpolitik der zentralasiatischen Länder an der Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden in Washington, D.C. Der gebürtige Usbeke untersucht zudem die Beziehungen von Russland und China zu den Ländern Zentralasiens. Umarov hat in Peking und Moskau studiert.
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44 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pat da Rat
20.10.2022 06:04registriert Mai 2022
Die an diesem Treffen anwesenden Staaten wenden sich also von einer korrupten Diktatur ab, um sich einer anderen korrupten Diktatur zuzuwenden; weil sich die Regierenden davon mehr Kohle in der eigenen Tasche erhoffen. Dieses Spiel machen diese Staaten schon seit dem Zerfall der Sowjetunion, teils aus Pragatismus, teils aus Geldgier der (oft hochkorrupten) Regierenden, teils aus Angst, dass sie zw. den grossen Mächten der Region zerrieben oder schlicht teilweise "annektiert" werden. Bottom line bleibt ein schaler Geschmack und der Eindruck, dass diese Staaten kaum verlässliche Partner sind.
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Chrisbe
20.10.2022 07:26registriert Oktober 2019
Putin sollte als das behandelt werden, was er ist.
Als Kriegsverbrecher!
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ingmarbergman
20.10.2022 06:58registriert August 2017
Bitte nicht selber übersetzen, wenn man nicht gut genug Englisch kann. „Gürtel-und-Strasse-Initiative“ ist mehr als holprig.
„Belt“ ist im gemeint als „Förderband“, auf dem Waren transportiert werden.
Wenn schon dann wäre es „Band-und-Strasse“, aber auch das klingt nicht wirklich rund. Manchmal lässt man etwas besser auf Englisch, solange sich keine Übersetzung durchgesetzt hat.
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