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Verbrechen

Gangs, Armut, Hunger, Cholera: Haiti durchlebt einen Alptraum

Ein Leben in ständiger Angst: Eine Mutter rennt mit ihrer Tochter durch die Strassen von Port-au-Prince, wo die lokale Polizei Barrikaden errichtet hat.
Eine Mutter rennt mit ihrer Tochter an einer brennenden Strassenbarrikade in Haitis Hauptstadt vorbei, die niemand geringeres als die Polizei selbst errichtet hat.Bild: keystone

Haitis Hauptstadt fast komplett in der Hand von Gangs – doch das ist längst nicht alles

Armut, Hunger, Cholera, Ganggewalt – seit der Ermordung des haitianischen Präsidenten im Juli 2021 gerät die Situation im Karibikstaat immer mehr ausser Kontrolle. watson hat mit Helvetas-Mitarbeiterin Esther Belliger über das grosse Leid in Haiti gesprochen.
19.03.2023, 12:0219.03.2023, 12:32
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Wer in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince nicht unbedingt aus dem Haus muss, der bleibt zu Hause. Zu gross ist die Angst, auf offener Strasse von Scharfschützen niedergestreckt, gekidnappt oder vergewaltigt zu werden. Ob Mann, Frau oder Kind spielt dabei keine Rolle.

Grund dafür sind die in der Hauptstadt rivalisierenden Gangs – was insbesondere in den ärmeren Stadtvierteln eigentlich keine Neuheit ist. Seit der ungeklärten Ermordung des haitischen Präsidenten Jovenel Moïse im Sommer 2021 aber, haben die Gangs ihren Einfluss massiv ausgebaut. Sie nutzen das Machtvakuum aus, welches sich durch die zerfallende Regierung unter Interimspremierminister Ariel Henry immer weiter vertieft. So war im vergangenen Januar die Amtszeit der letzten verbliebenen Senatoren abgelaufen, womit Haiti keinen Senat mehr hat. Nachfolger gibt es keine – die letzten Wahlen hatten im Oktober 2019 stattgefunden.

Hauptstadt in der Hand der Gangs

Im Gespräch mit watson will Esther Belliger, nichts beschönigen. Auch wenn es keine offiziellen Zahlen gebe, gehe man davon aus, dass etwa drei Viertel von Port-au-Prince von Gangs kontrolliert werde. In diesem Ausmass und dieser Intensität habe es dies noch nie gegeben.

Esther Belliger Helvetas
Esther Belliger ist Helvetas-Koordinatorin für Lateinamerika und die Karibik. Bild: zvg

Als Bewohner oder Bewohnerin von Port-au-Prince gehe man nur aus dem Haus, wenn es unbedingt nötig sei, erzählt Belliger, Helvetas-Koordinatorin für Lateinamerika und die Karibik, die in engem Kontakt mit Menschen vor Ort steht.

«Jeder Weg ist ein Risiko und man versucht, Risiken zu minimieren.»

Verlasse man die eigenen vier Wände, so sei man verschiedenen Risiken ausgesetzt. Nationalität, Hautfarbe, Alter, Geschlecht spiele dabei alles keine Rolle. Man könne zufällig ins Kreuzfeuer rivalisierender Gruppen geraten oder entführt werden, so Belliger.

epa10401871 A man walks in downtown Port-au-Prince, Haiti, 12 January 2023. Haiti marks the 13th anniversary of the earthquake that shook the country on 12 January 2010. EPA/Johnson Sabin
Ein Mann schreitet durch die Innenstadt von Port-au-Prince. Nicht in allen Teilen kann man sich so frei bewegen.Bild: keystone

Die Bevölkerung als Zielscheibe

Der UN-Menschenrechtsbeauftragte Volker Türk sprach nach einem zweitägigen Besuch in Haiti Anfang Februar von einem «lebenden Alptraum» für die haitische Bevölkerung. Besonders schlimm soll die Lage im Armenviertel Cité Soleil sein, wie der am 10. Februar veröffentlichte UN-Bericht aufzeigt.

Cité Soleil ist einer der grössten Slums auf der westlichen Erdhalbkugel. Auf der Fläche von etwa 21 km2 leben geschätzt 200'000 - 400'000 Menschen.

Dort brach im Juli vergangenen Jahres ein heftiger Konflikt zwischen den rivalisieren Banden G-9 und G-Pèp aus, weil G-9 versuchte, die von G-Pèp kontrollierte Nachbarschaft Brooklyn unter ihre Gewalt zu bringen. Dafür legten sich G-9-Scharfschützen unter anderem auf höhere Gebäude und begannen am helllichten Tag auf Häuser und Menschen zu schiessen.

FILE - Leader of the "G9 and Family" gang, Jimmy Cherizier, better known as Barbecue, shouts slogans with his gang members after giving a speech, as he leads a march against kidnappings, thr ...
Jimmy Cherizier, Anführer von G9 und besser bekannt als «Barbecue», ist international als Haitis mächtigster und gefürchtetster Bandenführer bekannt. Er wurde von den Vereinten Nationen wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen sanktioniert und ist der Mann hinter einer zweimonatigen Treibstoffblockade Ende letzten Jahres.Bild: keystone

In den darauffolgenden Tagen betraten sie zudem wahllos Häuser und richteten die darin wohnenden Menschen hin. 95 von ihnen wurden auf diese Weise getötet. Das Vorgehen gegen die lokale Bevölkerung sei zu einem Hauptmerkmal des Modus Operandi vieler Banden geworden, die im Stadtgebiet von Port-au-Prince operieren, schreibt die UN. Auch wenn sich der grösste Konflikt nach etwa zwei Wochen wieder beruhigte, hielten die Banden die Angst in der Bevölkerung stets aufrecht:

«Während es in den ersten Juliwochen zu heftigen Zusammenstössen kam, herrschte in den folgenden Wochen und Monaten ein fast permanentes Klima des Terrors, da Scharfschützen wahllos jeden töteten, der sich in ihr Blickfeld begab.»

Zwischen August und Dezember 2022 wurden auf diese Weise jede Woche durchschnittlich sechs Menschen verwundet oder getötet. Im Visier standen dabei vor allem zwei kleine Holzbrücken, welche die einzigen Ausgänge aus der Nachbarschaft Brooklyn darstellten. Insgesamt wurden in dieser Nachbarschaft zwischen Juli und Dezember 263 Menschen getötet, 285 verletzt und mindestens 57 Frauen und Mädchen vergewaltigt. Sexuelle Gewalt wird von den Gangs immer öfters gezielt als Instrument der Macht und Kontrolle eingesetzt.

Von Angst regiert

Wie sieht die Lage jetzt aus? Derzeit sei es relativ ruhig, erzählt Belliger. Eine bloss scheinbare Ruhe aber. Die Gewaltbereitschaft sei nach wie vor unglaublich hoch, was eine «permanente Situation von Angst und Unsicherheit» schaffe. Wer die nötigen Mittel und Möglichkeiten besitze, der flüchte aus der Stadt oder gar aus dem Land. Der ärmeren Bevölkerung hingegen bleibe nichts anderes übrig, als sich anzupassen.

FILE - Children sleep on the floor of a school turned into a shelter after they were forced to leave their homes in Cite Soleil due to clashes between armed gangs, in Port-au-Prince, Haiti, July 23, 2 ...
Kinder schlafen auf dem Boden einer Schule, nachdem sie ihre Häuser im Viertel Cité Soleil aufgrund von Gangkonflikten verlassen mussten.Bild: keystone
A girl washes a piece of clothing in a school turned into a shelter for families forced to leave their home in Cite Soleil due to clashes between armed gangs, in Port-au-Prince, Haiti, Saturday, July  ...
Ein Mädchen wäscht ein Kleidungsstück auf dem Areal einer Schule, wo es Unterschlupf gefunden hat.Bild: keystone

Einige von ihnen finden zumindest Zuflucht in Schulen, die in Notunterkünfte umgewandelt wurden. Diese hätten lange Zeit als sichere Orte gegolten und seien auch als solche respektiert worden, erklärte Unicef-Vertreter Bruno Maes diesen Monat. Doch auch das hat sich geändert: Die Zahl der Angriffe habe sich innerhalb eines Jahres um das Neunfache erhöht. Seit Beginn des Schuljahres im vergangenen Oktober seien 72 Schulen angegriffen worden. Dabei wurden diese nicht nur beschossen, ausgeraubt, sondern auch in Brand gesetzt und deren Lehrkräfte entführt.

Armut, Hunger, Cholera

Das Leben in den armen Vierteln von Port-au-Prince sah bereits vor der Ermordung des Präsidenten 2021 alles andere als rosig aus: Eine grosse Mehrheit der ärmeren Schicht habe weder Zugang zu fliessendem Wasser und Strom noch zu Bildung und Gesundheitsversorgung, erzählt Belliger. Auch Hunger sei ein grosses Problem.

Mit dem wachsenden Einfluss der Gangs hat sich die Lage in den ärmeren Teilen von Port-au-Prince noch mehr zugespitzt. Immer wieder schränken Gangs die Bewegungsfreiheit von Bewohnerinnen und Bewohnern ein, indem sie die Zugänge zu Nachbarschaften blockieren. Dadurch wird die Bevölkerung nicht nur an einer möglichen Flucht gehindert, auch die Zufuhr von Lebensmitteln, sauberem Wasser und anderen Gütern wird dadurch gekappt. Zudem können die Abfälle in den betroffenen Vierteln nicht mehr abgeholt werden, die sich als Folge in der sengenden Hitze zu Bergen auftürmen. In Kombination mit fehlenden sanitären Anlagen ein wahrer Nährboden für Cholera. Die schwere Infektionskrankheit verbreitet sich hauptsächlich über verunreinigtes Trinkwasser, infizierte Nahrung und menschliche Ausscheidungen.

epa10231898 People move through a street covered with garbage that has not been collected, in Port-au-Prince, Haiti, 08 October 2022. The Haitian government has requested from its International partne ...
Immer wieder sammeln sich die Abfälle in den Strassen von Port-au-Prince, weil sie aufgrund von Blockaden oder Treibstoffmangel nicht abgeholt werden können.Bild: keystone

Während drei Jahren wurden im Karibikstaat keine Cholera-Fälle mehr registriert, bis die Krankheit Anfang Oktober wieder ausbrach. Seither wurden laut der haitianischen Zeitung Le National 31'032 Verdachtsfälle, 27'307 Hospitalisationen und fast 600 Todesfälle registriert. Die Dunkelziffer dürfte höher sein.

Eine Ansteckung mit Cholera bedarf einer dringenden medizinischen Behandlung, doch genau diese ist in der Hauptstadt nicht gewährleistet. Grund dafür ist der Treibstoffmangel, der viele Gesundheitseinrichtungen zu Schliessungen zwingt, da sie ihre Stromgeneratoren nicht mehr betreiben können. Dahinter stecken wiederum die Gangs, welche immer wieder Treibstoff-Terminals besetzen und Tankstellen blockieren.

Die Bevölkerung leidet derweil an der schlimmsten Hungersnot in der Geschichte des Landes. Im vergangenen Oktober litten laut des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) 4,7 Millionen Menschen in Haiti an akutem Hunger. Viele Menschen haben keinen Zugang zu Lebensmitteln oder können sie schlicht nicht bezahlen. Der Warenkorb in Port-au-Prince sei innerhalb eines Jahres etwa 50 Prozent teurer geworden, so Belliger. Ganz grundsätzliche Güter wie Reis seien für die Bevölkerung kaum noch bezahlbar.

Zur Veranschaulichung: Gemäss dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen leben rund 60 Prozent der Haitianerinnen und Haitianer mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag – die Hälfte davon (24.7 Prozent) sogar mit weniger als 1.25 US-Dollar. Derweil kostet ein Kilo Reis im Moment rund ein US-Dollar.

Sogar die Polizei randaliert

Als eines der grössten Probleme bezeichnet Belliger die nicht gewährleistete Sicherheit und Straffreiheit.Verdeutlichen tut dies ein Ereignis vom 26. Januar: Maskierte Männer auf Motorrädern errichteten Strassensperren aus brennenden Reifen, beschädigten die Residenz des Interimspremierministers Ariel Henry und hielten ebendiesen am Flughafen fest.

Dabei handelte es sich nicht etwa um Gangmitglieder oder die protestierende Bevölkerung, sondern: um die Polizei. Diese sei völlig unterbezahlt und nicht genügend ausgerüstet, weshalb sie für die Gangs keinen wirklichen Gegenspieler darstelle, erklärt Esther Belliger. So werden auch sie immer wieder Opfer von Bandenangriffen, weshalb sie mit ihrem Protest von der Interimsregierung mehr Unterstützung fordern.

A police officer cries next to coffins containing the bodies of three police officers killed in the line of duty, at the Police Academy in Port-au-Prince, Haiti, Tuesday, Jan. 31, 2023. The officers w ...
Ein Polizist weint vor dem Sarg dreier Polizisten, die am 20. Januar von Gangmitgliedern getötet wurden.Bild: keystone
epaselect epa10432159 People navigate through burning street barricades during protests, in Port-au-Prince, Haiti, 26 January 2023. A protest spurred by police officers that reached the private reside ...
Menschen bahnen sich auf ihren Motorrädern einen Weg durch die brennenden Strassenbarrikaden, die von der Polizei errichtet wurden. Bild: keystone

Diese verkündete am darauffolgenden Tag die «Operation Tornado», welche ein stärkeres Vorgehen gegen die Banden und eine Verstärkung der Polizeistationen im Sinne hat. Dass das ein schwieriges Unterfangen werden dürfte, zeigte die Reaktion der berüchtigten Vitelhomme-Gang, die bereits den Tod mehrerer Polizisten zu verantworten hat. In einer Machtdemonstration besetzte der Clan einen Tag nach der Ankündigung der «Operation Tornado» eine Polizeistation, wobei sie Waffen und schweres Gerät nutzte.

Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wurde die Ausrüstung mit grösster Wahrscheinlichkeit von der politischen oder wirtschaftlichen Elite finanziert. Schon vor dem Präsidentenmord wurde Personen in der Wirtschaft und Politik Verbindungen zum organisierten Verbrechen nachgesagt. So hätten beispielsweise Gangchefs in der Regierung Gönner gehabt, die sie unter anderem für bestimmte Aufträge oder Überfälle bezahlten, schreibt die Non-Profit-Organisation InSight Crime. Diverse haitianische Politiker wurden deswegen international mit Sanktionen belegt.

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Ariel Henry während einer Zeremonie zum Gedenken an den getöteten haitianischen Präsidenten Jovenel Moise im Nationalen Pantheon-Museum in Port-au-Prince, Haiti, 7. Juli 2022.Bild: keystone

Interimspremier Henry hat zwar alle von Sanktionen belegten Mitglieder aus seinem Kabinett entlassen, viel Erleichterung bringt ihm dies aber nicht. Gegen ihn selbst wird wegen angeblicher Verbindungen zum Mord an Präsident Moïse ermittelt.

Zudem zerfällt die Regierung kontinuierlich, da seit Oktober 2019 keine Parlamentswahlen mehr stattgefunden haben. Henry ändert trotz mehrfacher Zusagen nichts daran. Mit Konsequenzen: Im Januar lief die Amtszeit der letzten Senatoren ab, womit Haiti seine letzte demokratische Institution verloren hat. Das Land steht seither ohne einzigen Gesetzgeber im Abgeordnetenhaus oder Senat da.

Der Weg aus der Misere

Die Lage scheint aussichtslos. Henry fordert schon längst bewaffnete internationale Truppen. Ein Vorhaben, gegen das sich die Bevölkerung zunächst vehement ausgesprochen hat. Zu schlecht waren die Erfahrungen in der Vergangenheit, als die Amerikaner, die Franzosen, aber auch internationale Organisationen im Land für Ordnung sorgen wollten.

Statt internationale Intervention brauche das Land neue Wahlen und müsse von innen wieder aufgebaut werden, forderte die Bevölkerung noch letztes Jahr. Langsam mache sich aber Resignation breit und die Stimmung kippe, so Esther Belliger von Helvetas.

«Das System ist so korrupt, so verwoben. Man traut niemandem mehr. Auch nicht der Politik. Es hat niemand mehr Interesse an offenen, fairen Wahlen.»

Aus diesem Grund zeige sich die Bevölkerung internationaler Intervention gegenüber zunehmend offener. Sie glaube nicht mehr daran, dass sie sich selbst aus dieser Lage befreien könne. Auch Belliger selbst ist der Ansicht, dass die Präsenz der internationalen Gemeinschaft wichtig wäre. Dabei müsse allerdings sichergestellt werden, dass die Bevölkerung den Dialog anführe und nicht fremde Interessen in den Vordergrund rückten. Davor hätten die Haitianerinnen und Haitianer am meisten Respekt.

Die UN scheint sich dieser Problematik bewusst zu sein. Ihre im Bericht vom 10. Februar vorgeschlagenen Massnahmen richten sich hauptsächlich an die haitianischen Behörden. So soll diese etwa die Polizei besser unterstützen, kriminelle Aktivitäten ahnden und öffentliche Dienstleistungen wieder etablieren. Diese sind laut Belliger nämlich inexistent.

Die internationale Gemeinschaft wird indes aufgerufen, die «dringende Entsendung einer zeitlich begrenzten Unterstützungstruppe» in Erwägung zu ziehen. Dies müsse mit einer «raschen und nachhaltigen Wiederherstellung staatlicher Institutionen in bandenfreien Zonen» sowie einer «tiefgreifenden Reform des Justiz- und Strafvollzugssystems» einhergehen. Zudem müsse sie die Identifikation politischer und wirtschaftlicher Akteure, welche in Gangdynamiken involviert seien, weiter verfolgen und entsprechende Sanktionen erlassen.

Humanitäre Organisationen am Limit

Den humanitären Organisationen rät die UN, ihre Hilfe für die Opfer von sexueller Gewalt auszuweiten. Des Weiteren soll die Bevölkerung weiter dabei unterstützt werden, unabhängiger zu werden. In der Hauptstadt ist humanitäre Hilfe derzeit aber fast ein Ding der Unmöglichkeit. Zu gross ist die Gefahr für die Mitarbeitenden, weshalb sich im Laufe des letzten Jahres viele Organisationen aus der Hauptstadt zurückgezogen haben – zuletzt Ärzte ohne Grenzen.

Am 26. Januar seien drei bewaffnete Männer in ein von Ärzte ohne Grenzen unterstütztes öffentliches Spital in Port-au-Prince eingedrungen, schreibt die Organisation auf ihrer Website. Dort hätten sie einen Patienten von seiner Liege aus der Notaufnahme gezerrt und ihn 10 Meter vor dem Spital hingerichtet. Benoit Vasseuer, Leiter der Mission von Ärzte ohne Grenzen in Haiti, zeigt sich schockiert:

«Dies ist der zweite Vorfall dieser Art in diesem Krankenhaus. Wir sind erneut schockiert über diesen Akt brutaler Vergeltung, der gegen alle humanitären Grundsätze und den Schutz verstösst, den dieser Patient in einer medizinischen Einrichtung hätte erhalten müssen.»

Man habe deshalb entschieden, alle Aktivitäten zu suspendieren, bis die Sicherheit von Mitarbeitenden und Patientinnen und Patienten wieder gewährleistet werden können.

Helvetas verfolgt in der Hauptstadt keine Projekte – und hat dies auch nie getan. Stattdessen sei die Non-Profit-Organisation hauptsächlich in den ländlichen Teilen Haitis aktiv, wo es kaum Bandenaktivitäten gebe, die humanitäre Lage aber dennoch angespannt sei, erklärt Belliger. Dort ermögliche Helvetas den Menschen einen besseren Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen und stärkt die Gemeinden darin, diese Systeme nachhaltig zu unterhalten. Was in unseren Ohren nach wenig klingen möge, führe vor Ort zu messbaren und massgeblichen Verbesserungen. So können unter anderem viele Krankheiten durch sauberes Wasser und bessere Hygiene verhindert werden. Ein weiterer wichtiger Einsatzbereich sei zudem die Unterstützung der lokalen Bevölkerung im Katastrophenmanagement. Denn, wie Belliger betont:

«Haiti ist doppelt so oft von Erdbeben und Überschwemmungen betroffen wie andere karibische Inseln.»
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Die Fassade der zerstörten Kathedrale in Port-au-Prince. Noch immer sind die Konsequenzen des Erdbebens vom 12. Januar 2010 sichtbar.Bild: keystone

Das werfe das Land in seiner Entwicklung immer wieder zurück. Mit der Förderung des Katastrophenmanagements könne man eine Basis schaffen, auf dem sich das Land entwickeln könne, ist Belliger überzeugt.

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Eine Mutter mit ihren drei Kindern in Forêt des Pins, einer Region im Südosten des Landes. Dank der Unterstützung von Helvetas haben sie Zugang zu einer sanitären Grundversorgung.Bild: Flurina Rothenberger

Nicht alle haben den Glauben an bessere Zeiten verloren: Belliger erzählt von einem haitianischen Mitarbeiter, der schon seit 15 Jahren für Helvetas in Haiti arbeitet. Er weigert sich trotz der extrem angespannten Situation, das Land zu verlassen. Viele gebildete Menschen, die möglicherweise in der Lage wären, in Haiti etwas zu verändern, flüchten nämlich. Nicht so der Mitarbeiter. Er ist überzeugt: Wenn die Menschen bleiben und ihren Beitrag leisten, dann gibt es ein Licht am Ende des Tunnels.

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43 Kommentare
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Randalf
19.03.2023 12:38registriert Dezember 2018
Das ist einfach furchtbar. Warum können Menschen nur so grausam sein? Was läuft bei denen falsch?
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Möwin
19.03.2023 12:47registriert März 2020
Die Korruption, ist der Krebs in vielen Regierungen verschiedenster Länder, zum Leid der Bevölkerung. Überall leider zunehmend.
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Heinz666
19.03.2023 14:35registriert Dezember 2020
Typisch für so ein Land zusammengefasst:

Hilft der Westen -> Der Westen ist das Problem
Hilft der Westen nicht -> Der Westen ist das Problem
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