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Democratic presidential candidate Sen. Kamala Harris, D-Calif., speaks to supporters Wednesday, July 10, 2019, in the Brooklyn borough of New York. (AP Photo/Frank Franklin II)
Kamala Harris

US-Senatorin Kamala Harris an einer Rede in New York, 10. Juli. Bild: AP

Warum sich US-Präsidentschaftskandidatin Harris für ihre Hautfarbe rechtfertigen muss

Der demokratischen Senatorin Kamala Harris wird ihre Herkunft vorgeworfen. Die Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners sei nicht afroamerikanisch genug.

Renzo Ruf / ch media



Kamala Harris schien nicht überrascht, als sie kürzlich in einer New Yorker Radiosendung mit einem hässlichen Gerücht konfrontiert wurde. Ob sie denn eigentlich Afroamerikanerin und «schwarz genug» sei, wollte ein Moderator des Programmes «The Breakfast Club», das sich an ein afroamerikanisches Zielpublikum richtet, von der demokratischen Präsidentschaftskandidatin wissen.

Harris antwortete leicht resigniert: «Schau, das ist das Gleiche, dass sie bereits mit Barack gemacht haben», dem ersten US-Präsidenten mit dunkler Hautfarbe, «das ist nicht neu für uns.» Auch Obama, der seine Kindheit und Jugend hauptsächlich auf Hawaii und in Indonesien verbracht hatte, sei ständig mit der Frage konfrontiert worden, ob er mit dem langen Leidensweg der Afroamerikaner vertraut sei.

Dann sagte Harris, geboren 1964 in Oakland (Kalifornien) und Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners:

«Ich bin schwarz, und ich bin stolz darauf, schwarz zu sein. Ich wurde schwarz geboren und werde schwarz sterben.»

Kamala Harris

Wer darf sich Afroamerikaner nennen?

Dieser Wortwechsel mag, für europäische Ohren, absurd klingen – ist es doch augenfällig, dass die kalifornische Senatorin dunkler Hautfarbe ist. Aber Harris wird regelmässig auf ihre Identität und ihre Wurzeln angesprochen. Dafür verantwortlich ist auch ein gewisser Ali Alexander, der die Debatte am Köcheln hält.

Der schwarze Mittdreissiger profiliert sich seit dem Wahlsieg von Donald Trump als virtuelles Sprachrohr des Präsidenten; zur Belohnung dafür wurde er vor einigen Tagen ins Weisse Haus eingeladen, um an einem «Gipfeltreffen» rechter Internet-Provokateure teilzunehmen. Während den ersten Fernsehdebatten der Demokraten schrieb Alexander auf Twitter: «Kamala Harris ist keine amerikanische Schwarze.» Und er habe es satt, dass die Kinder von Einwanderern «unsere Geschichte rauben».

«Kamala Harris ist keine amerikanische Schwarze.»

Das ideologische Gerüst für diese provokative Aussage – die im Internet auf scharfe Kritik stiess – liefert eine Interessengruppierung mit dem Namen Ados (American Descendants of Slavery), gegründet von zwei afroamerikanischen Intellektuellen.

Ados ist der Meinung, dass die Bezeichnung Afroamerikaner («African Americans») nur noch von denjenigen Menschen verwendet werden dürfe, die tatsächlich von versklavten Afrikanerinnen und Afrikanern abstammten, die von 1620 bis 1865 nach Amerika verschleppt wurden. Denn diese Gruppe habe am stärksten unter dem rassistischen Regime gelitten, das in weiten Teilen Amerikas bis in die 1960er-Jahre existierte – so gelang es den Nachfahren der Sklaven nie, über mehrere Generationen hinweg Vermögen anzuhäufen.

Ados fordert deshalb einen «New Deal» für die Kindeskinder der Leibeigenen, der unter anderem eine finanzielle Entschädigung für die Schandtaten der Vergangenheit vorsieht. Andere Bevölkerungsminderheiten hingegen, die Nachkommen von Einwanderern aus der Karibik oder Immigranten aus Afrika, sollen leer ausgehen.

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Hart in der Einwanderungspolitik

Ideologisch steht Ados etwas quer in der Landschaft; einerseits bezeichnen sich die Wortführer als progressiv, und viele ihrer Ideen könnten von demokratischen Politikern stammen – gelten die Demokraten doch gemeinhin als Fürsprecher von Amerikanern mit dunkler Hautfarbe. Andererseits klingen die einwanderungspolitischen Positionsbezüge der Interessengruppierung, als habe Trump das Programm formuliert.

Im Gespräch sagt ein Ados-Aktivist, der anonym bleiben will, seine Organisation habe nichts gegen Einwanderer. Amerika sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und er verstehe, warum Menschen aus Mittelamerika, Afrika oder Asien sich in den USA ein neues Leben aufbauen wollten. Der stetige Strom neuer Arbeitskräfte führe aber zu Lohndumping und darunter litten in erster Linie die Nachkommen der Sklaven, sagt er. Er sei deshalb der Meinung, dass die Grenze für illegale Einwanderer dichtgemacht werden müsse.

Dann setzt der Aktivist zu einer Tirade an, die sich gegen führende dunkelhäutige Politiker der Demokraten richtet. Mit Verweis auf Sheila Jackson Lee, einer Abgeordneten aus Texas, behauptet der er, dass die Partei unter der Knute von Politikern stehe, die sich in erster Linie für die Interessen dunkelhäutiger Einwanderer aus der Karibik einsetzten. Er finde deshalb, schwarze Wähler sollten sich von den Demokraten emanzipieren und nicht mehr quasi-automatisch für demokratische Politiker stimmen. Wählerbefragungen zeigen mit einer gewissen Regelmässigkeit, dass zwischen 80 und 90 Prozent der afroamerikanischen Wähler Parteigänger der Demokraten sind.

Solche Aussagen sind auch unter Amerikanern mit schwarzer Hautfarbe höchst umstritten. Der Journalist Roland Martin nennt die Ados-Argumentation «dümmlich». Andere Stimmen sagen, die Organisation habe einzig das Ziel, unter Afroamerikanern für Unstimmigkeit zu sorgen – und die sozialen Konflikte in der US-Bevölkerung anzuheizen, so wie dies die russischen Internet-Trolle im Wahlkampf 2016 getan hätten. Der Ados-Aktivist sagt dazu, er habe es ganz einfach satt, dass sich Politiker wie Kamala Harris zu Fürsprechern von Afroamerikanern aufspielen – obwohl Harris mit deren Lebensbedingungen nicht vertraut sei. (aargauerzeitung.ch)

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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bruno Wüthrich 15.07.2019 18:46
    Highlight Highlight Die Anti-Rassismus - Kampagne richtet sich an alle Menschen. Egal, welcher Hautfarbe, Nationalität, sexueller Orientierung oder Geschlecht.

    Es sind nicht nur "böse weisse heterosexuelle Männer", die dies nicht begreifen wollen.
    • poga 15.07.2019 19:33
      Highlight Highlight Verfolgst du das Geschehen in den USA? Ich meine, deine Motive sind sicher gut gemeint. Aber in diesem Kontext, und was uns wohl hier auch noch erwarten wird, ziemlich naiv.....
  • AquaeHelveticae 15.07.2019 17:13
    Highlight Highlight Ach Gott, gibt das land doch einfach wieder den "Indiandern" zurück.
    Nur noch lächerlich was das politisch und teilweise auch sozial abgeht.
  • Kruk 15.07.2019 17:10
    Highlight Highlight Hautfarbe, das sollte jetzt wirklich kein Grund mehr sein jemanden zu wählen oder eben nicht.
    Und Sprüche wie "«Ich bin (beliebige Hautfarbe einfügen) , und ich bin stolz darauf" ekeln mich an.
    • Kruk 15.07.2019 17:16
      Highlight Highlight Weder Hautfarbe noch Abstammung, um beim Artikel zu bleiben.
    • Sapientia et Virtus 15.07.2019 20:46
      Highlight Highlight So sind aber die Menschen nunmal. Und mit unserer gegenwärtigen Politik in Europa holen wir Menschen zu uns, die der tägliche Blick in den Spiegel dazu verführt, dieser Klientelpolitik nachzurennen.
  • satyros 15.07.2019 16:42
    Highlight Highlight Als ob Frau Harris (und andere schwarze Einwanderer aus der Karibik) etwas dafür könnte, dass ihre von den Briten aus Westafrika verschleppten Vorfahren in die britischen westindischen Kolonien statt in die britischen Kolonien auf dem nordamerikanischen Festland verkauft wurden.
  • Abu Nid As Saasi 15.07.2019 15:40
    Highlight Highlight Trump ist ja auch nicht weiss, sondern Orange, oder doch eher Kürbis?
  • Linus Luchs 15.07.2019 15:24
    Highlight Highlight "Wir sind die richtigen Schwarzen!" Es zeugt nicht von Einsichtsvermögen, wenn ein Wettkampf um das "echte Leiden" entsteht, um die Frage, wem es noch dreckiger ergangen ist. Martin Luther King sagte in seiner berühmten Rede: "Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden." Am Charakter von Ali Alexander hätte der Bürgerrechtler keine Freude gehabt.
  • ChiliForever 15.07.2019 15:21
    Highlight Highlight Man muß halt nicht weiß sein umd rassistisch zu sein...


    "Ados fordert deshalb einen «New Deal» für die Kindeskinder der Leibeigenen, der unter anderem eine finanzielle Entschädigung für die Schandtaten der Vergangenheit vorsieht."
    Yup, Klientelpolitik halt wie sie um Buche steht.
  • Kronrod 15.07.2019 15:13
    Highlight Highlight Naja, wenn sie sich als schwarze Kandidatin verkauft, dann muss sie sich auch Fragen zu ihrer Herkunft gefallen lassen. Insbesondere brisant ist, dass ihre jamaikanischen Vorfahren Sklaven gehalten haben. Von der Herkunft her ist sie also eher auf der Seite der Privilegierten als auf der Seite der Unterdrückten.
  • Max Dick 15.07.2019 15:06
    Highlight Highlight Harris war Justizministerin im grössten Bundesstaat - und ist seit zweieinhalb Jahren Senatorin dieses Bundesstaats. Man kann sie also sehr gut anhand ihrer politischen Taten beurteilen, was soll da die Diskussion über ihre Herkunft.

    • Dunkleosteus6765 15.07.2019 15:13
      Highlight Highlight Es ist Amerika. Identitätspolitik nimmt da die Überhand. Was sie geleistet hat, spielt nur eine Nebenrolle.
    • Bruno S.1988 15.07.2019 15:17
      Highlight Highlight Die Beurteilung aufgrund ihrer politischer taten würde nicht gut aussehen! Kein Wunder setzt man stattdessen auf identity politics!
  • P. Silie 15.07.2019 15:03
    Highlight Highlight Der Titel der Komödie:

    Ka(r)mala Harris... oder "wenn Identitätspolitik zurückschlägt"...
  • Bruno S.1988 15.07.2019 15:01
    Highlight Highlight Kamala Harris ist eine Fahne im Wind. Sie richtet ihre politische Ausrichtung nach der aktuellen Stimmung um gewählt zu werden! Ich fand die Frage beim Breakfast Club gerechtfertigt. Ihr Identity Politics game ist offensichtlich und peinlich! Denn sie hat sich nicht als afroamerikanerin gefühlt, als sie tausende schwarze festnehmen liess während ihrem War on Drugs!

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