Es muss eine sorgfältig geplante Sabotageoperation gewesen sein: Tausende von der Hisbollah angeschaffte, offenbar mit Sprengstoff präparierte Pager explodierten im Libanon und in Syrien nahezu gleichzeitig und töteten mindestens elf Hisbollah-Angehörige. Fast 3000 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.
Die Hisbollah beschuldigte umgehend ihren Erzfeind Israel als Urheber der grossflächigen Attacke. Dessen legendärer Auslandgeheimdienst Mossad dürfte auch nach Ansicht von neutralen Beobachtern hinter dieser beispiellosen Aktion stecken. In aller Regel bestätigen oder dementieren die israelischen Behörden solche Einsätze nicht, doch die Raffinesse der Pager-Operation trägt die Handschrift des Mossad.
Es wäre nicht das erste Mal, dass israelische Agenten spektakuläre Aktionen ausgeführt hätten. Neben der klassischen Spionage gehören auch Mordanschläge und Cyberattacken zum Repertoire des Auslandgeheimdienstes. Hier folgt eine Auswahl von Operationen, die offiziell auf das Konto des Mossad gehen oder ihm mit hoher Plausibilität zugeschrieben werden:
Es ist diese erfolgreiche Operation, die den Mossad legendär machte: 1960 spürte der Geheimdienst den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, einen der Hauptorganisatoren des Holocausts, in Argentinien auf. Die Agenten beschatteten Eichmann, der unter falschem Namen an der Garibaldi-Strasse in Buenos Aires lebte, monatelang.
Am 11. Mai erfolgte der Zugriff; das Mossad-Kommando zerrte Eichmann in einen Wagen und brachte ihn dann mit falschen Papieren und betäubt und geschminkt, weil es kein Auslieferungsabkommen mit Argentinien gab, an Bord einer Regierungsmaschine nach Israel. Dort wurde Eichmann zum Tode verurteilt und 1962 gehängt. Er ist der einzige Mensch, der nach einem Gerichtsverfahren der israelischen Justiz hingerichtet wurde.
1966 gelang es dem Mossad, den irakischen Piloten Munir Redfa anzuwerben, der frustriert war, dass seine militärische Karriere aufgrund seiner christlichen Wurzeln stagnierte. Während seine gesamte Familie ausser Landes gebracht wurde, flog Redfa seine MiG-21 – der damals höchstentwickelte sowjetische Kampfjet – nach Israel.
Die in der «Operation Diamond» akquirierte MiG-21 diente der israelischen Luftwaffe, die damals mit französischen Mirages ausgerüstet war, als Feindflugzeug zur Ausbildung der eigenen Piloten. Die MiG-21 beschleunigte schneller als die Mirage, war aber weniger wendig. Es dürfte auch auf diese Erfahrungen zurückzuführen sein, dass die israelische Luftwaffe 1967 bei einem Luftkampf sechs syrische MiG-21 ohne eigene Verluste abschiessen konnte. Israel lieh die MiG-21 danach an die USA aus, die wegen des Vietnamkriegs besonders an diesem Typ interessiert waren.
1962 hatte Frankreich, das bessere Beziehungen zur arabischen Welt suchte, die Lieferung von Uran für den israelischen Atomreaktor Dimona eingestellt. Der jüdische Staat suchte nach anderen Quellen, um sein Atomprogramm zu alimentieren. 1968 kaufte eine belgische Firma rund 200 Tonnen Uranoxid («Yellowcake», Ausgangsstoff für Brennelemente), die im November von Antwerpen nach Genua verschifft wurden. Der Frachter «Scheersberg A» kam dort aber nicht an – sondern tauchte im Dezember desselben Jahres im Hafen von Iskenderun in der Türkei wieder auf. Weder Besatzung noch Ladung waren auffindbar.
Das Uranoxid wurde mutmasslich in der Nähe von Zypern auf ein israelisches Schiff umgeladen. Der Eigner der «Scheersberg A», Dan Ert, wurde später im Zuge der Lillehammer-Affäre – einer fehlgeschlagenen Mossad-Aktion – verhaftet und gab zu, ein Mitglied des Mossad zu sein. Die «Operation Plumbat» wurde vermutlich vom Mossad und dem damaligen speziell für das israelische Atomprogramm eingerichteten Geheimdienst Lakam durchgeführt.
Nach dem Olympia-Attentat in München 1972, bei dem elf israelische Sportler und ein Polizist starben, genehmigte die israelische Premierministerin Golda Meir die gezielte Tötung von PLO-Terroristen auch in Europa. Der Mossad richtete die Sondereinheit Caesarea ein, die nun Jagd auf die Geiselnehmer und Drahtzieher von München machte. In dieser extralegalen Mordserie wurden etwa 20 sogenannte Zielpersonen umgebracht. Höhepunkt der «Operation Zorn Gottes» war eine Kommandoaktion im April 1973, als mitten in Beirut drei palästinensische Kaderleute und zwei unbeteiligte Personen von einem israelischen Spezialkommando erschossen wurden.
Ebenfalls 1973 kam es zu einem Fehlschlag, als in Lillehammer in Norwegen der unschuldige marokkanische Kellner Ahmed Bouchiki aufgrund einer Verwechslung von Kugeln durchsiebt wurde. Nach dieser Lillehammer-Affäre wurde die Operation zunächst ausgesetzt, aber fünf Jahre später wieder aufgenommen. Der Rachefeldzug endete erst in den Neunzigerjahren.
Im Juni 1976 entführte ein Kommando von palästinensichen und deutschen Terroristen einen Airbus A300 der Air France, der schliesslich auf dem Flughafen Entebbe bei der ugandischen Hauptstadt Kampala landete. Die deutschen Terroristen «selektierten» die jüdischen Passagiere von den anderen, die darauf freigelassen wurden. Nach sechs Tagen befreite ein israelisches Kommando die rund 100 Geiseln und flog sie nach Israel zurück.
Auf israelischer Seite gab es bei der «Operation Yonatan» (auch «Operation Thunderbolt» oder «Operation Entebbe» genannt) nur ein Todesopfer – Jonathan Netanjahu, der Bruder des heutigen israelischen Ministerpräsidenten. Die Geiselnehmer und mehrere ugandische Soldaten kamen bei Feuergefechten ums Leben. Der Mossad spielte bei der Planung eine wichtige Rolle, doch durchgeführt wurde die Befreiungsaktion von Armee-Einheiten; direkt daran beteiligt war der militärische Geheimdienst unter der Leitung des späteren Premierministers Ehud Barak.
Die Minderheit der Juden in Äthiopien, die sogenannten Falascha (Beta Israel), geriet während der Hungersnot Mitte der 1980er-Jahre in Bedrängnis; Tausende von ihnen flohen in den Sudan, wo sie in Lagern untergebracht wurden. Die israelische Führung beauftragte den Mossad mit der Planung von geheimen Evakuierungsmassnahmen, die zunächst über ein eigens zur Tarnung eingerichtetes touristisches Tauchresort am Roten Meer abliefen. In der «Operation Moses» wurden die äthiopischen Juden nachts mit Lastwagen dorthin gebracht und dann auf Schiffe verladen.
Als sich die Hungersnot verschärfte, bestach der Mossad den sudanesischen Präsidenten, um ihn dazu zu bringen, der Evakuierung der Falascha über den Flughafen von Khartum zuzustimmen. Dies gelang dank der Zusicherung der völligen Geheimhaltung. Zwischen November 1984 und Januar 1985 wurden fast 7000 Falascha nachts im Geheimen nach Israel geflogen.
Für die einen ist er ein Friedensheld, für die anderen ein Landesverräter: Mordechai Vanunu, zum Christentum konvertierter Sohn jüdisch-marrokanischer Einwanderer, machte 1986 das israelische militärische Atomprogramm publik. Vanunu, der als Techniker eine Weile im geheimen israelischen Atomkomplex Dimona gearbeitet hatte, gab Informationen und Fotos an die «Sunday Times» in London. Noch bevor die Zeitung die Bombe platzen liess, tappte Vanunu in eine Honigfalle, die ihm der Mossad gestellt hatte. Die Agentin Cheryl Ben Tov alias «Cindy» bandelte mit ihm an und lockte ihn auf einen Kurztrip nach Rom. Dort wurde er entführt, betäubt und im Diplomatengepäck per Schiff nach Israel gebracht – ohne Einverständnis der italienischen Behörden.
In 1986, Israeli Mossad agent Cheryl Bentov a.k.a Dr Platinjm honey trapped nuclear technician & whistleblower Mordechai Vanunu in Rome, so he could be brought back to Israel to face trial.
— السراب (@Zarkawaa) October 20, 2019
Mossad's seduction tactics have been officially sanctioned in Israel. pic.twitter.com/k5GAsvzr8B
Die israelische Regierung bestritt wochenlang, etwas mit seinem Verschwinden zu tun zu haben, doch dann gelang es Vanunu, mit einer auf seine Hand gekritzelten Botschaft aus dem Polizeibus heraus auf seine Entführung hinzuweisen. 1988 kassierte er wegen Landesverrats und Spionage 18 Jahre Haft, von denen er elf in Isolationshaft verbrachte. Auch nach seiner Freilassung 2004 wurde Vanunu noch mehrere Male verhaftet, weil er gegen seine extrem strengen Bedingungen verstossen hatte.
Diese Mossad-Aktion ging gründlich schief: Im September 1997 versuchten zwei als kanadische Touristen getarnte Mossad-Agenten, Chalid Maschal am hellichten Tag in der jordanischen Hauptstadt Amman zu ermorden. Der politische Kopf der Hamas wollte gerade sein Büro betreten, als ihm einer der Agenten ein langsam wirkendes Nervengift ins Ohr spritzte. Doch Maschal war nicht allein – die Attentäter hatten die entsprechende Weisung ihrer Vorgesetzten in den Wind geschlagen. So wurden sie von Maschals Bodyguard verfolgt und nach kurzer Flucht gefasst. Der Hamas-Chef wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er in ein künstliches Koma versetzt wurde.
Der jordanische König verlangte vom israelischen Regierungschef – auch damals Benjamin Netanjahu – die Herausgabe eines Gegengifts. Netanjahu lieferte es schliesslich zähneknirschend nach starkem amerikanischem Druck. Maschal erholte sich. Die israelischen Agenten kamen frei, doch im Gegenzug musste Israel den Hamas-Gründer Scheich Jassin und weitere Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen. Der missglückte Mordanschlag belastete die israelisch-jordanischen Beziehungen schwer.
Mahmud al-Mabhuh war ein Top-Shot der Hamas und Mitbegründer des militärischen Arms der Terrororganisation. Der «Fuchs», wie er sich selber aufgrund von drei überlebten Anschlägen nannte, logierte im Januar 2010 in einem Hotel in Dubai, als ihn das Schicksal ereilte: Ein Mordkommando des Mossad, dessen Mitglieder aus verschiedenen Ländern angereist waren, checkte im Hotel ein und beschattete ihn. Als al-Mabhuh sein Zimmer verliess, drangen vier Agenten dort ein und betäubten ihn bei seiner Rückkehr. Er wurde vermutlich mit einem Kissen erstickt.
Die Aktion lief professionell ab, und alle Agenten verliessen Dubai rechtzeitig. Doch zum ersten Mal hatten Überwachungskameras eine solche Geheimdienst-Aktion festgehalten; die Mossad-Leute wurden nachträglich identifiziert. Dies führte zu einem diplomatischen Nachspiel, weil die Agenten mit gefälschten Pässen westlicher Länder in Dubai eingereist waren.
2010 tauchte der leistungsfähige und bösartige Computerwurm Stuxnet erstmals auf. Die Schadsoftware befiel vorwiegend Systeme des Herstellers Siemens, die dazu dienen, die Geschwindigkeit von Motoren zu steuern – beispielsweise von Zentrifugen, die zur Anreicherung von Uran eingesetzt werden. In der Tat infizierte Stuxnet zahlreiche iranische Zentrifugen in Natanz, wo das iranische Atomprogramm vorangetrieben wurde – wohl mit dem Ziel, genug waffenfähiges Uran für eine Atombombe zu produzieren. Der Wurm führte dazu, dass sich die Zentrifugen selbst zerstörten.
Dass es der israelische Geheimdienst war, der Stuxnet – vermutlich über USB-Sticks – in die iranischen Atomanlagen einschleuste, gilt als gesichert. Entwickelt wurde Stuxnet höchstwahrscheinlich gemeinsam von der CIA und dem Mossad im Zuge der «Operation Olympische Spiele». Die Sabotage des iranischen Atomprogramms erfolgte allerdings auch auf blutige Weise: Bei mehreren Attentaten und ungeklärten Todesfällen iranischer Atomwissenschaftler, die bereits 2007 begannen, gilt der Mossad als Urheber.
Ende Juli weilte der Hamas-Führer Ismail Hanija in der iranischen Hauptstadt Teheran. Er nächtigte in einer Residenz für verdiente Kriegsveteranen, einem Gästehaus der iranischen Revolutionsgarden. Dort fühlte er sich vermutlich sicher – zu Unrecht, wie sich erwies, als eine Explosion das Stockwerk zerstörte und ihn tötete. Damit starb der mit Abstand ranghöchste Hamas-Funktionär während des seit Oktober 2023 andauernden Gaza-Kriegs. Und dies erst noch im Herzen der Regionalmacht Iran, die als Sponsor und Schutzmacht der Terrororganisation gilt.
Wie üblich bestätigte der Mossad die Urheberschaft an dem Anschlag nicht. Allerdings hatte sein Chef, David Barnea, im Januar mit Blick auf den Gaza-Krieg erklärt, sein Dienst sei «verpflichtet», die Führer der Hamas zu jagen. Das erfolgreiche Attentat schockte die iranische Führung, zumal Israel kurz vorher einen hochrangigen Kommandanten der Hisbollah im Libanon getötet hatte. Der geistliche Führer Ali Chamenei schwor umgehend Rache.