Darum schätzt Trump Wladimir Putin – und darum verhöhnt er Karin Keller-Sutter
Bei Trump scheint sein Handeln oft wenig Sinn zu ergeben. Oder gar keinen. Oder es wirkt wirr, wie die Launen eines eitlen, alten Mannes, der vielleicht nicht mehr ganz richtig im Kopf ist. Es ist scheinbar wie bei Shakespeare «voller Lärm und Wut, die Geschichte eines Idioten, die nichts bedeutet».
So hat Trump etwa Bundesrätin Karin Keller-Sutter am World Economic Forum (WEF) verhöhnt. «Sehr repetitiv» sei «die Frau» gewesen, die ihn am Telefon dazu bringen wollte, die US-Zölle zu senken. «Nein, nein, nein, das können Sie nicht tun», habe sie wieder und wieder gesagt. «Sie hat mich einfach genervt.» Also habe er die Zölle noch weiter erhöht.
WEF: Trump kritisiert Karin Keller-Sutter
Damit hat Trump zugegeben, dass die USA ihre Zölle beliebig heben und senken, je nach Gemütszustand des Präsidenten. Er hat damit sogar vor aller Welt geprahlt. Und er hat obendrein eine Schweizer Bundesrätin verspottet – während er Gast der Schweiz war. Was hat er davon? Was haben die USA davon? Es wirkt widersinnig. Trump, der Unerklärliche.
In Wahrheit agiert Trump jedoch nicht wirr. Er hält sich lediglich nicht an die Logik der liberalen Weltordnung. Er folgt einer jahrhundertealten Logik, welche die geschichtsvergessene westliche Welt nicht mehr erkennt.
«Neo-Royalismus» sei das, sagen die US-Politikwissenschaftler Stacy Goddard und Abraham Newman in einem vielbeachteten Essay. In dieser von Trump angestrebten Weltordnung dominieren hyperelitäre Clans, Cliquen oder Dynastien. Wie die Tudors, Medicis oder Habsburger. Organisiert sind sie um Überfiguren herum, «die für sich uneingeschränkte Herrschaftsgewalt beanspruchen.» King Donald.
In diesem Royalismus dreht sich für Trump alles um ihn selbst, seine Macht, sein Reichtum. Die Souveränität anderer Länder respektiert er nicht, er mischt sich ein und bricht frühere Vereinbarungen. Gleichwertig sind für ihn nur andere grosse Cliquen. Der Rest ist «ungleich und verdient keine Anerkennung».
Mit diesem Erkläransatz ist Trump nicht mehr widersprüchlich, dumm oder gar dement. Nicht mehr unerklärlich. Aber umso gefährlicher für Demokratien.
Der royale Trump wählte für seinen ersten Staatsbesuch nicht das demokratisch regierte Europa aus wie es vor ihm Tradition war. Er reiste zu den dynastischen Herrschern im Nahen Osten. Nach Katar. Nach Saudi-Arabien. Von diesen echten Monarchen, Königen oder Prinzen wurde Trump laut Experten behandelt «wie ein König», Flugzeug-Geschenk und mobile McDonald's-Filiale inklusive.
Trump hat eine vermeintlich unerklärliche Schwäche für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Tatsächlich ist Putin für ihn wie das Oberhaupt einer rivalisierenden, aber gleichgestellten Clique.
Denn Putin spricht zwar davon, die Sowjetunion zurückbringen zu wollen. Aber in Russland hat er ein System der Bereicherung errichtet, das ihn zum wahrscheinlich reichsten Mann der Welt macht. Somit ist er für Trump ein Verbündeter. Beide wollen Macht für den eigenen Clan. Beide wollen die liberale Ordnung weghaben.
Royaler Trump beschimpft die EU als «Feind» und «Betrug»
Deshalb spricht Trump so scheinbar seltsam über die Verhandlungen zur Ukraine zwischen den USA und Russland – über die Köpfe der Ukrainer und Europäer hinweg: «Ich glaube, Putin will für mich einen Deal machen.» Für Trump ist es ein Geschäft zwischen zwei ebenbürtigen Clans.
Die EU ist hingegen eine Gegenordnung zu Trumps Royalismus. Gleiche Regeln für alle. Gleiche Rechte für alle. Deshalb ist sie ein Gegner im Kampf der Weltordnungen: Liberal versus Royal. Entsprechend muss Trump die EU schlecht machen und ihre politischen Vertreter verhöhnen.
Trump hat die EU schon als «Feind» und «Betrug» bezeichnet. Sein Vizepräsident JD Vance die Europäer «erbärmlich» genannt. Am WEF ätzte Trump: «Es ist schrecklich, was sich die Europäer selbst antun. Sie zerstören sich selbst, diese wunderschönen Orte.»
Die Vertreter der EU gehören in der Regel nicht royalen Cliquen an, weshalb Trump sie ohnehin nicht ernst nimmt und gerne verhöhnt. Trump sendet damit zudem ein Signal an Politiker in aller Welt aus: Ihr internationaler Status hängt nicht von ihrem Amt ab. Entscheidend ist ihre Beziehung zu ihm und seiner Clique.
Keller-Sutter hatte offensichtlich keine besondere Beziehung zur Trump-Clique und gehörte auch nicht einer rivalisierenden Clique an. Als eine solche hätte Trump sie vielleicht anerkannt. So aber war sie für ihn wie alle anderen demokratisch gewählten Politiker «ungleich und verdiente keine Anerkennung».
Nato-Chef Mark Rutte hingegen steht anscheinend hoch in der Gunst von Trump. Unter anderem hat er sich diesen Status mit überschwänglichen Schmeicheleien erworben. In seiner royalen Weltordnung spricht Trump darum mit Rutte über Grönland, verkündet dann erst ein «Gerüst für einen künftigen Deal» und später: «Wir bekommen alles, was wir wollen.»
Schweizer Ressourcen zu Trump umgeleitet
In einer liberalen Weltordnung müsste Trump mit der dänischen Premierministerin sprechen. Sie müsste nicht klarstellen, wie sie es getan hat, dass Rutte kein Mandat hat, um für Dänemark zu verhandeln. Und der Regierungschef von Grönland müsste dem «Wall Street Journal» nicht sagen: «Ich weiss nicht, was in dem Deal über mein Land steht, über den in Gesprächen verhandelt wurde, an denen ich nicht teilgenommen habe.»
Die Schweiz hat Trumps neuen Royalismus vor allem im Zollstreit zu spüren bekommen. Die Zölle waren irrwitzig. Sie trafen auch eine menschenleere Pinguin-Insel, waren nach einer idiotischen Methode berechnet und brachen wahrscheinlich frühere Handelsabkommen der USA.
Doch für King Trump waren sie nur konsequent. Er knallte sie hin, die Welt musste damit leben. Er bekam Zugeständnisse, die Welt bloss wieder tiefere Zölle. Es ging nicht darum, den Welthandel gerechter zu machen. Nicht einmal darum, einen Vorteil für die USA herauszuholen.
«Der Handelskrieg ist ein auf willkürlichen Entscheiden basierendes Regime, das darauf abzielt, maximalen Reichtum für die Clique zu erzielen», so die Politikwissenschaftler. Seit Beginn seiner Wiederwahlkampagne habe sich sein Vermögen und das seiner Familie auf 5 Milliarden Dollar verdoppelt.
Der Schweiz drohten US-Zölle von über 30 Prozent. Die damalige Bundespräsidentin Keller-Sutter versuchte, Trump zu einer Senkung zu bewegen, verärgerte ihn aber, plötzlich waren es 39 Prozent. Es besserte erst nach einem mittlerweile berühmten Treffen im Weissen Haus: Trump empfing eine Gruppe von Schweizer Unternehmern. Auf Anfrage von CH Media sagt Politikwissenschaftler Newman, wie er diese Ereignisse deutet.
«Die Schweizer Unternehmen beugten sich der neo-royalistischen Logik und lieferten, nämlich Goldbarren und Rolex-Uhren.» Man kenne zwar den vollen Umfang der gemachten Versprechen nicht, aber die Schweizer Firmen hätten Investitionen in Höhe von rund 200 Milliarden Dollar zugesagt. «Letztlich wurden Drohungen eingesetzt, um Ressourcen in die Hände der US-Regierung umzuleiten.» Sprich, in die Hände von Trump.
