Leben
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montage/bearbeitung: watson / material: shutterstock

Emma Amour

Spiel mir das Lied vom roten Tod

Neulich fragt mich doch tatsächlich so ein [%?)*“, ob ich «meine Tage habe». Ich hatte sie nicht. Das war sein Glück. Wieso? Weil ich ihm sonst eventuell ein Tomätli gegeben hätte. Oder ihn weinend angeschrien hätte.



Kürzlich sitze ich mit Cleo in unserem Lieblingscafé. Wir sind in ein sehr wichtiges Gespräch vertieft – über Serien, Männer und die richtige Zubereitung eines Pad Thais als sich zwei Männer an unseren Tisch setzen.

Sie fallen auf, weil sie sehr laut sind. Und rülpsen. Dann schauen sie Autorennen-Clips auf YouTube. In voller Lautstärke. Ich starr sie an, ohne etwas zu sagen. Passiv aggressiv. Kann ich. «Was ist, hast du deine Periode oder was?», plärrt der eine. Der andere lacht. Dann highfiven sie sich.

Ich menstruiere gerade nicht. Was ihr Glück ist. Nicht, dass mich die Aussage auch nicht-menstruierend sehr hässig macht, aber ich habe meine Wut im Griff. Gewalt ist ja keine Lösung, haben wir gelernt. Also die meisten zumindest. Kim Jong-Un nicht. Das, obwohl er in der Schweiz zur Schule ging.

Äxgüse, wir schweifen mal wieder ab.

Zurück zu den Typen und der Mens. Und zu Cleo. Die just in diesem Moment ihre Regel hat. Tag 2. Das ist der schlimmste Tag der Tage. Also holt Cleo aus. Und lässt eine massive Hasstirade ab, die ich an dieser Stelle nicht wiedergeben kann, weil man solche Wörter besser nicht ins Internet schreibt.

Wie wenn der nächste Weltkrieg in deinem Unterleib ausgetragen wird

Nur soviel: Cleo erzählt unbeschönigt von grossen Blutklumpen, die aus ihr rauskommen, von Schmerzen, die sie Monat für Monat in die Knie zwingen und von depressiven Verstimmungen aufgrund Hormon-Achterbahnfahrten.

Die Jungs zahlen angewidert und hauen ab. Cleo und ich bestellen harten Alkohol, während uns die Mädels von anderen Nebentisch zuprosten und lächeln.

Später denke ich beim Heimfahren auf meinem Velo noch einmal über die Situation nach. Und werde erneut hässig.

Mir geht es ähnlich wie Cleo. Ich sterbe jeden Monat mindestens zwei Tage gefühlt 1000 Tode. Wenn die Mens nämlich ihren Höhepunkt erreicht, tut alles weh. Bauch, Rücken, Oberschenkel, Kopf. Es fühlt sich an, als würden 100 000 kleine fiese Bösewichte im Unterleib Weltkriege führen.

Als wäre das nicht schmerzhaft und beschissen genug, weiss ich nie genau, ob ich das Haus verlassen kann, ohne dass mein XXXXXL-Tampon nicht in 30 Minuten so dermassen versagt, dass ich wie ein wandelnder Splatter-Movie aussehe – und das nächste Klo nicht gerade um die Ecke ist, weil ich gerade im Tram sitze oder so.

Dann die Brüste. Woow, die Brüste. Kurz vor den Tagen sind sie nicht nur riesig, nein, sie schmerzen wie Sau. Auf dem Bauch liegen? Mission Impossible! Berührungen? Unmöglich! Das ist der Moment, in dem sogar der ausgeleierte Lieblings-BH zwickt. Und du dir sehr sicher bist, dass du eine Tonne wiegst.

Vor Wut habe ich in den Beton geginggt!

Das mal zu den körperlichen Leiden. Wobei nein, ich hab was vergessen. Den monatlichen Perioden-Pickel. Mal spriesst er auf der Nase, dann am Kinn oder auch mal mitten auf der Backe. Er ist riesig, schmerzt und entstellt. Manchmal leuchtet er röter als mein rötester Lippenstift. Er ist so riesig, dass auch Überschminken nicht geht. Nicht mal mit Camouflage. Meine Freundin, eine Maskenbildnerin, hats probiert.

Damit zum Seelen(un)heil. Schon ein paar Tage vor den Tagen leide ich unter PMS, dem Prämenstruellen Syndrom. Bei mir führt dieses zu enorm schlechter Laune. Während Cleo zu dieser Zeit eher depressiv und melancholisch ist, bin ich wütend. Schon das Anstehen in der langsameren Schlange vor einer Kasse kann mich zur Weissglut bringen. Ein platter Reifen am Velo hat mich schon einmal in eine Betonwand ginggen lassen.

Wenn dann das PMS-Ding überstanden ist und die Blutung eingesetzt hat, werde ich hypersensibel. Mich bringt alles zum heulen: Tier-Dokus, aufgebrauchtes WC-Papier, Liebesfilme und jedes einzelne Outfit, das ich besitze. Weil ich sicher bin, dass sogar meine absolute Lieblingsjeans scheisse aussieht.

So, das wars, liebe Leidensgenossinnen und werte Männer. Jetzt «freue» ich mich mal darauf, dass ich ja irgendwann vielleicht dann auch noch ein Kind gebären darf. Und dann wahrscheinlich ein müdes Lächeln für diese Zeilen übrig haben werde.

Juhee.

Deswegen, liebe Männer, liebe alle, wir wollen wirklich nicht gefragt werden, ob wir unsere Tage haben. Da aber auch in der Regel keine Regel ohne Ausnahme (Hihi) gilt: Wir lassen die Frage natürlich gelten, wenn ihr fragt, um uns gegebenenfalls eine Wärmeflasche zu bringen. Oder Schokolade. Oder ein Fass Glacé. Oder um mit uns drei Stunden lang Welpen-Videos zu schauen. Oder, wenn ihr wirklich harte Krieger seid, Proposal-Videos.

Disclaimer: Ich habe diesen Text während meiner Mens geschrieben. Und jetzt lasst mich in Ruhe das Video 10'000 Mal schauen und ein Weltmeer heulen. Danke.

WELTBESTES PROPOSAL-VIDEO EVER!

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Video: YouTube/Isaac Lamb

Schluchz (und f*ck you, Pickel!),

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Genauer nachzulesen hier >>

Es dankt: die Redaktion

PS: Wer Toni den Tampon nicht kennt, hat sein Leben verpennt

Die Geschichten aus dem Leben von Emma Amour:

Emma Amour ist ...

… Stadtmensch, Single, Anfang 30 – und watsons Bloggerin, die nicht nur unverfroren aus ihrem Liebesleben berichtet, sondern sich auch deiner Fragen annimmt. Und keine Sorge, so wie auch Emma, wirst auch du mit deinen Frage anonym bleiben. Madame Amour ist es nämlich sehr wichtig, auch weiterhin undercover in Trainerhosen schnell zum Inder über die Strasse hoppeln zu können.

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Das bin nicht ich, aber so würde ich als Illustration aussehen. Öppe. bild: watson

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