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Pete Buttigieg is joined by his husband Chasten Glezman before he announced that he will seek the Democratic presidential nomination during a rally in South Bend, Ind., Sunday, April 14, 2019. Buttigieg, 37, is serving his second term as the mayor of South Bend. (AP Photo/Michael Conroy)

Pete Buttigieg (l.) mit Ehemann Chasten Glezman bei der Ankündigung seiner Kandidatur im April 2019. Bild: AP/AP

Nicht ganz arm, sicher nicht reich: Besuch in Pete Buttigiegs South Bend

johann aeschlimann, south bend



«Schon mal dort gewesen?», fragte Buck. «In South Bend ist nichts – es ist eine Nichtsstadt.» Buck ist traveling salesman in Schmier- und Spezialölen, Rayon oberer Mittelwesten, und in 23 Jahren viel herumgekommen. Sein Wort zählt.

Man stand am Tresen in Nemo’s Bar, corktown Detroit, wo die Gentrifizierung sich bereits so festgekrallt hat, dass man um das Quartier fürchten muss. Das Tiger Stadium ist zu einer Edelwohnanlage rückgebaut, es gibt ein neues Hotel in der Gegend. Die Bar, wo Onkel Gil’s Porträt und jene der anderen Lions hingen, die Glanzepoche der Fünfziger Jahre, ist geschlossen. Aber Nemo’s steht noch. So standen wir an der Zapfsäule und redeten. Wie üblich zuerst vom Sport, das Elend mit den Spartans, die Dauermisere der Lions.

Pete Butterteig, Buttiger, Boot-Edge-Edge oder wie?

Video: watson/Lino Haltinner

Dann von der Politik. Da war die Rede von Pete Buttigieg, den Präsidentschaftskandidaten aus South Bend/Indiana, an welchem Punkt Buck sein Urteil über den Ort kundtat. Buttigieg war dort bis vor kurzem Bürgermeister und hat in den Vorwahlen einen Blitzstart hingelegt – Sieger in Iowa, Zweiter in New Hampshire, Dritter im fernen Nevada. In den Debatten schlägt er sich meisterlich, und er ist weit und breit der einzige Kandidat, der noch eine Lebenshälfte vor sich hat. «Die mögen ihn überhaupt nicht in South Bend», sagt Buck. «Keiner mag ihn.»

Hoffnung gegen Sanders

Das ist cum grano salis zu nehmen: Buck steht rechts und ist Trumpist, und er wittert Gefahr. Buttigieg könnte dem Caudillo im Weissen Haus gefährlich werden, weil er a) richtigen Militärdienst geleistet hat (Trump drückte sich wegen einem dubiosen Überbein am Fuss), b) kein Million- oder Milliardär und c) als Rhodes Scholar ein ausgewiesener Scharfdenker ist (Trump besuchte zwar die renommierte Wharton-Uni in Philadelphia, aber seine Leistungsausweise sind unter Verschluss). Er ist eine der grossen weissen Hoffnungen gegen den «Sozialisten» Bernard Sanders, der die Vorwahlen gewinnen wird, wenn die Nicht-Sozialisten in der Demokratischen Partei – es sind sehr, sehr viele – ihm nicht noch ein Bein stellen können. Und sei es mit dem schwulen jungen Mayor Pete, der auf dem politischen Standblatt nichts als seine Aktivdienstzeit (Afghanistan, keine gröberen Kampfeinsätze) und zwei Amtsperioden Stadtpräsidium von South Bend vorzuweisen hat.

«Nichts» in South Bend? Auf der Rückfahrt von Detroit nach Kansas auf der I-80 drängt sich ein Lokaltermin auf, der Umweg dauert nur ein Stündchen. Die Einfahrt auf der Portage Avenue ist, wie sie eben ist in den amerikanischen Mittelstädten. Ein paar Fast-Food-Schuppen, etwas Gewerbe, schäbige Häuschen mit Gerümpel auf der Veranda, die Strasse löchrig. Ungewöhnlich ein grosses Schild am Strassenrand: Right to End Life. Das Recht auf Abtreibung. In dieser Gegend eine Seltenheit. Normalerweise wird der Reisende mit christlichen Erbaulichkeiten und Right to Life bombardiert.

Weiter stadteinwärts zur Main Street. Hier gibt es neuere Bauten, höhere Bürogebäude, ein klotziges Arts Center, ein massives Gerichts- und Verwaltungsgebäude. Es fehlt jedes Zeichen grösserer Betriebsamkeit. An der Ecke West Colfax ist eine leere Hauswand mit einem grossen Mural bemalt: South Bend for Pete 2020. Dahinter findet sich die Madison Oyster Bar. Parkieren ist problemlos, und die Investition von zehn Dollar in ein Bier und ein Plättli mozzarella sticks (man ist in der Tat weg von der Grosstadt) ermöglicht eine erste Verifikation von Bucks Behauptung.

South Bend Pete Buttigieg

Hauswand mit Mural für Mayor Pete. Bild: Johann Aeschlimann

Ich bin auf der Durchreise und habe in Detroit gehört, dass Pete Buttigieg hier sehr unbeliebt ist. Stimmt das?
Frau im guten Alter:
Nein, wir mögen ihn. Aber wir sind in einem konservativen Staat. Das gilt nicht für alle. Mein Mann steht auf der anderen Seite.
Junge Frau mit Lippenringen: Wir haben ihn gern. Er kommt oft hierher, man kann mit ihm reden.

Gewaltige Gewöhnlichkeit

Buck hat unrecht. «Niemand» ist übertrieben. Zumindest zwei Einheimische mögen Herrn B. Aber Buck hat auch ein bisschen Recht. South Bend stellt wahrhaftig nicht viel dar. Eine gewaltige Gewöhnlichkeit scheint diese Ortschaft abseits von Metropole und Hauptstadt (zwei Stunden von Chicago, drei von Indianapolis) auszumachen. Es fehlt jeder Hauch von Kleinstadtromantik, es fehlt auch jedes Anzeichen einer «Wo-das-Leben-noch-in-Ordnung-ist»-Inszenierung. Kein Ramschladen, der als ye olde shoppe firmiert. Das South Bend, das sich im kurzen Abstecher präsentiert, kommt so daher wie Mayor Pete: Unauffällig, unprätentiös, nicht ganz arm, aber sicher nicht reich, ohne natürliche Schönheiten. Ein Mittelmass.

Der Ort ist zwar mit 100’000 Einwohner so gross wie Bern, aber für amerikanische Verhältnisse ist das klein. Kein Bern, sondern eher ein Olten oder ein Langenthal. Früher wurden hier die Studebaker-Automobile gebaut, es gäbe ein Museum zu besichtigen (keine Zeit, leider) auf dem Fabrikgelände soll ein industrial park entstehen. Der grosse Arbeitgeber ist das Gesundheitswesen. Und die riesige katholische University of Notre Dame ein paar Kilometer weiter nördlich.

Das Eliteargument

Warum sollte ein Präsident hier keinen politischen Schliff erwerben können? Wenn nicht den letzten, so doch den Rohschliff? Buttigiegs Gegner, gerade auch diejenigen in der eigenen Partei, machen das Eliteargument: zu wenig Erfahrung, zu wenig Ahnung von den grossen Zusammenhängen, nie den Duft der grossen weiten Welt geschnuppert. Im politischen Amerika meint das die Ausdünstungen von Washington und der daran angeschlossenen Zirkel aus think tanks, Universitäten, Anwaltskanzleien und Lobbygruppen. Einem grossen Teil der Wählerschaft stösst das unangenehm auf. Der Weg zur Präsidentschaft ist mit den Wracks unzähliger «erfahrener» Kandidaturen gesäumt, die letzten Schiffbrüche gab es vor vier Jahren.

South Bend Indiana

South Bend ist eine ziemlich gewöhnliche Stadt. Bild: Shutterstock

Die Strasse stadtauswärts Richtung Westen führt an ein paar älteren Herrschaftshäusern vorbei und dann wiederum durch ein eher schäbiges Quartier. Auf ein imposantes Hells’ Angels-Lokal folgt die Ruine eines Veterans of Foreign Wars-Postens. Die Geschäfte sind hier spanisch angeschrieben. Peluquerias und talleres. Es sind keine Pete 2020-Plakate zu sehen.

Ein Macron mit mehr Gespür

Aus seiner Zeit als Bürgermeister wisse er aus erster Hand, was es mit der «Integration» von Einwanderern, mit der medizinischen Versorgung oder mit der Finanzierung von Volksschulen auf sich habe, pflegt Buttigieg zu sagen. Und er habe in South Bend einiges erreicht. In Nevada schnitt er bei den Latinos – eine Minderheit von wachsendem Gewicht – weit besser ab als die Konkurrenz hinter Sanders und dem ebenfalls auf die 80 Jahre zugehenden Joe Biden. Falls in den kommenden Monaten die Idee Fuss fasst, dem alternden Despoten im Weissen Haus etwas Jüngeres entgegenzuhalten, ist Mayor Pete schon bald die erste Wahl. Ein Emmanuel Macron für Amerika, zweite gespürigere Auflage. Unwahrscheinlich, dass ein Präsident Buttigieg als erstes die Besteuerung der grossen Vermögen abschafft und dann den Leuten auf dem Land den Benzinpreis hinaufsetzt.

Warum sollte einer, der sein Handwerk in einer Stadt wie South Bend gelernt hat, nicht auch Präsident der Vereinigten Staaten sein können? All politics is local, sagte Tip O’Neil, einst der demokratische Gegenspieler von Ronald Reagan im US-Kongress.

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20Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bowell 01.03.2020 12:09
    Highlight Highlight Versteht mich nicht falsch, aber gegen Trump kann nur ein weisser Hetero gewinnen. Auch wenn ichs mir persönlich anders wünschen würde, alle anderen Kandidat/innen sind leider schon von Anfang an zum scheitern verurteilt.
  • Trollerix 29.02.2020 17:50
    Highlight Highlight Ein interessanter, gut geschriebener Artikel. Ich denke, dass Buudetschetsch eine gute Wahl wäre für die USA.
  • blueberry muffin 29.02.2020 15:14
    Highlight Highlight Der bessere Kandidat.
  • blueberry muffin 29.02.2020 14:20
    Highlight Highlight Auch: Buttigieg hat 1 in 100 Chance am meisten Delegates zu bekommen - siehe:
    https://projects.fivethirtyeight.com/2020-primary-forecast/

    Bernie Sanders ist der klare Frontrunners - er pollt seit 2016 am besten gegen Trump, besser als Hillary, besser als Biden und viel besser als alle Presse Kandidaten.
    • Amadeus 29.02.2020 15:46
      Highlight Highlight @Blueberry Muffin
      Die wichtigere Frage is aber, wer in den swing states gegen Trump gewinnen kann. (Die national polls sind weniger wichtig). Und da siehts gemäss Quinnipiac und YouGov polls momentan besser aus für Biden.
  • blueberry muffin 29.02.2020 14:15
    Highlight Highlight Nur Schade das kein Schwarzer Buttie waehlt. Und kein Linker.

    Wenn "rechts" sein helfen wuerde, haette Hillary gewonnen..
    • Juliet Bravo 29.02.2020 15:57
      Highlight Highlight Hillarys Programm war linker als zb. Obamas.
  • Skeptischer Optimist 29.02.2020 14:13
    Highlight Highlight Buttigieg wird weder Kandidat noch Präsident. Es wäre auch nicht gut. Die Clintons, Blairs, Schrökels und Macrons haben ihre Chance gehabt und nicht genutzt.
  • vingt-cinq zero deux 29.02.2020 13:06
    Highlight Highlight „...eher ein Olten..“

    😂😂😂
  • Basti Spiesser 29.02.2020 12:48
    Highlight Highlight Ein Obama Abklatsch
    Play Icon
    • Miicha 29.02.2020 17:26
      Highlight Highlight Gibt schlimmeres als wie Obama zu sein oder?
    • Wiedergabe 29.02.2020 22:42
      Highlight Highlight Ein zweiter Obama?
      Würde der USA mit dem Vollpfosten und der Welt mit Rechtsnationalisten SEHR gut tun!
  • HabbyHab 29.02.2020 11:24
    Highlight Highlight Da hätte wohl mit Dunkelhäutigen geredet werden sollen. Die hätten schön was zu MayoPete zu sagen. Größtenteils sehr negative Dinge.
    Außerdem, er wird von vielen Milliardären/Millionären unterstützt.
    • Raffig 29.02.2020 12:04
      Highlight Highlight Das stimmt überhaupt nicht! Es scheint mir, dass du den 80 Jährigen Sanders unterstützt.., denn seine Anhänger sprechen von Mayopete. Bist du nicht alt genug, um den richtigen Namen zu verwenden? Die überwiegende Mehrheit der Schwarzen in South Bend unterstützen Pete. Ist auf google leicht zu finden. Zudem hat er die Armutsquote deutlich gesenkt.
    • Miicha 29.02.2020 13:22
      Highlight Highlight Und wie lange lebst du als schwarzer schon in South Bend?
    • jive 29.02.2020 13:26
      Highlight Highlight Kannst du das ausführen? Würde mich interessieren🤔
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