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Diese Grafik zeigt, warum Griechenland mit Sparen noch ärmer wird

Die Strukturreformen der EU sollen die Wettbewerbsfähigkeit verbessern, bzw. die Exporte erhöhen. Im Gegenzug wird aber die Inlandnachfrage geschwächt. Bei Griechenland wird deutlich, warum diese Rechnung nicht aufgehen kann.

werner vontobel



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Das Problem

Angefangen hat die Misere Griechenlands mit den immer höheren Handelsdefiziten und den entsprechend steigenden Auslandschulden. Unsere Grafik illustriert aber noch ein anderes, wenig beachtetes Problem: In Griechenland machen die Löhne, statt wie in anderen Ländern üblich rund die Hälfte, bloss etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts BIP aus. Bis 2013 sank der Anteil sogar unter 30 Prozent. Die Arbeitgeber haben ihre Übermacht ausgenutzt. 

Die Lösung

Die Lösung für dieses Defizit-Problem schien trivial: Die Exporte müssen rauf und zu diesem Zweck müssen die Kosten runter. Das heisst: Löhne, Pensionen, Staatsausgaben senken. Kurz: Strukturreformen durchziehen.  

Dass und wie diese gewirkt haben, zeigt die Entwicklung der Reallöhne in Griechenland: Diese sind von 2009 bis 2013 um mehr als ein Drittel gesunken. Etwa die Hälfte davon ist auf Lohnkürzungen, der Rest auf Entlassungen zurückzuführen. In anderen Ländern wäre dieser Ausfall durch Arbeitslosengelder und Sozialhilfen teilweise kompensiert worden.  

Die Löhne sanken – mehr Sozialhilfe gab's deswegen nicht

Das «Austeritätsprogramm» hat dies aber in Griechenland nicht zugelassen. Deshalb sind auch die Transfereinkommen (Renten, Pension, Sozialhilfe) um rund einen Fünftel gesunken, obwohl sich die Zahl der potenziell Bezugsberechtigten – vor allem der Arbeitslosen – verdoppelt hat.

Die Wirkung

Die erwartete Wirkung ist nicht ausgeblieben: Die Exporte sind dank der verbesserten Wettbewerbsfähigkeit um gut einen Drittel oder 15 Milliarden gestiegen, die Importe sind leicht gesunken. Das Handelsdefizit hat sich von 24,6 auf voraussichtlich 3 Milliarden dieses Jahr verringert. Diesen Rückgang kann die Troika (EU-Kommission, EZB und IWF) als Erfolg verbuchen.

Die Dummheit der Gläubiger

Die griechischen Unternehmer haben die Vorgaben der Troika genutzt, um die Löhne zu senken und gleichzeitig die Preise hoch zu halten. Die Folge waren stark steigende Gewinne.
Und weil die Unternehmen sie mangels Nachfrage auch kaum noch investiert haben, konnten sie zwischen 2010 und 2014 rund 100 Milliarden Euro ins Ausland transferieren.
Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn schätzt, dass dieses Jahr bisher noch mehr als 90 Milliarden dazu gekommen sind. All dieses Geld wird letztlich den ausländischen Gläubigern fehlen und erklärt, warum Griechenlands Aussenschuld weit mehr gestiegen ist, als auf Grund der Handelsdefizite zu erwarten gewesen wäre. Die Gläubiger haben sich mit ihren «Strukturreformen» ins eigene Bein geschossen. (wv) 

Die Hauptwirkung: 90 Milliarden Euro Gewinn

Wir haben diesen Erfolg in der Grafik unter der Null-Linie sichtbar gemacht. Die Fläche zeigt, um wie viel Milliarden Euro Griechenlands Aussenschuld stärker gestiegen wäre, wenn das Handelsdefizit bei 24,6 Milliarden geblieben wäre. Insgesamt errechnet sich ein kumulierter Gewinn gegenüber dem Worstcase von 90 Milliarden.

Die Nebenwirkung: 353 Milliarden Euro Verlust

Nun zu den Kosten. Griechenlands BIP liegt heute 53 Milliarden unter dem Niveau von 2009, das für die meisten Länder den Tiefpunkt der Krise markierte. Wäre Griechenlands BIP auch nur um 2 Prozent jährlich gewachsen (statt 3,5 Prozent in den Jahren vor der Krise) so läge das BIP heute um 81,5 Milliarden höher.

Zusammengerechnet ergibt dies einen Nettoverlust von bisher 353 Milliarden Euro (die grau gestreifte Fläche). 

So soll es weitergehen

Der neue Plan der Troika sieht vor, die Pensionen noch einmal um rund zwei Milliarden zu senken. Die Haushalte sollen mit einem von 6 auf 11 Prozent steigenden Mehrwertsteuersatz belastet und Kollektivarbeitsverträge verboten werden. Sprich: Die Löhne sollen weiter sinken. Alles mit dem Zweck, die Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken.

Die Regierung Tsipras befürchtet, dass dies zu einem weiteren Abschwung führt. Unsere Grafik bestätigt diese Befürchtung. Sie zeigt, dass das BIP trotz stark steigenden Exporten im Gleichschritt mit den Einkommen der Haushalte geschrumpft ist. Nach 2013 jedoch sind diese Einkommen, ohne Schaden für die Exporte, leicht gestiegen und prompt hat sich das BIP stabilisiert. Das gleiche geschieht seit ein paar Jahren auch in Deutschland. Steigen die Löhne, boomt das BIP.

Das Fazit

Die Verbesserung Wettbewerbsfähigkeit durch Austerität schadet unter dem Strich deutlich mehr als sie nützt. Griechenland ist kein Einzelfall: Auch Zypern, Portugal, Spanien und Italien haben seit 2008 zwar ihre Exportportbilanz dank Austerität deutlich verbessert, gleichzeitig aber massiv an Binnennachfrage eingebüsst. Einzig im Falle von Irland lässt sich eine leicht positive Bilanz errechnen. Dies allerdings nur dann, wenn man annimmt, dass die Binnenachfrage ohnehin nicht mehr gestiegen wäre.

Die EU hat ein Problem und sollte darüber nachdenken.

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