Ölschock: Trump hat sich im Iran-Krieg böse verplant
Zehn Tage nach Kriegsbeginn waren die Nachrichten nach wie vor düster. Die USA und Israel bombardieren weiterhin den Iran, während dieser in der Region seine Drohnen niedergehen lässt. So bleibt die Infrastruktur für Öl und Erdgas unter Beschuss. Und der Verkehr durch die Strasse von Hormus blockiert. Der Krieg entwickelt sich somit entlang der schlimmsten Befürchtungen der Analysten – der britische «Economist» nannte diese «das Horrorszenario».
Jetzt hat es US-Präsident Donald Trump offenbar mit der Angst zu tun bekommen. Wie die «Financial Times» berichtet, erklärt er plötzlich in einem Interview mit dem TV-Sender CBS, der Krieg gegen den Iran sei «praktisch beendet» und es gäbe «militärisch nichts mehr» in dem Land.
Die Energiemärkte reagierten sofort. Die Preise für Brent-Rohöl und West Texas Intermediate fielen wieder unter 90 US-Dollar pro Barrel. Die Wall-Street-Börsen schlossen im Plus, da die Ölpreise nachgaben.
Zuvor hatte Erdölmarkt scharf reagiert. Bei der Sorte Brent schoss der Preis vorübergehend auf 116 Dollar pro Barrel und verharrt um die 100 Dollar herum. Damit liegt der Preis fast 50 Prozent höher als vor Kriegsbeginn. Bliebe die Strasse von Hormus noch lange blockiert, hätte der Öl-Schock jenen von 2022 übertreffen. Damals griff Russland die Ukraine an und drosselte danach Europa die Energiezufuhr massiv. Deshalb hat es Trump offenbar mit der Angst zu tun bekommen.
Denn die Strasse von Hormus ist für den weltweiten Ölmarkt ungleich wichtiger als Russland. Dieses produziert täglich zehn Millionen Fass Öl, von denen 7 Millionen exportiert werden, schreibt Finanzexperte Robin Brooks von der Denkfabrik Brookings auf der Plattform Substack. Hingegen würden durch die Strasse von Hormus täglich 20 Millionen Fass Öl gehen. Somit gelangen via Hormus fast drei Mal mehr Fässer Erdöl ins weltweite Angebot. Brooks: «Was derzeit geschieht, hat ein viel grösseres Ausmass als 2022.»
Wie jede Krise hatte die Iran-Krise ihre Gewinner und Verlierer. Bevor Trump mit CBS sprach und behauptete, der Krieg sei praktisch beendet, deutete immer mehr darauf hin, dass Trump selbst einer der grössten Verlierer des Iran-Krieges sein würde.
Der grosse Gewinner war zuvor Russland und sein Präsident Wladimir Putin, wie Experte Brooks weiter schrieb. Vor dem Krieg gab es noch zu viel Erdöl am Weltmarkt. Das russische Öl war am Weltmarkt geschmäht, sanktioniert und mit einem grossen Preisnachlass gehandelt worden. Über Nacht fallen nun mit der Sperre der Strasse von Hormus ungefähr 20 Prozent des weltweiten Öl-Angebots weg. Öl ist also auf einmal knapp.
Und russisches Erdöl ist wieder begehrt. Die USA haben deshalb bereits Sanktionen gegen Russland fallen lassen. Zumindest vorläufig kauft Indien wieder russisches Öl. Und noch besser für Putin: Der Preisnachlass auf sein Öl ist massiv gesunken. Das Fazit von Brooks fällt deshalb klar aus: «Für Putin bedeutet dies einen enormen Gewinn.» Oder hätte bedeutet, wenn Trump nicht kalte Füsse bekommen hätte.
Die USA sind nur auf den ersten Blick geschützt
Andere Gewinner waren schnell gefunden, wie ein Experte bei der Denkfabrik Chatham House schreibt. Es sind jene Länder, die mehr Energie exportieren als importieren und bei denen der Verkauf nicht durch den Krieg behindert wird. Neben Russland zählen hierzu Norwegen oder Kanada. Die Verlierer sind in abnehmender Reihenfolge Südkorea, Japan, Indien oder China. Dann kommen europäische Länder wie Frankreich, Deutschland und Grossbritannien.
Die Schweiz liegt irgendwo in der Mitte: mit einem kleinen Defizit ist sie sozusagen ein kleiner Verlierer. Die USA sind ein kleiner Gewinner, mit einem kleinen Überschuss. Dank des Frackings exportieren die USA seit dem Jahr 2020 mehr, als sie importieren.
Das war eine simple Geschichte, doch andere Ökonomen finden sie zu einfach oder gar «schlampig». Sie unterschlägt, dass die Gewinne aus dem Erdölexport ungleich verteilt sind. In den USA werden die Energiekonzerne mehr verdienen, doch Herr und Frau Smith an der Tankstelle mehr zahlen. Denn die Preise an der Zapfsäule werden nicht von einem nationalen Ölmarkt bestimmt, sondern von einem weltweiten. Folgerichtig hatten die US-Tankstellen bereits deutlich aufgeschlagen.
Etwas komplizierter ist die Geschichte beim Gas, wie der Ökonom Dean Baker von der Denkfabrik Cepr erklärt. Beim Erdgas gibt es tatsächlich so etwas wie nationale Märkte, weil der Transport viel teurer ist. Die Preise in Europa können bis zu vier Mal höher sein als in den USA. Der Verlust von Erdgas aus dem Nahen Osten werde für Europa deshalb einen schweren Schlag bedeuten, während die Folgen für die USA begrenzt sein werden. In Europa sind die Erdgas-Preise bereits um 80 Prozent gestiegen. Dieser Anstieg wiederum wird auf die Strompreise durchschlagen.
Muss die Nationalbank ihren Leitzins erhöhen?
Auch in der Schweiz wird es die Konsumenten treffen: Bleibt Erdöl so teuer, werden Benzin und Heizöl teurer. Der Preis für Gas wird aufschlagen und jener für Strom dadurch in die Höhe gedrückt. Aber der Schweiz hilft eine Eigenschaft: Sie ist weniger abhängig vom Öl als die meisten Industrieländer und somit besser gegen steigende Ölpreise geschützt. Gemäss der Bank J. Safra Sarasin droht der Schweiz deshalb auch kein grosser Inflationsschub. Die Schweizerische Nationalbank wird voraussichtlich nicht gezwungen sein, ihre Leitzinsen zu erhöhen. Sie kann demnach den Ölschock aussitzen.
Doch zu einem der grössten Verlierer der hohen Ölpreise hätte Trump werden können. Denn die Smiths ärgern sich natürlich über ihre höheren Benzinkosten. Zumal Trump ihnen eigentlich tiefere Konsumentenpreise versprochen hatte. Das hat er nicht eingehalten und im Gegenteil mit seinen Zöllen die Preise gar eigenhändig erhöht. Laut Umfragen waren deshalb bereits vor dem Krieg nur noch 38 Prozent der Amerikaner zufrieden mit ihm. Dann verschärfte er mit seinem Iran-Krieg die Krise der Lebenskosten noch mehr.
Im November sind Zwischenwahlen, an denen Trumps Republikaner im Parlament beide Kammern verlieren könnten. Und die Wähler entscheiden sich in der Regel bereits Monate davor. Wie das Magazin «Politico» berichtet, wächst im Weissen Haus deshalb die Sorge über die hohen Preise, vor allem jene für Benzin. Laut Politico sucht die Regierung nun «nach allen möglichen Ideen, um die Benzinpreise zu senken».
Allzu weit suchen muss die Trump-Regierung jedoch nicht. Offensichtlich würde der Ölpreis sofort stark sinken, wenn Trump seinen Krieg im Iran beenden würde. Danach sah es bis am Montagabend Schweizer Zeit nicht aus. Trump postete lieber wütend, steigende Ölpreise seien ein «sehr geringer Preis» für die «Sicherheit und den Frieden» Amerikas und der Welt. «Nur Narren würden anders denken.»
Vom Iran hat er zuletzt gar eine «bedingungslose Kapitulation» gefordert. Doch eine solche Forderung stellte er schon im sogenannten 12-Tage-Krieg im Juni 2025. Der Iran kapitulierte damals nicht, aber Trump stellte die Angriffe dennoch kurz darauf ein. Die iranischen Atomanlagen seien zerstört oder «obliterated» worden und das genüge, behauptete Trump damals. Der Raiffeisen-Ökonom Alexander Koch sagte dazu vor Trumps Rückzieher: «Man kann zumindest darauf hoffen, dass Trump erneut eine solche Strategie wählt, um den ‹ziellosen› Konflikt gesichtswahrend zu entschärfen.»
So ist es nun anscheinend tatsächlich gekommen. (aargauerzeitung.ch)

