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Dass meine Mutter sich nicht getraut hat, meinen Vater zu verlassen, konnte ich lange Zeit nicht nachvollziehen. Bild: shutterstock

Ich wünschte, meine Eltern hätten sich getrennt

Emilia Schneider (Name von der Redaktion geändert) hat das Leid von Scheidungskindern nie richtig nachvollziehen können. Denn die heute 32-Jährige hat sich immer gewünscht, dass ihre Eltern sich trennen. Die Geschichte eines Wunsch-Scheidungskinds.

*emilia schneider / watson.de



Meine Kindheit war sehr laut oder sehr leise. Dazwischen gab es nicht viel.

Sehr laut war es, wenn meine Eltern sich wieder einmal gegenseitig anschrien. Manchmal weil meine Mutter wieder einmal etwas falsch gemacht hatte und mein Vater vor Wut tobte. Manchmal weil das Geld zu Hause knapp war. Manchmal war mir der Grund auch nicht ganz klar.

Und sehr leise wurde es dann, wenn mein Vater schmollte und weder meine Mutter noch ich uns trauten, ein weiteres Wort zu sagen.

Die Beziehung meiner Eltern war ein Problem. Es war erst nur deren Problem, und dann wurde es mein Problem, weil sie ihre Probleme offen austrugen. Es ist denkbar unangenehm, wenn die meisten gemeinsamen Abendessen oder Ausflüge in Schreien oder Schmollen ausarten – und vor allem unfair, wenn man das als Kind dann irgendwie ausbaden muss. Fand ich damals zumindest.

Deswegen wäre es mir lieber gewesen, meine Eltern hätten ihr grosses Problem – sprich ihre Beziehung – aus der Welt geschafft. Ich wünschte, sie hätten sich scheiden lassen. Den richtigen Zeitpunkt zum Absprung zu finden, hätte uns allen wohl eine Menge Schwierigkeiten, Nerven und Tränen erspart.

Ich habe Scheidungskinder immer ein wenig beneidet

Bis heute, als erwachsene Frau Anfang 30, habe ich Schwierigkeiten, die Trauer von Scheidungskindern nachzuvollziehen. Natürlich kann ich verstehen, dass es schlimm sein muss, die eigene Familie auseinander brechen zu sehen.

Aber es fehlt immer etwas, um so richtig Mitleid empfinden zu können – denn ein bisschen habe ich Scheidungskinder immer beneidet. Lieber getrennte Eltern, die einen jeder für sich lieb haben, als Eltern, die gar nicht mehr in der Lage sind, Liebe zu transportieren. Weil sie so sehr damit beschäftigt sind, sich gegenseitig zu hassen.

«Lieber getrennte Eltern, die einen jeder für sich lieb haben, als Eltern, die gar nicht mehr in der Lage sind, Liebe zu transportieren. Weil sie so sehr damit beschäftigt sind, sich gegenseitig zu hassen.»

Keine Frage, auch Scheidungen hinterlassen ihre Spuren bei den Kindern. Ein Freund von mir musste zum Beispiel mit 13 eine Schulklasse wiederholen, weil seine Eltern sich damals getrennt haben. Bis heute hat er Schwierigkeiten, über das Thema zu sprechen.

Ein anderer Freund, der 12 war, als sein Vater die Familie verliess, sagte neulich erbost: «Mein Vater war eben egoistisch – er hat sein eigenes Glück über meines gestellt.»

Ich musste mir auf die Zunge beissen, um nicht zu fragen: Ist das nicht irgendwie sein gutes Recht? Hättest du lieber dauerhaft unglückliche Eltern zu Hause gehabt? Denn nur wegen ihrer Trennung können deine Eltern heute andere, glücklichere Beziehungen führen. Weisst du eigentlich, wie beschissen das ist, wenn du mit deinen wenigen Lebensjahren deine Erziehungsberechtigten anschaust und denkst: Leute, so nicht – das müsstet ihr doch besser wissen?

Meine Mutter hat sich nicht getraut, meinen Vater zu verlassen

Ich erinnere mich an einen Familienurlaub, da war ich 12. Wir waren gemeinsam mit einem Freund meines Vater in Frankreich campen. Als mein Vater abends schon geschlafen hat, hat meine Mutter dem Kumpel ihr Herz ausgeschüttet: über die cholerischen Anfälle meines Vaters. Seine Engstirnigkeit. Seine Unfähigkeit, über ihre Beziehungsprobleme zu sprechen.

Der Kumpel hat das blöderweise bei nächster Gelegenheit meinem Vater erzählt. Und der ist natürlich ausgerastet.

Die Situation endete damit, dass mein Vater meine Mutter und mich, irgendwo zwischen Zelten und WC-Häuschen in Südfrankreich, fragte, ob er uns verlassen sollte.

Meine Mutter und ich trauten uns nicht, etwas zu sagen. Später, als meine Mutter und ich gemeinsam im Zelt lagen und uns flüsternd unterhielten, fragte ich, warum sie meinen Vater nicht verlassen will. Sie sagte: «Ich wüsste dann doch nicht, wohin mit uns.»

Die Situation zu Hause machte mich depressiv

Trennungen sind immer schwierig – davon können nicht nur direkt Betroffene, sondern auch indirekt Betroffene wie Scheidungskinder sicherlich ein Lied singen. Trennungen sind allerdings vor allem dann ein Problem, wenn sie schon wie ein unüberwindbares Hindernis im Raum stehen – und dann trotzdem nicht vollzogen werden.

«Meine Mutter hat sich nicht getraut, meinen Vater zu verlassen – bis er schliesslich starb.»

Es gibt viele Gründe, sich nicht zu trennen. Manchmal möchte man die Norm wahren, weil man glaubt, Vater-Mutter-Kind müssen eine Einheit bilden. Oder man ist finanziell abhängig von seinem Partner. Bei meiner Mutter war es schlichtweg die Angst vor dem Danach.

Dass meine Mutter sich nicht getraut hat, meinen Vater zu verlassen, konnte ich lange Zeit nicht nachvollziehen. Auch nicht, dass mein Vater nicht anerkannt hat, wie kaputt deren Beziehung ist. Deswegen habe ich mich als Teenager immer weiter von meinen Eltern distanziert. Wurde depressiv. Habe angefangen, die Schule zu schwänzen, bin manchmal tagelang nicht Heim gekommen – nur, um dem dauerhaften Beziehungsstress zu entfliehen.

Zu Lebzeiten haben sich meine Eltern nicht mehr getrennt. Sie waren noch zusammen, als ich schon erwachsen war und mein Vater aufgrund einer kurzen, aber heftigen Krankheit schliesslich starb. Bis dass der Tod euch scheidet, im wahrsten Sinne der Worte.

Scheidungen sind nicht einfach – aber sie bieten auch Chancen

Was Scheidungskinder und ich gemeinsam haben: Wir mussten beide mitansehen, wie zwischenmenschliche Beziehungen zu Bruch gehen. Wir wissen schon von klein auf, dass das romantische Liebesideal nicht existiert. Dass die ganzen Liebesfilme, Disney und Sitcoms uns etwas vormachen. Am Ende kriegen sie sich eben nicht, sondern bekriegen sich.

Was ich als Wunsch-Scheidungskind allerdings sehen musste, war eine Ohnmacht gegenüber dem gescheiterten Liebesglück. Es geht nicht vor und auch nicht zurück. Die Beziehung der Eltern ist nicht zu retten, und jetzt muss man eben damit leben. Das zerstört das Familienleben, denn Mama und Papa schaffen es erfahrungsgemäss nicht, es lediglich untereinander auszumachen.

«Scheidungskinder und ich wissen: Das romantische Liebesideal existiert nicht. Am Ende kriegen sie sich nicht, sondern bekriegen sich.»

Das kann natürlich durchaus auch bei Trennungen passieren. Ich kenne Familien, die ihre Kinder bei sämtlichen Rechtsstreitigkeiten mitgezerrt haben, die angefangen haben, Söhne und Töchter gegen Väter und Mütter auszuspielen, die ihre Konflikte über den Nachwuchs ausgetragen haben. Bloss: Bei einer Trennung scheint das Ende so in Sicht zu sein.

Wer sich trennt, ist irgendwann getrennt und hat zumindest die Chance, dass es irgendwann wieder besser werden kann. Dass das nicht immer klappt – geschenkt. Aber ich hätte mir als Kind so sehr gewünscht, zumindest eine Möglichkeit für meine Eltern zu sehen, unabhängig voneinander glücklich zu werden.

Ich habe Liebe kennengelernt als gegenseitigen Hass

Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu verstehen, auf welche Art und Weise mein Verhältnis zu Liebesbeziehungen gestört ist. Dass wir alle irgendeinen Knacks haben, ist wohl normal, schätze ich. Verlustängste haben bestimmt viele Menschen, vielleicht Scheidungskinder noch mehr. Die Angst, anderen Menschen zu trauen oder keine Beziehung eingehen können möglicherweise auch.

Ich kenne Liebe allerdings oftmals nur als Zustand von gegenseitigem Hass. Und dieser Hass ist alternativlos. Da bin ich von meinen Eltern geprägt. Dass mein Partner mir prinzipiell keinen Schaden zufügen will, musste ich und muss ich auch immer noch lernen. Dass ich toxische Beziehungen eigenmächtig verlassen kann auch.

Ich will nicht dafür plädieren, dass man Beziehungen aufgibt, sobald es kompliziert wird. Aber ich finde, wenn man merkt, dass etwas dauerhaft schief läuft mit dem Partner, sollte man den Notausgang wählen. Auch – oder gerade dann – wenn Kinder im Spiel sind. Die Situation wird dadurch nicht einfacher – auf lange Sicht allerdings vielleicht gesünder. Am Ende ist es am wichtigsten, dass ihr euch offen mit euren Emotionen auseinandersetzt und so einen gesunden Umgang mit Liebe und Beziehungen mitgebt.

Protokoll: Agatha Kremplewski

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51 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Theor
14.07.2019 17:04registriert December 2015
"Lieber getrennte Eltern, die einen jeder für sich lieb haben, als Eltern, die gar nicht mehr in der Lage sind, Liebe zu transportieren. Weil sie so sehr damit beschäftigt sind, sich gegenseitig zu hassen."
Die Scheidung räumt den Hass nicht aus dem Weg. Der Scheidungsprozess meiner Eltern ging 12 Jahre, in denen ich mir bei jedem Besuchsrecht anhören musste, wie abscheulich doch der jeweils andere Elternteil sei. Auch heute noch ist dieser Hass nicht verflogen und ich habe mit einem Elternteil kaum noch Kontakt deswegen.
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Ylene
14.07.2019 16:49registriert January 2016
Das oben war meine Kindheit, einfach mit vertauschten Rollen (die Mutter hat jeweils über Wochen kein Wort mehr mit uns gesprochen, wenn sie richtig wütend war.) Meine Schwester und ich haben uns auch gewünscht, dass sich unsere Eltern endlich trennen würden und das Ganze ein Ende hat.
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El Vals del Obrero
14.07.2019 16:53registriert May 2016
Als Scheidungskind, dass praktisch hin- und hergerissen zwischen zwei auch später eher "zerrütteten" Familien aufgewachsen ist (durch informell getrenntes Sorgerecht), kenne ich persönlich nur die andere Perspektive.
Sicher ist ein stabiles "Zuhause" besser als das.
Wenn die Alternative aber ist, dass beim verkrampften Versuch das zu erreichen nur noch Hass übrig bleibt, dann ist eine einvernehmliche Scheidung, die auch noch eine (juristische informelle oder fromelle) gemeinsame halbwegs einvernehmliche Verantwortung über die Kinder erlaubt wohl immer noch weniger schlecht.
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Emma Amour

«Mein Mann will nach dem Sex sofort duschen»

Hoi Alex,

tatsächlich war es bei meinem zweiten Freund auch so, dass der nach dem Sex sofort aufsprang, um zu duschen. Er war ständig sehr bemüht, dass ja keine Körperflüssigkeiten in Berührung mit Bettwäsche kommen.

Ich bin ganz mit und bei dir, mich hat das auch zum einen gestört und zum anderen verunsichert. Der Punkt führte bei uns zu regelmässigen Diskussionen. Irgendwann blieb er dann mir zuliebe liegen, fühlte sich dabei aber sichtlich unwohl und war verkrampft.

Irgendwann habe ich …

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