Börse rumort: «Märkte ziehen Grenze, wenn die Trump-Regierung verbündete Länder verärgert»
An den Börsen scheint die Nervosität zurück zu sein. Die Anleger flüchten sich in vermeintlich sichere Häfen. Deshalb ist der Goldpreis auf über 5000 Dollar pro Feinunze gestiegen – ein neues Allzeithoch. Gold hat sich damit allein dieses Jahr wieder um 18 Prozent verteuert. Schon 2025 war der Preis um 65 Prozent und mehr als 2000 Dollar gestiegen. Es war das höchste Jahresplus seit dem Jahr 1979.
Aber es ist nicht nur der Goldpreis, der eine Flucht in die Sicherheit signalisiert – beziehungsweise eine Abkehr vom offenbar als unsicher angesehenen US-Dollar. Der Dollar ist zum Franken stark gefallen, allein in den letzten fünf Tagen um über 2 Prozent. Zusammen mit den Wertverlusten aus dem letzten Jahr hat der Dollar somit innerhalb eines Jahres über 14 Prozent zum Franken verloren.
Die Zahlen ähneln sich, wenn man auf den Dollarkurs zum Euro blickt. Dort zeigt sich innerhalb der letzten fünf Tage ein Rückgang um über 1,5 Prozent. Und über ein Jahr hinweg gesehen sind es mehr als 11 Prozent. Stark zum Dollar gestiegen sind auch die Landeswährungen von Schweden und Norwegen, beide um weit über 2 Prozent seit Jahresanfang. Über diesen Zeitraum haben beide Währungen sogar stärker zugelegt als der Franken. Derzeit scheinen sie als noch sicherere Häfen zu gelten als der Franken.
Was steckt hinter alledem? Was ist geschehen, das die Märkte stärker erschüttert hat, als all die vorhergehenden Tabubrüche von Donald Trump? So hat etwa eine mit ihm verbündete Staatsanwältin eine strafrechtliche Untersuchung gegen Jerome Powell begonnen, den Chef der US-Notenbank Fed. Das hatten die Märkte mehr oder weniger schulterzuckend hingenommen.
Was nun anders gewesen sein könnte, sagt Robin Brooks, früher Chefstratege bei der Investmentbank Goldman Sachs und heute beim liberalen Brookings-Institut. Wobei es nur seine beste Vermutung sei, wie er auf der Plattform Substack schreibt. Auch Brooks erstaunt es, wie die Börsen alle Angriffe auf die Fed wegstecken – und sogar immer neue Rekorde brechen.
Ist den Märkten das Chaos zu gross?
Seine Erklärung lautet: «Die Märkte ziehen eine Grenze, wenn die Trump-Regierung mit den USA verbündete Länder verärgert.» Sprich, Angriffe auf die Fed sind noch kein Grund zur Panik. Vielleicht, weil die Märkte glauben, die Fed werde ihre Unabhängigkeit bewahren.
Etwas anderes ist es jedoch, wenn Trump gegen die wichtigsten Handelspartner der USA wütet. Nicht etwa, weil Trump gegen die Gebote der politischen Höflichkeit verstösst, wenn er vom Rednerpult des World Economic Forums aus die Bundesrätin Karin Keller-Sutter verspottet.
Dergleichen interessiert die Börse wenig. Sondern, so die Theorie von Brooks: «Sie glauben, dass der Streit um Grönland und die chaotische Art und Weise, wie dieser geführt wurde, für die USA nach hinten losgehen wird.»
Wobei «nach hinten losgehen» bedeutet: Die USA leiden stärker als ihre Handelspartner unter einem Zollstreit oder auch nur unter schwächeren wirtschaftlichen Beziehungen. Dagegen wird die US-Notenbank Fed ankämpfen müssen, indem sie ihre Leitzinsen stärker senkt als dies die Handelspartner tun. Die Aussicht auf solche Zinsschritte macht den Dollar heute schon weniger attraktiv. Und, so Brooks, die Finanzmärkte würden bereits für die kommenden zwei Jahre tiefere US-Zinsen vorwegnehmen.
Brooks fasst es so zusammen: «Die Märkte haben alle Angriffe auf die Fed ignoriert, aber sie ignorieren nicht das politische Chaos.»
Für diese Erklärung spricht, dass die Märkte in diesen Tagen so reagieren, wie auf Trumps sogenannten «Befreiungstag» im April 2025. Damals kündigte Trump auf chaotische Weise rekordhohe Zölle gegen sämtliche Handelspartner an – bizarrerweise auch gegen eine Insel, auf der kein Mensch, aber viele Pinguine leben.
Wie in den letzten Tagen fiel der Dollar danach stark, unter anderem gegenüber dem Euro und dem Franken. Erst als Trump die Zölle weiter herausschob, erholte sich die Börse. Die US-Börse hob 2025 gar zu neuen Allzeithochs ab. Der Dollar blieb derweil zum Euro und zum Franken schwächer, auch wenn er sich etwa im Sommer fing und zumindest nicht weiter an Wert verlor.
Amerikaner zahlen die Zölle selbst
Trump lieferte zuletzt tatsächlich wieder viel Chaos, selbst für seine Verhältnisse. Er hat Grönland für sich reklamiert, das zum Nato-Verbündeten Dänemark gehört. Hat mit Zöllen gedroht gegen europäische Länder, die dagegen Widerstand signalisierten. Damit hätte er ein Abkommen gebrochen, das die USA erst gerade mit der EU ausgehandelt hatten.
Frankreich hat Trump mit Zöllen von 200 Prozent auf Wein gedroht. Präsident Emmanuel Macron hatte es abgelehnt, 1 Milliarde Dollar zu zahlen, damit sein Land in Trumps sogenanntes Friedensgremium aufgenommen wird. Einen Deal zu Grönland verkündet, obwohl er weder mit dessen Präsident geredet hatte noch mit Dänemarks Premierministerin. Zuletzt hat Trump noch Kanada mit Zöllen von 100 Prozent gedroht, wenn es ein Handelsabkommen mit China schliesse.
Trump könnte damit dauerhaften Schaden angerichtet haben. Brooks erwartet, dass der Dollar nun wieder zum Abwärtstrend aus dem ersten Halbjahr 2025 zurückkehrt. «Das Risiko ist hoch, dass es einen langen und erheblichen Rückgang gibt.»
Und Moritz Schularick, Chef des Kiel Instituts, sagt: «Trumps Auftritt in Davos hat wieder gezeigt: Die USA sind keine verlässlichen Partner mehr.» In einer Studie hat sein Institut zudem gezeigt: «Amerikaner bezahlen fast vollständig für Trumps Zölle.» Die ausländischen Exporteure würden 96 Prozent der Zolllast weitergeben an die Konsumenten und Importeure in den USA. In der Studie heisst es: «Die Zölle sind ein Eigentor.»
