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Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden waves to media as he leaves St. Joseph On the Brandywine Catholic Church after attending Mass in Wilmington, Del., Sunday Sept. 6, 2020. (AP Photo/Carolyn Kaster)
Joe Biden

Gefolgt von einem Secret-Service-Agenten verlässt Joe Biden eine Kirche in Wilmington, in der er an einem Gottesdienst teilgenommen hatte. Bild: keystone

Hier kennt jeder Joe

In Wilmington, einer Kleinstadt an der Ostküste, wohnt Joe Biden. Die Chancen stehen gut, dass man dem Konkurrent von Donald Trump zufällig über den Weg läuft.

Renzo Ruf aus Wilmington / ch media



Für einen Mann, der sich angeblich die Zerstörung der idyllischen amerikanischen Vorstädte auf die Fahne geschrieben hat, wohnt Joseph Biden in einem höchst feudalen Anwesen. Zwar lässt sich von der Barley Mill Road, einer schmucken Quartierstrasse ausserhalb von Wilmington (Delaware), kein Blick auf die 1998 erstellte Millionen-Villa des Präsidentschaftskandidaten erhaschen – beim Gästehaus am Eingang sind Sicherheitskräfte des Secret Service positioniert.

Aber Biden wäre nicht Biden, wenn er in der Vergangenheit nicht oft und gerne über seine geradezu innige Beziehung zu den zahlreichen Häusern gesprochen hätte, die er während seines langen Lebens besass. Und wie er an jedes Detail gedacht habe, vom Wintergarten bis zu den Büschen im Vorgarten.

«Schon als Kind in der High School wurde ich von Immobilien verführt», schrieb Biden in seiner Autobiografie, die 2007 publiziert wurde. Seine Schwester Valerie sagte einst: Hätte Joe es als Politiker nicht geschafft, dann wäre er wohl Architekt oder Landschaftsgärtner geworden. (Heute besitzt der Demokrat offiziell zwei Grundstücke: die Villa in Greenville und ein Strandhaus in Rehoboth Beach, Delaware.)

Jede und jeder ist ihm schon einmal begegnet

So abgeschirmt Biden zusammen mit seiner Gattin Jill auch leben mag. Bis zum Ausbruch der Coronapandemie war der langjährige Senator und Ex-Vizepräsident an seinem Wohnort ständig präsent. Fast jeder Bewohner der Kleinstadt – Wilmington hat bloss etwas mehr als 70000 Einwohnerinnen und Einwohner – kann eine Geschichte über eine mehr oder weniger zufällige Begegnung mit «Joe» erzählen.

Eine Frau sagt, sie sei Biden auf dem Parkplatz eines Möbelgeschäftes begegnet, als sie versucht habe, einen sperrigen Einrichtungsgegenstand in ihr Auto zu schieben. Natürlich habe er ihr seine Hilfe angeboten, sagt sie und lacht. Ein Mann erzählt, wie Biden sich in einer lokalen Imbisskette mit dem Namen «Pure­Bread Deli» mit einem Sandwich eingedeckt habe. Und wie er sich darüber gewundert habe, wie stark der 77-Jährige gealtert sei.

In Delaware kursiert zudem die folgende Anekdote: Nach einem Gedenkgottesdienst sagt der eine Mann zum andern, er habe in der Kirche einen Trauernden gesehen, der ausgesehen habe wie Joe Biden. Der andere Mann antwortet: «Das war Joe ­Biden.» In einem kleinen Staat wie ­Delaware (Einwohnerzahl: 974000), in dem die Formulierung «jeder kennt jeden» wortwörtlich zu nehmen ist, gehört es zu den Pflichten eines Politikers, ständig in der Öffentlichkeit präsent zu sein.

Hinzu kommt, dass Biden den Kontakt mit den Wählerinnen und Wählern liebt, seien diese Besitzer eines Pizza-Restaurants oder Feuerwehrleute. «So ist Joe eben», sagt Jules Witcover, Journalismus-Urgestein und Verfasser der einzigen kritischen Biografie des Präsidentschaftskandidaten.

Und natürlich muss sich ein Politiker auch stets dafür einsetzen, dass er nicht in Vergessenheit gerät. Biden ist in dieser Kunst ein wahrer Meister. So wurde der Bahnhof von Wilmington im Jahr 2011 nach ihm benannt – eine gute Gelegenheit, um die Wählerinnen und Wähler daran zu erinnern, dass «Amtrak Joe», wie Biden scherzhaft genannt wird, ein leidenschaftlicher Zugfahrer war. Als Senator pendelte er mehr als 7000 Mal von Wilmington nach Washington und zurück.

Das Schwimmbad und der Bahnhof heissen Biden

Auch trägt ein Schwimmbad in der Kleinstadt den Namen Bidens. Das Joseph R. Biden Jr. Aquatic Center erinnert daran, dass Joe in jungen Jahren einen kleinen Beitrag zur Überwindung der Trennung zwischen Weissen und Schwarzen leis­tete – in dem er sich als Rettungsschwimmer in einem Schwimmbad meldete, das vor allem von Afroamerikanern besucht wurde.

Biden hat auch Kritiker, selbst in Wilmington. So sagt ein Repu­blikaner, der vor Jahren als Amtrak-Kondukteur tätig war und sich heute um die Nomination zum Kandidaten für das nationale Repräsentantenhaus bemüht: Biden sei zwar ein anständiger Mann, er befinde sich aber unter der Knute des linksradikalen Flügels der Demokraten.

Wer schärfere Töne hören will, der muss den Kritikern ­Anonymität gewähren. Dann sagen sie, Biden habe nur deshalb politisch überlebt, weil der Ostküsten-Staat klein sei und Biden den «Delaware Way» beherrsche, wie das hier genannt wird: die Kunst, den politischen Gegner nicht zu stark vor den Kopf zu stossen, um die eigene Karriere nicht zu gefährden. Denn in Delaware, wie so oft, wenn sich die grosse Politik auf einer kleinen Bühne abspielt, spielen sich Demokraten und Republikaner in die Hände. Davon hat letztlich auch Wilmington profitiert.

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22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Dory. 13.09.2020 17:01
    Highlight Highlight Kritik gegenüber Biden heisst nicht automatisch pro Trump, ganz im Gegenteil.
    (Armutszeugnis das ich dies überhaupt erwähnen muss, aber vieleicht lässt ja Watson so meine Kommentärchen ausnahmsweise durch...)
    Aus der Serie, 'der nette Kriegsverbrecher von nebenan':
    Play Icon
  • Dirk Leinher 13.09.2020 13:05
    Highlight Highlight Die "Beliebtheit" der Demokraten in Pennsylvania ist auch sehr interessant. Das "pennsylvania secretary of state" meldet 91% weniger registrierte demokratische Wähler, während die registrierten repuplikanischen Wähler um 75% und die unabhängigen 42% zulegten.
    Benutzer Bild
  • Dirk Leinher 13.09.2020 08:11
    Highlight Highlight Idyllisch wirklich, man fragt sich weshalb es die tausenden bezahlten Influencer braucht, wenn Biden so beliebt ist.
  • Locutus70 13.09.2020 01:24
    Highlight Highlight Man könnte grad denken die SchweizerInnen dürften bei den US-Wahlen mitwählen, so ein Zirkus wird draus gemacht ^^
  • Murky 13.09.2020 00:15
    Highlight Highlight Hört mal... wir müssen ihn nicht wählen. Da brauchts also auch keine solchen Wahlkampf Homestorys. Findi.
    • Dirk Leinher 13.09.2020 08:19
      Highlight Highlight Es geht hier nicht um den Wahlkampf im eigentlichen Sinn, sondern um die Indoktrination einer Vorstellung, dass sollte Trump gewählt werden, alle sofort damit übereinstimmen, dass da was faul sein muss, wo Biden doch so beliebt ist. Das muss weltweit im Voraus so etabliert sein, da gemäss Hillary Clinton, "mit ALLEN Mitteln", also nicht nur legalen, eine Wiederwahl Trumps verhindert werden muss.
    • Murky 13.09.2020 15:50
      Highlight Highlight Na gut, solches Geschwurbel ist dann auch nicht nötig, danke.
    • Dirk Leinher 13.09.2020 18:32
      Highlight Highlight Nenne etwas Geschwurbel! = Eingeständnis dass man nicht sachlich diskutieren will.
  • Noblesse 12.09.2020 23:16
    Highlight Highlight Mit Biden würde dieses "Dubel-Theater" endlich ein Ende finden. Lieber einer, der hie und da "stagelät" als einer, der lügt, wenn er "good morning" sagt!
    • Grohenloh 13.09.2020 11:23
      Highlight Highlight Double! Meinen Sie er hat ein Double?
      Oder Tubel im Sinn von Idiot?
    • Noblesse 13.09.2020 14:44
      Highlight Highlight Oje ja ja Tubel im Sinne von Idiot!!!
  • HartinderHard 12.09.2020 22:35
    Highlight Highlight Beste Bildauswahl, Joe Biden auf dem Friedhof, "Hier kennt jeder Joe" 🤣
    • ikbcse 12.09.2020 23:02
      Highlight Highlight Ist ja auch klar in seinem Alter.
    • Butschina 13.09.2020 04:36
      Highlight Highlight Das ist wohl der watsonsche schwarze Humor
    • Herman Munster 13.09.2020 11:07
      Highlight Highlight Bei Trump's Corona Bewältigung wäre der Text, Trump hat alle hierher gebracht!
  • Gigi,Gigi 12.09.2020 22:28
    Highlight Highlight Die Karte zeigt Wilmington in North Carolina! Joe wohnt aber in Wilmington Delaware gleich südlich von Philadelphia.
  • TrumpWarBroom_1291 12.09.2020 22:16
    Highlight Highlight Bild: Friedhof

    Text: Hier kennt jeder Joe

  • TanookiStormtrooper 12.09.2020 22:08
    Highlight Highlight "Biden sei zwar ein anständiger Mann, er befinde sich aber unter der Knute des linksradikalen Flügels der Demokraten."
    Dieses Narrativ scheinen die Republikaner jetzt zu benutzen. Biden = Kommunismus
    Frei nach Goebbels: "Man muss eine Lüge nur oft genug wiederholen damit sie wahr wird."
    • Dirk Leinher 13.09.2020 20:52
      Highlight Highlight Oder eventuell auch umgekehrt, gib mal antifa.com ein.
  • Democracy Now 12.09.2020 21:57
    Highlight Highlight "er befinde sich aber unter der Knute des linksradikalen Flügels der Demokraten."

    Wäre schön wenn dies stimmen würde (abgesehen davon, dass es keinen radikalen Flügel bei den Democrats gibt). Leider ist er aber ein corporate democrat, wie er im Buche steht...

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  • An Walser 12.09.2020 21:50
    Highlight Highlight Hoffentlich war der Autor tatsächlich in Wilmington DE (Delaware) und nicht wie auf der Karte eingezeichnet in Wilmington NC (North Carolina) und hat dort irgendwelche Leute zu ihrem Nachbarn "Joe" befragt...
  • Scott 12.09.2020 21:30
    Highlight Highlight Titel: "Hier kennt jeder Joe"
    1. Foto: Joe läuft über einen Friedhof

    😂😂😂

    So lustig!

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