Robert Marc Lehmann: Der Wal-Flüsterer, der früher Haie fing
Robert Marc Lehmann hat dem Buckelwal vor Niendorf die Hand aufgelegt. Er habe gespürt, dass das grosse Tier Angst hat, sagte der Meeresbiologe Journalisten vor Ort. Aber er habe den Wal beruhigen können, während direkt daneben ein Bagger die Rinne aushob. Und dann drückte Lehmann den Wal vorwärts, er motivierte ihn, zu kämpfen – und der Wal schwamm.
In der Nacht zum Freitag hat der Wal den ersten wichtigen Schritt in Richtung Freiheit geschafft. Mit steigendem Wasser befreite er sich von der Sandbank vor Niendorf, auf der er zuvor tagelang feststeckte.
Damit ist das gewaltige Tier zwar noch lange nicht wieder dort, wo es sicher überleben kann; bis zum Atlantik ist es noch ein langer und schwieriger Weg. Der Mann, der in Deutschland Schlagzeilen als «Wal-Flüsterer vom Ostseestrand» machte, weiss das – aber es ist deutlich, wie sehr auch bei ihm die Hoffnung gestiegen ist, dass der Buckelwal nun doch eine echte Chance hat. «Ich habe mir gewünscht, dass genau das passiert», erklärte Lehmann. «Ich bin erst einmal froh.»
Robert Marc Lehmann: Eine Million Follower bei Youtube
Lehmann, geboren 1983 in Jena, ist Fotograf, Taucher, Biologe, Filmemacher und Umweltschützer. Er gilt als «Robin Hood der Meere», wahlweise haben ihn Medien auch schon den «Jacques Cousteau aus Thüringen» genannt.
Im Internet ist er eine Grösse, bei Youtube folgen ihm mehr als eine Million Menschen und spenden ihm Geld, damit er seine Arbeit fortführen kann.
Vom Hai-Fänger zum Hai-Schützer
Er selbst sagt, es sei die Faszination für Haie gewesen, die ihn diesen Weg beschreiten liess. Sein Vater habe ihm ein Buch über die Raubfische mitgebracht, als er sechs Jahre alt war. «Ab diesem Zeitpunkt gab es keine spannenderen oder schöneren Tiere für mich. Eines stand fest: Ich wollte Haiforscher werden.»
Nach Abitur und Zivildienst studierte Lehmann Meeresbiologie in Kiel und arbeitete beim Ozeaneum Stralsund und im Aquarium Kiel. Dort sei es bei ihm zu einem «Sinneswandel» gekommen. Er habe für seine Jobs Katzenhaie vor Schottland oder Fleckhaie vor Norwegen gefangen. Diese Arbeit habe er geliebt – aber dann allmählich gemerkt, dass es den Tieren in den Aquarien viel schlechter ging als in Freiheit.
«Dann weiss ich, wofür ich das mache»
Darüber sei er mit seinen Vorgesetzten in Konflikte geraten, woraufhin sein Vertrag nicht verlängert worden sei. Das sei ein Wendepunkt gewesen: Lehmann konzentrierte sich fortan auf eigene Projekte und Umweltschutz. Mit grossem Erfolg: 2015 kürte ihn die Zeitschrift «National Geographic» zum Fotografen des Jahres. 2018 ernannte ihn die Zeitschrift «Tauchen» zum «Mensch des Jahres». Lehmanns «National Geographic»-Gewinnerfoto zeigte eine Kegelrobbe, Deutschlands grösstes Raubtier.
«Um sie zu fotografieren, müssen die Bedingungen perfekt sein: glattes Wasser, gute Sicht, Gezeitenwechsel ohne Strömung», erklärte Lehmann damals. «Wenn ich nach einem solchen Einsatz mit blauen Lippen auf das Display meiner Kamera blicke und später Kindern bei einem Vortrag in der Schule eine tolle Geschichte erzählen kann, weiss ich, wofür ich das mache.»
«Robin Hood der Meere»: An jeder Schule «ein kleines Umweltfeuer»
Eines seiner grossen Themen ist der Schutz von Haien: Er dokumentiert weltweit das sogenannte Finning – also das Abtrennen von Flossen lebender Haie. 2019 gründete er gemeinsam mit Unterstützern den Verein «Mission Erde», um Projekte gegen Umweltzerstörung und Wildtierhandel voranzutreiben.
Seine Hoffnung auf Veränderung liege vor allem auf der kommenden Generation, sagt er. Darum besuche er regelmässig Schulen: «Kinder checken innerhalb von Minuten, worum es da draussen wirklich geht, und sind immer gleich Feuer und Flamme.» So entfachte er an jeder Schule «quasi ein kleines Umweltfeuer».

