Tödliche Routen – 606 Tote und Vermisste seit Anfang Jahr auf dem Mittelmeer
606 Menschen, die seit Anfang Jahr den gefährlichen Versuch wagten, nach Europa zu gelangen, sind im Mittelmeer gestorben oder gelten als vermisst. Die UNO-Organisation für Migration (IOM) nannte dies am Montag den «tödlichsten Start zu einem Jahr» seit einem Jahrzehnt. Die Hoffnung, dass vermisste Menschen auf hoher See gefunden werden, ist verschwindend klein. Zwischen 2014 und 2019 sind schätzungsweise 17'900 Menschen im Mittelmeer ertrunken, rund 12'000 davon wurden nie gefunden.
Letzten Samstag kenterte ein Boot vor der Küste Griechenlands. Die rund 50 Passagiere auf dem Boot versuchten von der libyschen Stadt Tobruk aus die europäische Aussengrenze zu erreichen. Doch bevor sie die Insel Kreta erreichen konnten, wurde das Boot von einem starken Seesturm erfasst. 20 Passagiere konnten gerettet werden, 30 weitere gelten jedoch als tot oder vermisst. Die Karte zeigt alle bekannten Ereignisse auf dem Mittelmeer, welche die IMO dokumentiert hat.
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An Stränden auf Sizilien sowie in der süditalienischen Region Kalabrien wurden nach Angaben der Behörden in den vergangenen Tagen mindestens 15 Tote angeschwemmt. Schülerinnen und Schüler fanden den Leichnam eines Mannes mit einer orangefarbenen Rettungsweste nahe Tropea, einem beliebten Küstenort in Kalabrien. In derselben Gegend wurde auch der Leichnam einer Frau entdeckt. Auch auf der kleinen sizilianischen Insel Pantelleria wurden Leichen gefunden. Tatsächlich zählte die IOM in den ersten zwei Monaten dieses Jahres bereits fast ein Drittel der Toten und Vermissten des gesamten letzten Jahres.
Bischöfe aus Kalabrien und Sizilien kritisierten die Migrationspolitik Italiens daraufhin scharf. «Es sind keine isolierten Tragödien, Schweigen ist Mittäterschaft», sagten die Geistlichen gegenüber der italienischen Zeitung «La Repubblica». Das Sterben auf dem Mittelmeer sei ein Resultat von «unmenschlichen politischen Entscheidungen».
Das harte Urteil aus Sizilien kommt eine Woche, nachdem die rechte italienische Regierung ein neues Gesetz verabschiedet hat, welches während Zeiten von «ausserordentlichem Druck» Seeblockaden erlaubt, um Boote an der Landung in Italien zu hindern. Das Vorhaben sieht vor, dass Migrantinnen und Migranten an Bord der Schiffe auf dem Mittelmeer vor den italienischen Hoheitsgewässern aufgehalten werden können, damit sie dann in die von Italien geplanten Abschiebelager in Albanien verschleppt werden können.
Der Gesetzesentwurf folgte, nachdem das EU-Parlament dem Druck einiger Mitgliedsstaaten, wie Italien, für ein härteres Vorgehen nachgegeben hatte. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni erklärte, ihre Regierung werde alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um «die Sicherheit unserer Grenzen zu gewährleisten». Die EU verschärft damit ihre bereits restriktive Migrationspolitik weiter, mit dem erklärten Ziel der Eindämmung der Überfahrten.
Der Meloni-Regierung gelang es, 2023 Deals mit Libyen und Tunesien abzuschliessen, die zeitweise die Anzahl der Migrantinnen und Migranten, die in Italien landen, leicht eindämmen konnten. Seither steigen die Zahlen wieder stark. Doch im Vergleich zu 2023 sterben heute deutlich öfter Menschen beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren.
Im Frühjahr 2023 unternahmen 20'381 Menschen eine der Mittelmeerouten auf sich, dabei wurden vergleichsweise «nur» 318 Menschen getötet oder gelten als vermisst. 2026 versuchten die Überquerung 6710 Menschen, von denen aber ganze 606 Menschen als tot oder vermisst gelten – fast neun Prozent. Vieles deutet also darauf hin, dass Europas restriktive Migrationspolitik die Anzahl der Menschen, die über das Mittelmeer flüchten, nicht verringert, sondern vor allem zu gefährlicheren Routen und mehr Toten und Vermissten führt.
