«Wir haben Angst, von der Polizei verschleppt zu werden»: Ein Venezolaner berichtet
David (Name geändert) ist Anfang dreissig und lebt in Valencia, der drittgrössten Stadt Venezuelas mit rund 1,5 Millionen Einwohnern. Sie liegt etwa zweieinhalb Autostunden westlich der Hauptstadt Caracas.
Im Gespräch mit watson schildert David, wie er den Samstag nach der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro erlebt hat, dem unter anderem Drogenschmuggel vorgeworfen wird. Er beschreibt sich als «euphorisch» über den Sturz des Diktators. Doch wie viele andere wagt er es nicht, offen zu feiern – aus Angst vor Repressionen. Denn das System besteht weiter: Die Macht liegt nun bei Vizepräsidentin Delcy Rodríguez.
Sie wollen anonym bleiben. Aus Angst vor Repressalien?
David: Ja. Deshalb kontaktiere ich Sie auch über einen nicht zurückverfolgbaren Computer und nicht über mein Handy. Die Sicherheitskräfte führen weiterhin die sogenannte «Operation Tun Tun» durch – eine brutale, seit Jahren andauernde Repressionskampagne gegen Regimegegner. Dabei tauchen Polizei oder regimetreue paramilitärische Gruppen bei dir zu Hause auf und verschleppen dich, ohne Begründung und ohne richterlichen Beschluss. Du landest im Gefängnis, und niemand hört je wieder von dir.
Heisst das, es gibt keine Demonstrationen in Valencia?
Es herrscht absolute Ruhe, völlige Stille auf den Strassen. Niemand wagt es, seine Freude öffentlich zu zeigen – aus Angst, verhaftet zu werden. In der Nacht, als sich sehr früh am Samstagmorgen über soziale Netzwerke die Nachricht von Maduros Festnahme verbreitete, habe ich kurz Jubelrufe gehört. Sie dauerten nur wenige Minuten.
Sind die Sicherheitskräfte stark präsent?
Überraschenderweise nicht. Ab und zu patrouilliert ein einzelner Polizist durchs Quartier, mehr nicht. Ein Freund erzählte mir, dass es in Caracas ähnlich sei. Hier in Valencia war die Polizei am Nachmittag bei den Supermärkten präsent – aus Angst vor möglichen Plünderungen. Zum Glück blieb alles ruhig, auch wenn die Läden völlig überfüllt waren.
In sozialen Netzwerken sind lange Warteschlangen vor Supermärkten zu sehen.
Ich stand am Samstagnachmittag zweieinhalb Stunden an, um nur das Nötigste zu kaufen. Toilettenpapier zum Beispiel war komplett ausverkauft.
Geöffnet sind nur noch Geschäfte des täglichen Bedarfs und staatliche Einrichtungen.
Was fühlen Sie im Moment?
Es ist ein Gefühlschaos. Freude, Euphorie, aber auch das Bedürfnis, vor Erleichterung zu weinen. Ich lasse das noch nicht zu, weil ich mir einen echten Wandel erst vorstellen kann, wenn Edmundo González Urrutia und María Corina Machado – die wichtigsten Figuren der Opposition – tatsächlich an die Macht kommen. Erst dann werde ich feiern. Denn erst dann beginnt wirkliche Freiheit.
Haben Sie Angst, dass der Machtwechsel scheitert?
Ja. Die USA müssen jetzt konsequent bleiben und die gesamte derzeitige Führung entmachten. Wenn die vier starken Figuren des Regimes – Delcy Rodríguez, Jorge Rodríguez, Vladimir Padrino López und Diosdado Cabello – an der Macht bleiben, könnte es schlimmer werden als unter Maduro.
Doch sie muss rasch erfolgen – sonst verlieren die Menschen diese Hoffnung.
Wie informieren Sie sich derzeit?
Über das soziale Netzwerk X. Ich muss dafür ein VPN benutzen, weil X in Venezuela blockiert ist. Heute Morgen berichtete kein einziges öffentliches oder privates Medium über die US-Bombardierungen militärischer Ziele, obwohl sich die Informationen auf X rasend schnell verbreiteten.
Das staatliche Fernsehen spricht zwar von der Festnahme Maduros, stellt ihn aber ausschliesslich als Opfer dar.
Was werden Sie heute Abend tun (das Interview fand am frühen Abend, Samstag, venezolanischer Zeit, statt)?
Ich bleibe zu Hause und halte mich komplett zurück. Ich werde alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen treffen. Nachts ist das Risiko am grössten, bei «verdächtigem Verhalten» verschleppt zu werden. Zudem gilt eine Ausgangssperre. Wenn Polizei oder regimetreue Milizen dich nachts auf der Strasse aufgreifen, können sie mit dir machen, was sie wollen.
