Der Hamas-Auslandschef Ismail Hanija ist nach Angaben der islamistischen Terrororganisation bei einem israelischen Angriff in der iranischen Hauptstadt Teheran getötet worden. Er sei infolge einer Attacke auf seine Residenz ums Leben gekommen, teilte die Hamas mit. Es habe sich um einen «heimtückischen zionistischen Angriff» gehandelt, so die Hamas. Von israelischer Seite gab es zunächst keine Bestätigung.
Nach Angaben der iranischen Revolutionsgarden (IRGC) kam ausser Hanija auch einer seiner Leibwächter ums Leben. Ursache und das Ausmass des Vorfalls werden untersucht, die Ergebnisse würden später bekannt gegeben, teilte Irans Elitestreitmacht am frühen Morgen mit.
Hanija habe vor seinem Tod an der Zeremonie zur Vereidigung des neuen iranischen Präsidenten Massud Peseschkian teilgenommen, teilte die Hamas auf ihrem Telegram-Kanal mit.
Der oberste Führer des Irans, Ajatollah Ali Chamenei, hat eine Vergeltung angekündigt. «Das kriminelle zionistische Regime (Israel) hat unseren Gast in unserem Haus ermordet», wurde Chamenei auf seiner Website zitiert. «Es wird eine harte Bestrafung geben.»
Aussenminister Ignazio Cassis hat sich während einer Medienkonferenz im Maison Suisse an den Olympischen Spielen in Paris am Mittwoch besorgt über die jüngsten Entwicklungen im Konflikt zwischen Israel und dem Iran gezeigt. Man sehe leider, dass die Situation nicht einfacher werde, sagte Cassis.
Seit dem Beginn des Krieges im Gaza-Streifen im vergangenen Jahr habe die Schweiz über diplomatische Kanäle versucht, zur Deeskalation beizutragen. Er appelliere an die Konfliktparteien, sich mit weiteren Reaktionen zurückzuhalten, so Cassis weiter. Man arbeite im diplomatischen Bereich Tag und Nacht an einer Lösung. «Ein Ausweg muss auf dem diplomatischen Weg gefunden werden. Es gibt immer einen solchen, wenn man wirklich will», sagte der Aussenminister.
Die Frage sei nun, was die Tötung des politischen Anführers der islamistischen Hamas, Ismail Hanija, für Folgen habe, auf dem regionalen sowie auch auf dem überregionalen Level - und auch für Europa und die Schweiz. Die Tötung korrespondiere mit der Strategie Israels, die Hamas eliminieren zu wollen. Eine mögliche, regionale Ausweitung des Konflikts müsse verhindert werden, sagte Cassis weiter.
Ismail wurde gemeinhin als führender Kopf der Hamas angesehen. Offiziell galt er als Hamas-Auslandchef, doch in dieser Rolle wurde ihm auch die Position als Gesamtanführer der Terrororganisation zugeschrieben.
Hanija wurde 1963 in einem Flüchtlingslager in Gaza geboren. Er wuchs im Gazastreifen auf, wo er während seiner Zeit als Studierender in den 80er-Jahren zur Hamas stiess. 2006 war er kurzzeitig palästinensischer Premierminister.
Hanija galt ursprünglich als gemässigtes und pragmatisches Hamas-Mitglied und setzte sich in den 2000er-Jahren für einen dauerhaften Waffenstillstand mit Israel sowie eine Aussöhnung mit der rivalisierenden Palästinenserbewegung Fatah ein.
Doch in der jüngeren Vergangenheit wurde Hanija deutlich radikaler. 2017 wurde er in seine Position als Hamas-Auslandchef gewählt, seit 2018 stand er auf der Terrorliste der USA. Hanija führte die Hamas aus dem Ausland und hielt sich mehrheitlich in der Türkei und in Katar auf. Er galt als enger Verbündeter des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.
Im Mai beantragte Karim Khan, Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, einen Haftbefehl gegen Hanija wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgestellt. Ihm wurde unter anderem die Verantwortlichkeit für Morde, Geiselnahmen, Vergewaltigungen und Folter vorgeworfen. Im gleichen Zug wurden auch Haftbefehle gegen weitere Hamas-Führer sowie den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und dessen Verteidungsminister Joaw Galant beantragt.
Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verurteilt die Tötung des Hamas-Führers Ismail Hanija in einer Stellungnahme als «feigen Akt». Der Leiter der palästinensischen Autonomiebehörde sprach von einer «gefährlichen Entwicklung».
Der Generalsekretär der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Hussein Al-Scheik, schrieb auf der Plattform X, seine Organisation verurteile «den Mord an dem nationalen Führer» Hanija. Er sprach von der Notwendigkeit der Einigung der verschiedenen palästinensischen Gruppen und Fraktionen.
Ein Bündnis der verschiedenen politischen Gruppen im Westjordanland rief als Reaktion auf den Tod Hanijas zu einem Generalstreik auf. Ausserdem solle an Kontrollpunkten die Konfrontation mit israelischen Soldaten gesucht werden, hiess es. Ob es sich dabei um Demonstrationen oder Angriffe handeln sollte, blieb unklar.
Derweil sprach Musa Abu Marsuk vom Hamas-Politikbüro von einer «feigen Tat, die nicht ungestraft bleiben wird».
Der Iran verurteilt den tödlichen Anschlag auf den Auslandschef der islamistischen Hamas in Teheran auf das Schärfste. «Das reine Blut des heiligen und ehrenhaften Kriegers Ismail Hanija ist zweifellos nicht umsonst geflossen», sagte Aussenamtssprecher Nasser Kanaani in einer Presseerklärung. Dieses Blut werde laut Kanaani Israel letztendlich zum Verhängnis werden.
Der Anschlag auf Hanija werde ausserdem die Beziehungen zwischen der palästinischen Widerstandsfront und Iran noch weiter stärken, so der Sprecher laut Nachrichtenagentur Isna. Zu den Details des Anschlags sagt er lediglich, dass die Sicherheitsbehörden die Ursachen und den Tatvorgang noch überprüfen.
Die Türkei verurteilt den tödlichen Anschlag scharf und wirft Israel vor, damit einen regionalen Krieg anzetteln zu wollen. Ismail Hanija sei durch einen «niederträchtigen Anschlag» in Teheran getötet worden, hiess es in einer Mitteilung des türkischen Aussenministeriums. Damit verfolge Israel das Ziel, den Gaza-Krieg auf die Region auszuweiten.
Die Nachricht von Hanijas Tötung folgte wenige Stunden nach einem israelischen Luftangriff auf einen Vorort der libanesischen Hauptstadt Beirut. Dabei wurde nach Angaben der israelischen Armee Fuad Schukr getötet, ein ranghoher Kommandeur der Schiitenmiliz Hisbollah. Die Hisbollah ist mit der Hamas im Gazastreifen verbündet, beide sind wiederum verbündet mit Israels Erzfeind Iran.
Seit dem Terrorüberfall der Hamas und anderer Gruppen auf Israel am 7. Oktober greift die Hisbollah aus Solidarität mit der Hamas Ziele im Norden Israels an. Ihre Angriffe will sie erst einstellen, wenn es in Gaza zu einem Waffenstillstand kommt.
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(con/sda/dpa)
Damit kann seine Akte nun geschlossen werden.