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Venezuela

Maduro von USA entführt: Venezolaner berichtet von Stimmung

Im Gegensatz zu den Venezolanern im Ausland wagen es diejenigen im Land nicht, die Festnahme des Diktators Nicolás Maduro zu feiern.
Im Gegensatz zu den Venezolanern im Ausland wagen es diejenigen im Land nicht, die Festnahme des Diktators Nicolás Maduro zu feiern.bild: keystone/watson

«Wir haben Angst, von der Polizei verschleppt zu werden»: Ein Venezolaner berichtet

Während Venezolanerinnen und Venezolaner im Ausland den Sturz von Nicolás Maduro feiern, der am Samstag von den USA festgenommen wurde, ist die Stimmung im Land selbst eine ganz andere. Denn auch ohne den Präsidenten ist das Regime weiterhin an der Macht. Ein Augenzeugenbericht.
04.01.2026, 12:3104.01.2026, 13:34
Yoann Graber
Yoann Graber

David (Name geändert) ist Anfang dreissig und lebt in Valencia, der drittgrössten Stadt Venezuelas mit rund 1,5 Millionen Einwohnern. Sie liegt etwa zweieinhalb Autostunden westlich der Hauptstadt Caracas.

Im Gespräch mit watson schildert David, wie er den Samstag nach der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro erlebt hat, dem unter anderem Drogenschmuggel vorgeworfen wird. Er beschreibt sich als «euphorisch» über den Sturz des Diktators. Doch wie viele andere wagt er es nicht, offen zu feiern – aus Angst vor Repressionen. Denn das System besteht weiter: Die Macht liegt nun bei Vizepräsidentin Delcy Rodríguez.

Sie wollen anonym bleiben. Aus Angst vor Repressalien?
David: Ja. Deshalb kontaktiere ich Sie auch über einen nicht zurückverfolgbaren Computer und nicht über mein Handy. Die Sicherheitskräfte führen weiterhin die sogenannte «Operation Tun Tun» durch – eine brutale, seit Jahren andauernde Repressionskampagne gegen Regimegegner. Dabei tauchen Polizei oder regimetreue paramilitärische Gruppen bei dir zu Hause auf und verschleppen dich, ohne Begründung und ohne richterlichen Beschluss. Du landest im Gefängnis, und niemand hört je wieder von dir.

«Darum trauen wir Venezolaner uns heute nicht, den Abgang von Nicolás Maduro zu feiern. Wir bleiben zu Hause und posten nichts in den sozialen Netzwerken.»
epaselect epa12624529 A Venezuelan woman residing in Panama City celebrates during a demonstration following the capture of Venezuelan President Nicolas Maduro at Urraca Park in Panama City, Panama, 0 ...
Die Venezolaner im Ausland – wie hier in Panama – haben hingegen massiv und demonstrativ die Festnahme von Nicolas Maduro gefeiert.Bild: keystone

Heisst das, es gibt keine Demonstrationen in Valencia?
Es herrscht absolute Ruhe, völlige Stille auf den Strassen. Niemand wagt es, seine Freude öffentlich zu zeigen – aus Angst, verhaftet zu werden. In der Nacht, als sich sehr früh am Samstagmorgen über soziale Netzwerke die Nachricht von Maduros Festnahme verbreitete, habe ich kurz Jubelrufe gehört. Sie dauerten nur wenige Minuten.

«Dann fielen Schüsse – und danach war sofort alles vorbei.»

Sind die Sicherheitskräfte stark präsent?
Überraschenderweise nicht. Ab und zu patrouilliert ein einzelner Polizist durchs Quartier, mehr nicht. Ein Freund erzählte mir, dass es in Caracas ähnlich sei. Hier in Valencia war die Polizei am Nachmittag bei den Supermärkten präsent – aus Angst vor möglichen Plünderungen. Zum Glück blieb alles ruhig, auch wenn die Läden völlig überfüllt waren.

In sozialen Netzwerken sind lange Warteschlangen vor Supermärkten zu sehen.
Ich stand am Samstagnachmittag zweieinhalb Stunden an, um nur das Nötigste zu kaufen. Toilettenpapier zum Beispiel war komplett ausverkauft.

«Wir hamstern, weil wir keinerlei Ahnung haben, was in den nächsten Tagen passieren wird.»

Geöffnet sind nur noch Geschäfte des täglichen Bedarfs und staatliche Einrichtungen.

Was fühlen Sie im Moment?
Es ist ein Gefühlschaos. Freude, Euphorie, aber auch das Bedürfnis, vor Erleichterung zu weinen. Ich lasse das noch nicht zu, weil ich mir einen echten Wandel erst vorstellen kann, wenn Edmundo González Urrutia und María Corina Machado – die wichtigsten Figuren der Opposition – tatsächlich an die Macht kommen. Erst dann werde ich feiern. Denn erst dann beginnt wirkliche Freiheit.

Haben Sie Angst, dass der Machtwechsel scheitert?
Ja. Die USA müssen jetzt konsequent bleiben und die gesamte derzeitige Führung entmachten. Wenn die vier starken Figuren des Regimes – Delcy Rodríguez, Jorge Rodríguez, Vladimir Padrino López und Diosdado Cabello – an der Macht bleiben, könnte es schlimmer werden als unter Maduro.

«Wir hoffen auf eine weitere US-Intervention, um sie aus dem Amt zu entfernen.»

Doch sie muss rasch erfolgen – sonst verlieren die Menschen diese Hoffnung.

epa12623014 (FILE) - Venezuelan Minister of Interior and Justice Diosdado Cabello speaks during a press conference organized by the ruling United Socialist Party (PSUV) party, in Caracas, Venezuela, 2 ...
David sagt, er fürchte sich besonders vor Diosdado Cabello, Innenminister und glühender Verfechter des Chavismus.Bild: keystone

Wie informieren Sie sich derzeit?
Über das soziale Netzwerk X. Ich muss dafür ein VPN benutzen, weil X in Venezuela blockiert ist. Heute Morgen berichtete kein einziges öffentliches oder privates Medium über die US-Bombardierungen militärischer Ziele, obwohl sich die Informationen auf X rasend schnell verbreiteten.

«Nur dort habe ich davon erfahren – durch Beiträge anderer Venezolaner und durch Telefonate mit Freunden in Caracas, um die Informationen zu überprüfen.»

Das staatliche Fernsehen spricht zwar von der Festnahme Maduros, stellt ihn aber ausschliesslich als Opfer dar.

Was werden Sie heute Abend tun (das Interview fand am frühen Abend, Samstag, venezolanischer Zeit, statt)?
Ich bleibe zu Hause und halte mich komplett zurück. Ich werde alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen treffen. Nachts ist das Risiko am grössten, bei «verdächtigem Verhalten» verschleppt zu werden. Zudem gilt eine Ausgangssperre. Wenn Polizei oder regimetreue Milizen dich nachts auf der Strasse aufgreifen, können sie mit dir machen, was sie wollen.

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61 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Bonbonsai
04.01.2026 13:08registriert November 2023
Damit ich es richtig verstehe:

Ein oberkorrupter Möchtegern-Diktator mit viel Macht, welcher sich 2021 mit aller Macht an der Macht halten wollte, wirft einem anderen Despoten vor, genau das gemacht zu haben. Mit einem fadenscheinigen Vorwand lässt er diesen verhaften und will sich nun im Namen seiner Öl-Kollegen, welche seine Wahl finanziert haben, das Öl des verhafteten Despoten sichern.

Ich bin verwirrt!
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El_Chorche
04.01.2026 13:04registriert März 2021
Lustig, wie Trump davon schwafelt, wie die Reichtümer des Landes alle reich machen und seine Anhänger glauben tatsächlich, sie seien mitgemeint.

Die USA werden tun, was sie immer tun. Eine Marionettenregierung einsetzen und diese wird die Bevölkerung knechten, während US Firmen das Land plündern.

Die Schweiz wird wie immer ihre "guten Dienste" anbieten und mitverdienen wollen.

Im Westen nichts Neues.
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Will-i-am
04.01.2026 13:11registriert Februar 2019
Nichts hat sich verändert !!!

Alle Schergen Maduros behalten ihren posten.
Einzig, dass der neue Diktator von venezuela jetzt der Doni ist.
Vergesst die aussage nicht ; SIE MACHT JETZT WAS ICH WILL.
Damit gemeint die Vize.
Doni schert sich um menschen und demoratie.
also obacht an all jene im exil die jetzt schon jubeln.
Wann habem die amis einen regime sturz zum besseren gemacht ?!
Mir kommt keinen in den sinn!
euch ?
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