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FILE - In this March 13, 2019, file photo, Jessie Royer passes icebergs in open water on Norton Sound as she approaches Nome, Alaska, in the Iditarod trail sled dog race. When a Feb. 22 storm pounded Norton Sound, water surged up the Yukon River and into Kotlik, flooding low-lying homes. The Bering Sea last winter saw record-low sea ice. Climate models predicted less ice, but not this soon, said Seth Danielson, a physical oceanographer at the University of Alaska Fairbanks. (Marc Lester/Anchorage Daily News via AP, File)

Bild: AP/Anchorage Daily News

Eine Reportage aus Alaska für alle, die glauben, dass der Klimawandel eine Erfindung ist



Der Friedhof musste schon zwei Mal verlegt werden. Die alte Schule steht unter Wasser. Und das neue Schulgebäude kann auch bald nicht mehr genutzt werden. In Napakiak, einem kleinen Dorf im Südwesten Alaskas, sind die Auswirkungen der Erderwärmung unmittelbar zu spüren.

Der Anstieg der Durchschnittstemperaturen, der in dem US-Bundesstaat viel deutlicher ausfällt als sonst auf der Erde, sorgt für Landerosion und ein Auftauen der Permafrostböden. Für die Bewohner Alaskas bedeutet dies drastische Veränderungen in ihrem Leben.

«Hier haben wir es täglich mit dem Klimawandel zu tun», sagt Walter Nelson vom Gemeinderat des 350-Seelen-Ortes Napakiak, in dem vornehmlich Yupik-Inuit leben. «Die Küste erodiert schneller als vorhergesagt, und wir müssen uns vom Fluss immer weiter in höher gelegene Gebiete zurückziehen.»

Wettlauf gegen die Zeit

Nelson deutet auf Bauten, die meisten auf den für die Region typischen Stelzen, die von der Küstenerosoion und dem Auftauen der Permafrostböden betroffen sind.

«Es ist ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit. Jetzt gerade stehen der Lebensmittelladen, die Feuerwache und ein Verwaltungsgebäude ganz oben auf der Liste für einen Standortwechsel», sagt der Kommunalpolitiker. «Als nächstes ist die Schule dran, aber die können wir nicht verlegen. Wir werden sie abreissen müssen und eine neue bauen.»

Den anderen Gemeinden an Alaskas Küste geht es ebenso. Die Erderwärmung führt zudem dazu, dass die entlegenen Dörfer sowie Fisch- und Jagdgründe der Inuit noch schwerer zugänglich werden. Denn wegen der höheren Temperaturen können bislang als Verkehrswege genutzte vereiste Flüsse nicht mehr gefahrlos befahren werden, das Eis hält nicht mehr.

Sonnenaufgang in Napakiak, Alaska. bild: wikimedia / MB298

Mehrmals umgesiedelt

Die rund 350 Bewohner von Newtok müssen diesen Sommer sogar umgesiedelt werden. Sie gründen in etwa 15 Kilometern Entfernung ein neues Dorf. Auch in Quinhagak an der Beringsee unweit der Mündung des Flusses Kuskokwim denken die Gemeindevorsteher darüber nach, alle 700 Einwohner in ein sichereres Gebiet umzusiedeln.

«Wir sind schon zwei Mal umgesiedelt, zuletzt 1979», sagt Warren Jones, Präsident der örtlichen Yupik-Organisation Qanirtuuq. Der Landverlust vollziehe sich so schnell, dass eine dritte Umsiedlung wohl unausweichlich sei.

Wissenschaftlern zufolge hat sich Alaska doppelt so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt. In den restlichen USA sei die Durchschnittstemperatur von 1901 bis 2016 um ein Grad Celsius gestiegen, in Alaska hingegen um 2.7 Grad, sagt Rick Thoman, Klimaexperte des Alaska Center for Climate Assessment and Policy.

Ein Sturm von Unbewohnbarkeit entfernt

Insbesondere für die ländlichen Gemeinden in Alaska bedeute dies «langfristige existenzielle Bedrohungen», warnt Thoman. «Einige Gemeinden sind nur einen Sturm von der Unbewohnbarkeit entfernt.»

In Napakiak kämpft seit einem Jahrzehnt Harold Ilmar in Vollzeit dafür, den inmitten einer endlos scheinenden Tundra liegenden Ort vor Schäden durch Stürme, Hochwasser und Erosion zu schützen. Durchschnittlich fünf Bauten jährlich verlegt er in höher gelegene Gebiete. Mit spärlichen Mitteln wie Sandsäcken und Plastikfolien versucht er ausserdem, die Schäden durch die Fluten des Flusses einzudämmen.

Wie die Vertreter anderer Inuit-Dörfer in Alaska reisten in den vergangenen Jahren auch Vertreter aus Napakiak zu Konferenzen im gesamten Land, um die konkreten Gefahren durch den Klimawandel zu schildern. «Wir sagen den Leuten immer wieder, dass sie hierher kommen sollen, weil sie es erst dann glauben können», sagt Nelson. «Am Telefon werden sie nicht verstehen, was hier passiert.»

Bild

Der «Flughafen» von Napakiak. bild: street view

In diesem Frühling stieg das Thermometer in Alaska auf bis zu 17 Grad - für die Region eine Hitzewelle. Angesichts solcher Entwicklungen kann sich Nelson mittlerweile vorstellen, dass die Bewohner seines Dorfes zu Klimaflüchtlingen werden. «Wir dachten, dass 2016 und 2018 die wärmsten Jahre hier waren, aber 2019 bricht alle Rekorde», sagt er. «Wer weiss, womit wir es in den nächsten zehn Jahren zu tun bekommen.»

Uno mahnt zum Handeln gegen Klimaerwärmung

Uno-Generalsekretär Antonio Guterres hat die Staatengemeinschaft in einem dringenden Appell zum Handeln gegen den Klimawandel aufgerufen. Die Welt sei auf «keinem guten Weg», um die Erderwärmung zu begrenzen.

Bei einem Besuch in Neuseelands Hauptstadt Wellington sagte er am Sonntag weiter, das politische Engagement der Staaten nehme ab. Darunter hätten insbesondere die kleinen Inselstaaten zu leiden - sie stünden an «vorderster Front». «Wir sehen überall deutliche Anzeichen, dass wir auf keinem guten Weg sind, um die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Ziele zu erreichen», sagte Guterres auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der neuseeländischen Regierungschefin Jacinda Ardern.

Mit dem Pariser Abkommen von 2015 wurde beschlossen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen.«Das Paradoxe ist: In dem Mass, wie sich die Dinge vor Ort verschlechtern, scheint das politische Handeln abzunehmen», sagte Guterres. Er zollte der neuseeländischen Regierung Respekt für ihr Vorhaben, das Land bis zum Jahr 2050 CO2-neutral zu machen. Treibhausgase, die durch die Landwirtschaft ausgestossen werden, fallen jedoch nicht unter die Vorgabe. Neuseelands Regierungschefin Ardern bezeichnete den Klimawandel als die «grösste Herausforderung» der internationalen Staatengemeinschaft. Es wäre «grob fahrlässig», das Thema zu ignorieren, sagte sie.

Guterres besucht im Vorfeld des Klimagipfels im September in New York mehrere Südpazifik-Staaten. Nach einer dreitägigen Station in Neuseeland reist er weiter auf die Fidschi-Inseln, nach Tuvalu und Vanuatu. Die Inselstaaten werden durch den steigenden Meeresspiegel bedroht. (sda/afp)

(sda/afp)

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