International
USA

Wie die Trump-Regierung diesen französischen Richter mobbt

Der europäische Richter Nicolas Guillou steht auf der US-Sanktionsliste – und wird deshalb von US-Techkonzernen und Banken blockiert.
Der europäische Richter Nicolas Guillou steht auf der US-Sanktionsliste und wird deshalb von US-Techkonzernen und Banken blockiert.Bild: watson / imago-images.de

Wie die Trump-Regierung diesen französischen Richter mobbt

Immer mehr hochrangige Europäer werden von der US-Regierung mit Sanktionen belegt. Einer von ihnen ist der französische Richter Nicolas Guillou. Er bekommt die Folgen am eigenen Leib zu spüren.
26.12.2025, 22:4029.12.2025, 14:01
Stefan Brändle, Paris / ch media

Nicolas Guillou spricht schnell, sein Englisch ist akzentfrei. Seit einem Jahr arbeitet der Franzose am Internationalen Strafgerichtshof (ISG), der in Den Haag (Niederlande) Kriegsverbrechen verfolgt. Zuvor war der 50-jährige Völkerrechtler für Sondertribunale in Kosovo und Libanon tätig. 2023 erliessen Guillou und andere ISG-Spitzen einen Haftbefehl gegen Wladimir Putin, weil er ukrainische Kinder nach Russland deportieren liess – ein klares Menschheitsverbrechen laut UNO-Charta.

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Foto: Peter Dejong/AP/dpa
Nicolas Guillou arbeitet am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.Bild: sda

Das Verfahren gegen Putin überraschte niemanden. Zum Eklat kam es erst im November 2024, als der ISG auch den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu und seinen Verteidigungsminister Yoav Gallant wegen mutmasslichen Genozids zur Fahndung ausschrieb. Die USA als Schutzmacht Israels machten auf Weisung von Präsident Donald Trump sofort gegen das Gremium in Den Haag mobil. Neun Richter und drei Staatsanwälte wurden zudem mit persönlichen Sanktionen belegt. Unter ihnen ist auch Guillou.

In seinem bisher einzigen Interview mit der Pariser Zeitung «Le Monde» erzählte er, dass er für amerikanische Bürger und Unternehmen ab sofort eine Unperson ist. Jeder Kontakt mit ihm ist verboten. Dienstleister wie Amazon, Airbnb oder Paypal stehen ihm nicht mehr offen. «Ich nahm zum Beispiel über Expedia eine Hotelreservation in Frankreich vor. Einige Stunden später erhielt ich eine Email mit dem Hinweis, das sei wegen der Sanktionen nicht möglich», berichtete er.

«Von einem Tag auf den anderen steht man ohne Zahlungsmittel da.»
Nicolas Guillou

Sogar eine französische Bank mit Beziehungen in die USA hat Guillous Konten geschlossen. Die drei grossen – amerikanischen – Kreditkarten Visa, American Express oder Mastercard stehen nicht mehr offen – für einen international tätigen Magristraten eine Katastrophe.

«Von einem Tag auf den anderen steht man ohne Zahlungsmittel da», erklärte Guillou, der für die US-Justiz nun gleich geächtet ist wie 15 000 Terroristen, Bandenchefs oder Mafiapaten auf der Sanktionenliste Washingtons. «Die US-Firmen werden eingesetzt, um die getroffenen Personen einzuschüchtern und zu entmutigen», glaubt der angesehene Völkerrechtler.

Das ISG ist zwar seit seiner Schaffung 1998 an politischen Druck gewöhnt. Als es zuerst afrikanische Potentaten verurteilte, warf man ihm eine «koloniale Sicht» vor. Heute steht es unter Beschuss durch die Grossmächte wie die USA, die den Gründungsakt durch US-Präsident Bill Clinton unterzeichnet hatten. Ratifiziert haben ihn aber weder Washington noch Moskau.

FILE - In this Dec. 19, 1998, file photo, President Bill Clinton looks on as Vice President Gore addresses members of congress outside the Oval Office after the House of Representatives voted to impea ...
Der damalige US-Präsident unterzeichnete 1998 den Gründungsakt des ISG.Bild: AP

Richter entfernen Windows

Die Supermächte verhindern mit ihrem Veto zwar ISG-Ermittlungen auf ihrem Boden oder bei Verbündeten wie Israel. Putin wurde allerdings via Ukraine beschuldigt, Netanyahu via Palästina – ein völkerrechtlicher Kunstgriff. Unterstützt wird er von Menschenrechtsorganisationen.

Amnesty International verlangt, dass das ISG Trump und Putin viel härter «in den Weg tritt»: Die EU solle ihren bestehendes Retorsions-Gesetz gegen US-Sanktionen aktivieren. Dieser Mechanismus ist allerdings nur symbolisch; er besteht einzig darin, dass die EU den USA keine Rechtshilfe leistet, wenn Washington europäische Firmen abstraft, die etwa mit Ländern wie Kuba oder Iran Geschäfte treiben.

Brüsseler Diplomaten warnen vor der Aktivierung des EU-Mechanismus: Trump würde im Gegenzug wohl seine Militärhilfe für die Ukraine einstellen. Sie empfehlen, eher die digitale Unabhängigkeit von den USA zu stärken. Das ISG ersetzt deshalb das Computersystem von Microsoft durch die deutsche Office-365-Alternative Opendesk.

Selbst Mitgliedstaaten des ISG üben allerdings Kritik am harten Kurs des Gerichtes. Seit dem Haftbefehl gegen Netanyahu geht namentlich Deutschland auf Distanz zur ISG-Rechtsprechung.

An der parlamentarischen ISG-Versammlung im Dezember plädierte die Mehrheit der 125 Vertragsstaaten für einen «konstruktiven Dialog» mit den USA. Sie fordern das Strafgericht auf, sich stärker um «klassische» Menschenrechtsverbrecher wie Boko Harem oder den syrischen Ex-Präsidenten Assad zu kümmern.

(aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Tödliche Routen – 606 Tote und Vermisste seit Anfang Jahr auf dem Mittelmeer
Die ersten zwei Monate im Jahr 2026 waren die tödlichsten auf den Fluchtrouten durchs Mittelmeer in mehr als einem Jahrzehnt, wie die Internationale Organisation für Migration berichtet. Eine Besserung ist nicht in Sicht.
606 Menschen, die seit Anfang Jahr den gefährlichen Versuch wagten, nach Europa zu gelangen, sind im Mittelmeer gestorben oder gelten als vermisst. Die UNO-Organisation für Migration (IOM) nannte dies am Montag den «tödlichsten Start zu einem Jahr» seit einem Jahrzehnt. Die Hoffnung, dass vermisste Menschen auf hoher See gefunden werden, ist verschwindend klein. Zwischen 2014 und 2019 sind schätzungsweise 17'900 Menschen im Mittelmeer ertrunken, rund 12'000 davon wurden nie gefunden.
Zur Story